Traumpfade


Sara Rietz


Das dichte Laub eines riesengroßen Baumes hält mich vollkommen versteckt.
Die Äste, stark und grau, sind so verwirrend wie ein Labyrinth, in dem überall Gefahr lauert.
Diese dicken Äste führen schräg nach oben oder nach unten und sehen wie breite Pfade aus, die seitlich durch die stark belaubten Zweige voneinander getrennt sind.

Von einem pfadähnlichen Ast gehe ich angstvoll zu dem anderen, doch ich verirre mich immer wieder und gelange nur zu neuen Abzweigungen.
Auf einmal bin ich beruhigt, denn viele Menschen sind in meiner Nähe.
Ihre Stimmen klingen lebhaft, die ich deutlich und klar höre.
Sie gehen entweder weit entfernt vor mir oder fast neben mir, getrennt, durch die Zweige, die vor mir die Sicht zu ihnen versperren.
Fortwährend suche ich sie, zu ihnen will ich, doch ich finde keine Verbindung zu ihnen.
Sie entfernen sich, ohne mich wahrzunehmen.
Sie scheinen von mir unendlich weit zu sein.
Wieder verirre ich mich, und bei der nächsten Biegung sind sie nicht mehr zu hören.
Nach dem Verhallen ihrer Stimmen umgibt mich Stille.
Eine schmerzende, beängstigende Stille.
Allein bin ich geblieben, und fast verzweifelt setze ich die Schritte fort auf einem Ast, der sich leicht zum erhofften festen Boden neigt.

Sehnsüchtig schaue ich hinunter, aber statt der Erde erblicke ich ein Meer.
Sein Wasser verdunkelt sich vom Spiegelbild der Regenwolken.
Erschrocken von diesem Anblick, stehe ich regungslos auf der Stelle.
Gedankenschnell erkenne ich, hier im Schatten muß ich bleiben.
Von niemandem gesehen.
"Ich kann nicht hinunter", denke ich, "dort verschlingen mich die Wellen.
Wer rettet mich?"

Laut rufe ich nach Hilfe.
Auf meinen Schrei hin erwache ich und atme erleichtert auf.
Das Traumbild schwebt aber weiter vor mir.
Ich sehe mich dort in Unsicherheit, fast am Ende des Astes, am dünnen Zweig des Lebensbaumes klammernd zwischen Himmel und Erde, zwischen sein oder nicht sein.

(c) Sara Rietz / Pirna


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