So war das


Sara Rietz - September 2007


Sie saßen schon alle, die Mitglieder der Jugendorganisation "DISz", die Schüler und Schülerinnen des Gymnasiums, auf den Stühlen der Aula. Vor ihnen nahmen die Funktionäre am langen Tisch auf der Tribüne Platz. Hinter ihnen war die Wand mit den Bildern von Marx, Lenin und Stalin dekoriert. Darunter, in der Mitte stand Otto, der DISz-Sekretär, Schüler der zwölften Klasse. Er hielt ein Blatt vor sich in den Händen, während er mit versteinertem Gesicht, ebenso wie die anderen, und mit einem stechenden Blick auf die Menge herabblickte.

Im Saal herrschte schon erwartungsvolle Stille. Trotzdem wartete der Sekretär noch minutenlang. Die Spannung wuchs. Nach einer flüchtigen Begrüßung begann er dann seine Rede. Hart, drohend klang seine Stimme. "Bevor wir zum ersten Tagesordnungspunkt kommen, müssen wir eine wichtige Sache erledigen. Jawohl, erledigen." Nachdrücklich wiederholte er das Wort. Er strich sein dunkles Haar von der Stirn und setzte fort: "In unseren Reihen versteckt sich der Klassenfeind." Er hielt wieder eine Pause. Beinahe wütend sagte er dann: "Hilda Görög, steh auf!"

Ein Mädchen, schlank, mittelgroß, Schülerin der neunten Klasse, erhob sich langsam, ängstlich, beschämt. Minuten verstrichen wieder. Der Sekretär brüllte fast donnernd: "Diese Person hat vor uns verschwiegen, daß ihr Vater fünfundzwanzig Jahre lang Gendarm im Horthy-Regime gewesen war. Klassenfeind also, ein Reaktionär, ein Gegner unserer sozialistischen Gesellschaft. So hat er auch seine Tochter erzogen." Eine minutenlange Pause folgte wieder. "Diese Person unter uns verschwieg die Wahrheit. Wir sind aber für die Wahrheit. Sie versteckte sich unter uns, um unsere ehrliche Arbeit zu sabotieren. Sie kommt vom Klassenfeind und bleibt auch Klassenfeind."

Seine eiskalten Worte flogen wie schwere Steine auf die Schülerin, die in der Mitte des Saales, im Kreise von dreihundert Schülern, mit vorgeneigtem Kopf wehrlos, gedemütigt stand. Es kam die nächste Pause. Dann hob er seine schneidend scharfe Stimme zum Befehl: "Du gehörst nicht zu uns. Verlasse unseren Saal!"

Hilda ging gerade, mit gleichmäßigen Schritten zur Tür, öffnete und schloß sie hinter sich leise. Niemand schaute nach, wie schwach, energielos, seelisch verwundet, sie die Stufen vom dritten Stock hinunter schaffte.

Sobald die Schritte verklungen waren, fragte der Sekretär nach einer kurzen Pause ein wenig besänftigt: "Was ist euere Meinung?" Ein tiefes Schweigen war die Antwort. "Eueren Standpunkt will ich wissen", forderte er die Anwesenden auf einmal mit machthaberischem Ton auf.

Niemand sagte etwas. Ohne Worte, ohne die kleinste Bewegung saßen sie alle. Die Stille erstarrte. Nur ein verirrter Brummer summte an einer Fensterscheibe verzweifelt an jenem Herbsttag 1952.

(c) Sara Rietz / Pirna


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