Töne und Düfte


Sara Rietz


Aus tiefem Schlaf werde ich in den Frühstunden an einem der letzten Märztage durch ein mehrstimmiges Konzert von den unzähligen Bewohnern des nahestehenden Waldes geweckt. Dieser Gesang ist eine der wach werdenden Natur gewidmete Begrüßungshymne, in der die Hoffnung auf einen schönen sonnigen Tag mitschwingt. Wenn der Morgen Regen ankündigt, erklingt diese wunderbare Melodie nicht. "Schön ist das Leben", sage ich mir überzeugend.

Der Abend klang für mich mit einer mir immer Trost spendenden Beethoven-Symphonie aus, und heute spielt die Natur aus ihren Werken musikalische Kompositionen in verschiedenen Tonarten.

Mit erwartungsvoller Freude trete ich an das weitgeöffnete Fenster und trinke frische Luft aus dem Kelch, des sich entfaltenen Frühlings. Mein Arm ins Freie ausgestreckt, um die Wärme der Luft direkt an der Haut spüren zu können, wird vom sanften Windhauch zärtlich berührt, während mir von ihm leise summende Töne ins Ohr geflüstert werden.

Auf den Flügeln des milden Lüftchens fliegen meine Gedanken zu dem sich eben verabschiedeten Winter zurück, als der stürmische Wind in Fortissimo zwischen Himmel und Erde sein angsterweckendes Lied heulte und mischte sich das Seufzen der gebrochenen Zweige von kahlen Bäumen in die Musik des Winters ein.

Feinere Melodien erklingen jetzt auf den Saiten des Frühlings. Die flinken Bewegungen des wimmelnden Laufens und Fliegens der winzigen Lebewesen sind musikalische Passagen voller sprudelnder Kraft. Der vom heruntergedrückten Rauch bittere Geruch an kalten, nebligen Wintertagen zog weit vorüber.

Der Erdboden ist durch den Frühling aus der eisigen Umarmung des Winters befreit, und der besänftigte Frühlingswind bietet mir den Duft der feuchten Erde zum Riechen und Einatmen an, als wäre er ein netter Kavallier, der inzwischen ein Capriccio berauschend singt.

Mit einer spielerischen Leichtsinnigkeit läßt er die süße Last des aufgenommenen Duftes fallen, um beim nächsten Tanzschritt einen anderen von Bäumen und Gräsern gepflückten Duftstrauß zum neuen Genuß liebevoll überreichen zu können.

Mit verführerischer Kraft küssen die Strahlen der am Horizont aufsteigenden Sonne mein Gesicht. In ihrer zart streichelnden Wärme vibriert das Versprechen auf heiße Sommertage. Es scheint mir, als spürte ich in der Nase den Geruch der die durstige Erde umhüllenden Luft.

Aus meiner Träumerei bringt mich das stärkere Sausen des Windes, der vorher noch ein zaghaft wehendes Windchen war, in die Gegenwart zurück. Das ist ein musikalisches Vorspiel des sich nähernden Gewitters. Aus der Ferne ist die tiefe Baßstimme des Donners zu hören. Diese immer lauter werdende Musik übertönt das jetzt nur noch spärlich erklingende Trillern der Vögel, die auf einmal ängstlich schweigen.

Von Weitem höre ich das Prasseln eines kräftigen Regengusses, wie eine neue Variation in diesem vielfältig komponierten musikalischen Werk.

Meine Phantasie, schwebend zwischen Vergangenheit und Zukunft, bringt mir den Duft, den nach heißen Sommertagen folgenden Schauern, der aufgefrischten Blumen und das wunderbare Aroma der vom Staub gereinigten Luft, in die Erinnerung zurück.

Meine Gedanken verweilen bei warmen, vom Heu duftenden Sommernächten, als die sorglos zirpenden Grillen, diese kleinen Geiger der Natur, unermüdlich ihre Serenade spielen, zu der die im leichten Wind säuselnden Blätter der Bäume eine geheimnisvoll rauschende Begleitmusik bilden.

Klopfende Töne lassen mich in die Gegenwart zurückkehren. Das Grollen des Gewitters geht langsam vorüber. Aus einer verirrten Wolke fallen einige Tropfen, wie schwere Tränen, auf meine vor mir ruhig liegenden Hände. Der vorbeihuschende Wind bläst dicke Wasserperlen auf die Fensterscheiben, deren Melodie meine Gedanken zum monoton trommelnden Herbstregen führt, welche mit seiner Andante so melancholisch klingt, als wäre er eine Trauermusik, auf dem mit vielen Saiten versehenen Instrument der Natur. Der eintönige Rhythmus des Plätscherns wird durch den herben Duft des welkenden Laubes begleitet, aus dem die traurige Stimmung der Vergänglichkeit strömt.

Der Winter verwischt dann mit seiner Schneedecke die Spuren des Welkens, bringt statt des Modergeruchs frischen Duft vom Fichtenwald, um so die Hoffnung immer lebendig zu erhalten.

Die Frühlingssonne streichelt mir mit ihren warmen Strahlen mein Gesicht. Der Chor der kleinen Sänger im Wald erklingt fröhlich wieder.

(c) Sara Rietz / Pirna


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