Seelenverwandtschaft


Sara Rietz


Für die jungen Damen, die gerade jetzt über die Brücke gehen, hält dieser Sonntag eine besondere Bescherung unterschiedlicher Qualitäten parat. Die mollige Ella streicht sich über ihr blondes Haar und sagt, empört sich auf die Ereignisse des vergangenen Tages besinnend: "Die Versammlung hatte eine höchst unangenehm bedrückende Atmosphäre. Nicht wahr?" "Oh ja, mich hat sie sogar im Schlaf verfolgt", seufzt Isabell nachdenklich, die im Gegensatz zu ihrer Kollegin eine schlanke, zarte Figur hat. "Vergessen wir alles", schlug die Blonde vor, "wir sollten auf den heutigen sonnigen Tag umschalten." "Wirklich. Das wird für uns das beste sein", stimmt Isabell wohlgelaunt zu und wendet ihr von braunem Haar umrahmtes Gesicht der Sonne entgegen.

Gemütlich setzen sie ihren Weg fort. Von der Straßenecke aus sehen sie schon das Stadtmuseum, vor dem sich viele Menschen auf dem breiten Bürgersteig sammeln, um die Ausstellung der modernen Kunst zu besichtigen. "Heute werde ich dir meinen neuen Freund vorstellen", nimmt Ella wieder das Gespräch auf. "Ich habe ihn genau an dem Tag kennengelernt, an dem du zum letzten Mal nach Hause gefahren warst." "Da liegt es schon sechs Wochen zurück. Wie sieht er aus?" "Schlank, groß, hat braune Augen und welliges Haar." "Gefällt er dir?"

Ellas Antwort verliert sich im Lärm. Passanten kommen und gehen vorbei. Die beiden stehen schon vor dem Gebäude, über dessen Eingang zu lesen ist: "31. Mai --- Illusion und Poesie" "Ein schöner Anlaß ist das", denkt Isabell und tritt mit Ella in den großen Saal, wo sie gleich das Motto der Ausstellung entdeckt. auf einem Bild schwebt ein Kranz über der Erdkugel. Die Schleifen mit dem Wort "Frieden" hängen tief herunter. "Wie aktuell das ist", überlegt sie nun, dann aber zieht ein anderes Gemälde ihre Aufmerksamkeit auf sich.

Der blaue Himmel ist durch eine dunkle dicke Wolke geteilt, die die Strahlen der aufgehenden Sonne überhaupt nicht durchscheinen läßt. Graue Farbtöne dominieren hier auf dieser Schattenseite. Perspektivisch zieht ein zerstörtes Stadtviertel mit den Ruinen von Häusern, den zerfetzten Bäumen am Horizont entlang, das dann allmählich durch dichten Nebel verschlungen ist. Im Zentrum eines breiten Platzes steht eine ausgebrannte Kirche, die ohne ihren einst hoch ragenden Turm wie eine offene Wunde wirkt. Ihr gegenüber, auf einem Hügel, ist eine Tribüne zu sehen, auf der viele umgekippte Büsten durcheinander liegen, über denen ein Totenkopf triumphierend thront. Auf der öden Erde liegt eine Fahne, die einst die Farbe des Blutes trug, verloren und verdreckt.

Die linke Hälfte des Bildes ist in Licht getaucht. Eine sattgrüne Wiese mit bunten Blumen und ein gesunder Wald breiten sich aus. In aller Ruhe weiden mehrere Schäfchen am Bach. Einem schlummernden Kind spenden die Baumwipfel Schatten. Über ihnen fliegt eine weiße Taube. In der Höhe des ehemaligen Kirchturmes glänzt ein Kreuz im Sonnenlicht wie ein goldenes Triumphzeichen, welches die Konturen des wieder aufgebauten Kirchgebäudes ahnen läßt.

Tief beeindruckt bewundert Isabell diese Komposition der Vergänglichkeit und Zukunftsvision. Dabei findet sie zwischen zarten Grashalmen ein Monogramm "R. B." "Diese Initialen habe ich schon irgendwo gesehen", flüstert sie, "aber ich weiß nicht, wen sie betreffen." "Robert Banath, den bekannten Maler, meinen Freund", antwortet Ella prompt mit Stolz.

Schlendernd verlassen sie jetzt den Saal und gehen ins Café nebenan. So angeregt plaudern sie beim Kaffeetrinken über ihre Kunsterlebnisse, daß sie den jungen Mann im hellgrauen Anzug am Tisch einfach nicht wahrnehmen. "Ich grüße die Damen", hören sie auf einmal seine froh klingende Stimme. Stürmisch steht Ella auf: "Isabell, mein Freund." Die braunhaarige Isabell erhebt sich rasch, reicht Robert die Hand und stellt auf Anhieb fest, daß Ellas Beschreibung stimmt. Sie schauen einander tief in die Augen, in denen gleichzeitig Funken aufblitzen. Isabell scheint sehr überrascht und verlegen zu sein, während er ihre rechte Hand länger als erlaubt festhält. "Kennt ihr euch etwa?", stottert Ella.

Mit einem Gedankensprung sind die beiden in die jüngste Vergangenheit zurück versetzt. Isabell sieht sich plötzlich in der Wartehalle mit ihrem Reisekoffer allein auf der Bank sitzen. Sie weiß heute noch, daß sie vertieft eine Rezension über den Roman "Die Wanderdüne" von Rose Dorn las. Die Schriftstellerin deutscher Abstammung ist in Neu-Seeland geboren. In ihrem weltbekannten Werk wandert sie auf den Spuren des schweren Schicksalsweges ihrer Eltern. Darüber wurde in der Literaturzeitschrift "Die Kritik" so fesselnd geschrieben, daß sie beim Lesen von den vorbeigehenden Reisenden keine Notiz nahm. In Gedanken war auch Robert bei dieser Szene, wie er an jenem Nachmittag vor ihr in Armeeuniform mit zackigen Schritten auf und ab marschierte, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Schließlich gelang es ihm doch. Dann schaute sie hoch, und ihre Blicke trafen sich. Sie lächelte ihn an. Das war schon alles.

Mit einem lauten Pfeifen kam der Zug an. Schnell packte sie ihre Leselektüre in die Handtasche ein, nahm den Koffer, eilte fort und stieg ein. Er auch. "Sagen Sie mir bitte schnell Ihre Adresse." Sie drehte sich um, sah ihn an und diktierte gehorsam die Anschrift. "Beruf?", fragte er. "Lehrerin." Mit einem "Danke. Adio" sprang er hinaus, dann schlossen sich die Türen.

Einige Wochen später fand sie in ihrem Briefkasten sein Telegramm. "Ich komme ..."

Jetzt sitzen sie nahe beieinander und halten die Blicke fest, während Ella fast ununterbrochen zu ihm spricht. Er hört aber anscheinend nicht zu. Er faßt Isabells linke Hand. "Dich habe ich gesucht", gesteht er ungeniert, mit warmer Stimme. "Dein Lächeln nahm mich gefangen." Erst jetzt wendet er sich an Ella: "Fräulein Lenz, haben Sie Dank für Ihre Mühe." "Schon gut. Ich wünsche euch Glück", zischt sie, und ohne ihr Glas zu berühren, entfernt sie sich mit eilenden Schritten.

Alleine bleiben sie zurück und heben ihre Gläser. "Schön bist du in deinem schwarzen Kleid", sagt er. Isabells meergrüne Augen füllen sich plötzlich mit Tränen. "Wo warst du denn, als ich dich besuchen wollte?" Auf diese Frage wartete sie schon. "An jenem Tag erhielt ich auch ein anderes Telegramm. Mein Vater sei gestorben." "So etwas ähnliches ahnte ich schon damals. Aus reinem Zufall sprach ich am Bahnhof deine Kollegin an. Sie sagte bloß, du hättest dringend nach Hause fahren müssen." "Ich konnte dir keine Nachricht hinterlassen, denn unter deinem Text stand nur R. B.", erklärt Isabell den wahren Grund ihres Verhaltens vor sechs Wochen. "Ich wußte aber", gesteht Robert, "daß ich dich irgendwann doch finden werde."

Nun Zeit und Raum vergessend, unterhalten sie sich äußerst lebhaft. Ehrlich und frei tauschen sie ihre Gedanken und Empfindungen aus, als wären sie schon lange miteinander bekannt. Robert wird nachdenklich.

"Von Höhen und Tiefen ist unser Dasein umrahmt", sagt er. "Auf flachen und hohen, manchmal sogar stürmischen Wogen des uferlosen Ozeans des Lebens wird der Mensch wie ein Segelschiff in Miniatur ständig hin- und hergetrieben. Doch ihm gehören Sonnenschein, Gewitter und Regenbogen." "Du bist wirklich ein Künstler. Du malst auch mit Wörtern Bilder in Licht und Schatten." Robert hängt seinen eigenen Gedanken nach und überhört ihr Lob. "Du lächeltest mich an, und ich spürte ... ja, ich spürte ganz klar, daß unsere Seelen verwandt sind." Von Freude berauscht, streichelt er voller Zärtlichkeit über Isabells geneigten Kopf. Sie hebt ihre Lider, strahlt ihn mit glänzenden Augen an und erkärt ihm mit warmer Stimme, die Begegnung von damals auch nicht für alltäglich gefunden zu haben. "Den Magnetismus dieser Seelenverwandtschaft spürte ich auch", fügte sie hinzu. "Ich träumte von dir, ich mußte sehr oft an dich denken." "Ich auch. Dein Gesicht malte ich noch an dem selben Abend, um dich jeden Tag zu sehen." "Oh, das möchte ich mal auch betrachten."

Robert winkt dem Ober. Dann verlassen sie Hand in Hand das Lokal und kehren zur Ausstellung zurück. Einige Minuten später steht Isabell vor ihrem Portrait, für das sie damals unbewußt Modell gewesen war und erkennt darauf ihre eigenen Gesichtszüge, ihre Frisur, ja sogar ihr Wesen. "Großartig. Ich danke dir", sagt sie und wendet sich an den Maler und reicht ihm die Hand. In diesem Moment schauen Isabell und ihr Ebenbild mit dem gleichen Lächeln Robert an, der schon lange auf diese Szene wartete. In ihren Herzen musiziert jetzt das Glück fein wie ein Cello, das für ihre gemeinsame Zukunft Hoffnung und Harmonie spendet.

(c) Sara Rietz / Pirna


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