Poetischer Stimmungsgehalt und Zauber der Poesie in Prosa und Lyrik


Sara Rietz


Mit diesem Thema, das sich uns auf den ersten Blick als sehr abstrakt zeigt, befinden wir uns auf dem reichen Gebiet der Literatur, deren Basis die jeweilige Sprache ist. In ihr und durch sie lebt, existiert jede Nation.

Die Wörter, diese Edelsteine der Sprache, bilden den Wortschatz. Mit ihm schaffen die Menschen die Kunst der Sprache. Ja, mit Hilfe der Wörter können wir Gedanken formen, sprechen, den Inhalt unserer Gedankenwelt zum Ausdruck bringen. Diese Bausteine der Sprache sind glänzende Träger der Begriffe mit konkreter oder abstrakter Bedeutung auch in übertragenem Sinn. Sie verfügen außerdem über Klang, Färbung, Stimmung, die ihnen ästhetischen Wert oder unschönen, obszönen Beigeschmack verleihen. Durch diese Eigenschaften können sie verschiedene Assoziationen hervorrufen. Das führt zu Ideen, die wir den Gesprächspartnern mitteilen möchten. Durch diesen Wunsch kommt das Gespräch, die Unterhaltung zustande. Dazu müssen wir die richtigen, passenden Wörter finden. Hier tritt der Dichter, der Schriftsteller hervor, der fähig ist, die Sprache durch ungewöhnliche Assoziationen, quasi Wortkunst, zu erhabenem Stil zu entwickeln. In seinem Buch "Schreibpraktiken" schreibt Francis Ponsh: "Der Schriftsteller findet einprägsame, stichhaltige, siegesfähige Formulierungen in einer praktischen Diskussion. Das ist alles, was er zu tun hat: Den Leuten vorzuführen, sie zum Einverständnis mit sich selbst zu bringen."

Mit dieser kristallklaren Sprache kann also der Schriftsteller die Leser mit seinen Ideen überzeugen. Auf dieser Ebene komponiert er seine Erlebnisse, Erfahrungen und führt den Leser oder Hörer mit seiner Darstellung in die entsprechende Stimmung der literarischen Welt. Dabei führt er eine schöpferische, kreative Arbeit durch, so daß er die Wirklichkeit nicht einfach kopiert, sondern sie sozusagen zur Literatur verwandelt. Er erlebt die Wahrheit und "transformiert sie in eine andere Ebene der Wahrheit, in die Ebene der Poesie." (E. Strittmatter, "Vor der Verwandlung")

János Arany, ein ungarischer Dichter im 19. Jahrhundert, sagt: "Der Zauber der Kunst hängt nicht von der Wirklichkeit, sondern von ihrem himmlischen Abbild ab."

Dieses Zitat unterstreicht das oben Gesagte. Francis Ponsh sagt: "Die Kunst ist ein neuer Wert, Daseinsberechtigung der Menschen." In jedem Zeitalter der Geschichte bewiesen die Künstler der Sprache, Dichter und Schriftsteller, daß sie die Literatur durch die neuen Ausdrucksweisen immer beeinflußten und auf neue Wege brachten. So wurden die literarischen Gegenstände zur neuen Bewertung geführt. Auf diese Art entstanden die verschiedenen Stilrichtungen wie Romantik, Klassik, Expressionismus, um nur einige zu nennen. In jeder Ära der Dichtkunst waren aber die Vertreter der jeweiligen Stilrichtungen bestrebt, die großen gesellschaftlichen Probleme wahrheitstreu zu schildern, die Stimmung ihrer Zeit widerzuspiegeln.

Wie schon vorher gesagt, beobachten die Dichter und Schriftsteller die Wirklichkeit und kreieren daraus eine neue Welt, also "Dichtung und Wahrheit", wie Goethe es formulierte.

Durch die Verwendung einprägsamer Wörter ist die Stimmung im nächsten Zitat leicht nachzuempfinden. "Landstraße, das ist etwas langes, langes, ohne sichtbares Ende wie das Leben des Menschen, wie die Sehnsucht des Menschen." (Dostojewski, "Die Dämonen") Die Stimmung, die aus diesen Zeilen strömt, ergreift uns nachhaltig. Das wird durch den Parallelismus, gleiche Satzstruktur, poetisch geschafft und untermalt. Der Vergleich des konkreten mit dem unkonkreten Inhalt von Leben und Sehnsucht des Menschen macht uns nachdenklich und versetzt uns in eine Stimmung der Vergänglichkeit.

Die großen Sprachkünstler, Dichter und Schriftsteller, ziehen die Leser in ihren Werken bei der Darstellung unterschiedlicher Bereiche des Lebens durch die eingefangene Stimmung in ihren Bann. Bei der Betrachtung einer Landschaft, einer Katastrophe oder eines geheimnisvollen Ereignisses übermittelt der Schriftsteller nicht nur die Handlung, sondern auch die Stimmung, die mit ihr verbunden ist. Als Beispiele dafür dienen Zitate aus Goethes "Novelle":

--- "Es ist eine Wildnis wie keine, ein zufällig-einziges Lokal, wo die alten Spuren längst verschwundener Menschenkraft mit der ewig lebenden und fortwirkenden Natur sich in dem ernstesten Streit erblicken lassen."
--- "Die Häuser des Marktes, vom Widerschein gerötet, schienen schon zu glühen, drohend, sich jeden Augenblick zu entzünden und in Flammen aufzuschlagen; unten wütete das Element unaufhaltsam, die Bretter prasselten, die Latten knackten, Leinwand flog auf, und ihre düstern, an den Enden flammend ausgezackten Fetzen trieben in der Höhe sich umher, als wenn die bösen Geister, in ihrem Elemente um- und umgestaltet, sich mutwillig tanzend verzehren und da und dort aus den Gluten wieder auftauchen wollten."

Die vorgestellten Texte beweisen, daß der Schriftsteller die zum Ausdruck gebrachte Stimmung, wie die Bewunderung der Landschaft oder die Angst wegen des Feuers, in seine Seele trägt. Deshalb können wir mit dem Schriftsteller lachen oder weinen, traurig oder fröhlich, begeistert oder niedergeschlagen sein, weil er uns mit seinen Ideen samt Stimmung mittels der Dichtkunst tief zu berühren fähig ist. Dabei spielt die schöne Sprache, also der Stil, als entscheidender Faktor eine große Rolle.

Beim Analysieren literarischer Werke läßt sich leicht feststellen, daß Prosa und Lyrik miteinander eng zusammenhängen. Trotz der Formunterschiede --- Prosa hat ungebundene, Lyrik gebundene Form --- ist eine Ähnlichkeit zu entdecken. Dafür dient als Beispiel die Novelle "Weiße Nächte" von F. M. Dostojewski am besten, denn ganz subjektive Gefühle sind hier poetisch offenbart.

Michael Werner charakterisiert diesen kleinen Roman in seiner Einschätzung folgendermaßen: "Die zarte verhaltene Poesie, die die unerfüllte Liebe dieser beiden jungen Menschen umgibt, liegt über der ganzen Novelle. Die zauberhafte Atmosphäre der berühmten weißen Nächte Petersburgs, des nördlichen Venedigs, mit den silbrigen Strahlen der Mitternachtssonne, dem wundervollen Himmel voller Sterne, den glitzernden Kanälen der Stadt, an denen sich die Liebenden treffen, der Hauch des Reinen und Lauteren, der ihre seltsamen nächtlichen Begegnungen umflutet, alles das verleiht der Novelle den Glanz einer außergewöhnlichen lyrischen Dichtung." Wie aus diesem Zitat zu entnehmen ist, bilden hier die subjektiven Empfindungen, das Erwachen der reine Liebe den Inhalt mit einer grandiosen Stimmung. Begeisterung und eine hoffnungsvolle Erwartung eröffnet die Komposition.

"Als wäre ich ihnen tatsächlich ein Fremder. Ich wanderte viel und lange umher, so daß ich meiner Gewohnheit nach schon vergessen hatte, wo ich war, als ich mich auf einmal bei einem Schlagbaum wiederfand. Plötzlich wurde mir fröhlich zumute. Ich passierte den Schlagbaum, ging zwischen besäten Feldern und Wiesen dahin, verspürte keine Müdigkeit, sondern hatte nur in meinem ganzen Wesen die Empfindung, daß mir gleichsam eine Last von der Seele fiel. Alle Vorüberfahrenden sahen mich so freundlich an, beinahe als ob sie mich grüßen wollten. Alle waren über irgendetwas erfreut. Alle ohne Ausnahme rauchten Zigarren, und ich war so froh, wie ich es noch nie in meinem ganzen Leben gewesen bin. Gerade wie wenn ich plötzlich nach Italien versetzt wäre. So stark wirkte die Natur auf mich, den halbkranken Städter, der in den Mauern der Stadt fast erstickt war. Es liegt etwas unaussprechlich Rührendes in unserer Petersburger Natur, wenn sie beim Herannahen des Frühlings auf einmal ihre ganze Macht, alle ihr vom Himmel gegebenen Kräfte an den Park legten, sich belaubt und sich mit bunten Blumen schmückten. Sie erinnerten mich unwillkürlich an ein sieches, kränkliches Mädchen, das man manchmal voller Mitleid, manchmal mit einer Art von bedauerder Liebe ansieht, manchmal auch einfach nicht beachtet, das aber plötzlich in einem Augenblick ganz unerwarteterweise unaussprechlich wundervoll schön wird, so daß man sich überrascht und entzückt unwillkürlich fragt, welche Macht hat diese traurigen, melancholischen Augen dazu gebracht, mit solchem Feuer zu leuchten. Was hat das Blut in diese blassen hageren Wangen getrieben, was hat diese zarten Gesichtszüge mit dem Ausdruck der Leidenschaft übergossen? Wovon hebt sich diese Brust so? Woher kommt es, daß das Gesicht des armen Mädchens sich auf einmal mit Kraft und Leben und Schönheit erfüllt hat und von einem solchen Lächeln strahlt, und von einem so prächtigen funkensprühenden Lachen belegt ist? Man schaut sich ringsum und sucht den Zauberer und stellt Vermutungen auf. Aber der Augenblick geht vorüber, und vielleicht begegnet man schon morgen wieder demselben melancholischen, zerstreuten Blick wie früher, demselben blassen Gesicht, derselben Ergebung und Schüchternheit in den Bewegungen. Ja, man entdeckt in diesem Gesicht sogar einen Ausdruck von Reue, die Spuren eines tödlichen Grames und Verdrusses über die kurz währende Schwärmerei, und man bedauert, daß die einen Augenblick währende Schönheit so schnell, so unwiederbringlich dahingewelkt ist und ihren Glanz vergebens entfaltet hat. Man bedauert es schon deswegen, weil man nicht einmal die Zeit gehabt hat, sie liebzugewinnen."

Im Abschluß strahlt der Text eine andere, melancholische Stimmung uns entgegen. Der junge Mann, der Träumer, wie er sich nennt, sendet seine Gedanken zu dem weggegangenen Mädchen: "Möge dein Lebenshimmel klar und heiter, dein liebes Lächeln hell und ungetrübt sein, und mögest du gesegnet sein für die Stunde der Seligkeit und des Glückes, die du einem anderen Herzen, einem einsamen, dankbaren Herzen gewährt hast. Oh, mein Gott, eine ganze Stunde der Glückseligkeit, ist das etwa wenig selbst für ein ganzes Menschenleben."

In diesen abschließenden Sätzen sind die Wörter besonders kunstvoll eingesetzt. Sie verleihen so verstärkt dem Finale einen dichterischen Ausklang. Es ist also eine lyrische Komposition, wodurch wir ohne große Mühe bei der Lyrik angekommen sind.


Zauber der Lyrik

In den Gedichten, wie es uns wohl bekannt ist, werden, meistens in gebundener Form, subjektive Gefühle zum Ausdruck gebracht. Diese Empfindungen, Emotionen sind von persönlichen Schmerzen, Enttäuschungen gefärbt.

János Arany, ein ungarischer Dichter im 19. Jahrhundert, formuliert es so: "Durch das Schlagen der Meisterhand des Kummers entsteht das schönste Lied, entsteht der schönste Gesang."

M. Gorki unterstützt diese Auffassung mit seiner Feststellung: "Was man nicht selbst erfährt, das kann man auch nicht beschreiben." (Unter fremden Menschen)

Die Vielfältigkeit der Erfahrungen bzw. ihre Darstellung in den Gedichten liegt dem Zauber der Lyrik, der Dichtkunst zugrunde, denn jeder Mensch ist eine Welt für sich, ein Geheimnis zugleich. Der ungarische Dichter, Endre Ady, formuliert in seinem Gedicht "Ich möchte mich zeigen" kunstvoll diesen Gedanken: "Ich bin wie jeder Mensch: Erhabenheit, Nordpol, Geheimnis, Fremdheit, ein fernes Irrlicht, ein fernes Irrlicht."

Das bedeutet, allgemein subjektive Empfindungen, Eigenschaften des unterschiedlichen und doch gleichen individuellen Wesens auf der hohen Ebene der Dichtkunst zu komprimieren und die anderen zu erreichen. Das bedeutet auch, verborgene Geheimnisse der Seele samt vielfältiger Stimmung im Strahlen des Lichtes sehen zu lassen.

Maxim Gorki beschreibt es ähnlich: "Die Poesie des Geheimnisvollen ist die höchste Poesie, die es gibt." (Meine Universitäten)

An dieser Stelle hören wir einige Gedichte von Erich Kästner.

In diesem Vortrag strebte ich nicht nach Vollständigkeit, weil der Umfang begrenzt bleiben sollte und immer Fragen offen bleiben. Damit schließe ich.

Fjodor Dostojewski: Weiße Nächte. Verlag Neues Leben Berlin 1986, S. 17--20. (bei Biographien einsortiert, 12,80 M, 155 S., ISBN 3-555-00113-9; 1821--1881)

"Es war, als hätte man mich vergessen, als wäre ich wahrhaftig für sie ein Fremder!

Ich ging lange und viel umher und hatte nach meiner Gewohnheit schon längst vergessen, wo ich war, bis ich mich auf einmal an der Stadtgrenze befand. Im Nu wurde ich heiter, passierte den Schlagbaum und schritt zwischen Wiesen und bestellten Feldern dahin, ohne Müdigkeit zu verspüren; ich fühlte nur mit allen meinen Fasern, wie mir ein Stein vom Herzen fiel. Alle Vorüberfahrenden blickten mich so freundlich an, daß es fast aussah, als wollten sie mich grüßen; alle waren über etwas froh, und ausnahmslos alle rauchten Zigarren. Auch ich war froh wie nie zuvor. Mir war, als befände ich mich plötzlich in Italien --- so stark beeindruckte mich, den angekränkelten, in seinen Steinmauern beinah erstickten Städter, die Natur.

Es ist etwas unerklärlich Rührendes an unserer Petersburger Natur, wenn sie mit Anbruch des Frühlings plötzlich die ganze Macht, die ganze ihr vom Himmel verliehene Kraft hervorkehrt, sich belaubt, sich schönmacht, sich mit bunten Blumen schmückt. Sie erinnert mich dann unwillkürlich an ein schwächliches, kränkliches junges Mädchen, das man manchmal mit Bedauern, ein anderes mal mit mitleidiger Liebe anblickt, ein drittes mal einfach nicht bemerkt, das aber einem dann plötzlich und unvermutet für einen Moment so unerklärlich und wunderbar schön erscheint, daß man sich unwillkürlich betroffen, ja hingerissen fragt: Welche Macht hat diese nachdenklichen traurigen Augen so freudig aufblitzen lassen? Was hat das Blut in diese blassen, abgemagerten Wangen getrieben? Was hat in diesen zarten Gesichtszügen eine solche Leidenschaft entfacht? Was brachte diese Brust zum Wogen? Was rief auf einmal Kraft, Leben und Schönheit auf dem Gesicht des armen Mädchens hervor, was ließ ein solches Lächeln auf ihm erstrahlen, was gab den Anlaß zu diesem funkelnden, sprühenden Lachen? Sie blicken sich um, Sie suchen nach jemand, Sie sind dabei, es zu erraten ... Doch dieser Moment vergeht, und vielleicht schon morgen begegnen Sie wieder dem früheren abwesenden, nachdenklichen Blick, demselben blassen Gesicht, derselben Schüchternheit und Schicksalsergebenheit der Bewegungen, vielleicht bemerken Sie sogar Reue, Spuren von tödlicher Betrübtheit und Verärgerung über die Hingabe an den Augenblick ... Und Sie bedauern, daß diese momentane Schönheit so rasch, so unwiederbringlich verlosch, so trügerisch und unnütz vor Ihnen aufblitzte; Sie bedauern es, weil Sie nicht einmal die Zeit fanden, sie liebzugewinnen ..."

(c) Sara Rietz / Pirna


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