Raubgut


Sara Rietz


An demselben Tag, an dem die russischen Besatzer überall im Ort und nicht nur bei uns die Plünderei mit der größten Intensität getrieben hatten, stand ich in der Wohnküche mit meinem jüngeren Bruder in der Nähe meiner Mutter, die am Herd mit dem Kochen beschäftigt war. Interessiert schaute ich dabei auf ihre flinken Handbewegungen.

Ein Schreck ergriff uns alle, als die Tür des Vorgartens plötzlich krachend aufgerissen wurde. Sechs Augenpaare blickten schnell dorthin und sahen, als ein mittelgroßer, schlanker Soldat eine Wäschetruhe auf der Schulter mühsam festhielt und unter der Last schwankend in die Wohnküche trat. Sichtbar erschöpft rang er nach Luft, stellte die etwa anderthalb Meter lange, fünfzig Zentimeter hohe und ebenso breite Truhe, sie seitlich mit einem großen Vorhängeschloß verschlossen war, quer in die Mitte des Raumes. Ohne ein Wort zu sagen, setze er sich darauf und versunken, den Kopf auf die rechte Hand gestützt, ruhte er sich aus. In dieser Position beobachtete er uns mit traurigen Augen, folgte allen unseren Bewegungen. Verstohlen guckte ich ihn ab und zu an. Einmal trafen sich unsere Blicke. Ernst und nachdenklich war sein junges Gesicht. Vielleicht dachte er in dieser Ruhepause an seine Eltern und Geschwister.

Das Mittagessen war noch nicht fertig, als vom Hof aufgeregte Stimmen, lautes Geräusch eilender Schritte mehrerer Soldaten an unsere Ohren klangen.

Blitzschnell hob er den Kopf, horchte kurz, sprang rasch auf, wandte sich zur Truhe und rief mit Dringlichkeit in der Stimme: “Mama Mama." Eine Sekunde wartete er auf den Blickkontakt und zeigte vorgebeugt mehrmals mit dem gestreckten Zeigefinger seiner rechten Hand auf das Raubgut. Dann rannte er hinaus. Sechs Augenpaare schauten ihm nach., wie er angstvoll seinem unbekannten Schicksal entgegen lief. “Gott mit dir", flüsterte meine Mutter kaum vernehmbar und schob mit merklicher Abneigung die geflochtene Wäschetruhe eiligst auf die Seite. “Ach wer weiß", fragte sie mitleidig, von welchem Nachbarn hatte er das Ding geraubt?"

(c) Sara Rietz / Pirna


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