Peinlich, peinlich...Titel


Sara Rietz


Wie gewohnt kamen die Leute, Freunde, Verwandte, Nachbarn an den Wintertagen zusammen, um die langen Abende miteinandern so angenehm wie möglich zu verbringen. Während sie miteinanderplauderten, bot die Gastgeberin freundlich Salzgebäck in einer großen Schale auf dem Tisch zum verzehren an. Einer oder andere von den Besuchern braachte dazu einen Krug Wein aus der eigenen Ernte, um den Durst zu löschen.

Am Anfang sprachen sie traurig über die Sorgen und Kummer, mit denen siesich an den letzten Tagen beschäftigt hatten, aber dann ging die Unterhaltung in die Heiterkeit über. Dazu trug das Kosten der meisterhaft hegestellten Weinsorte bestimmt bei, denn es lockerte die Zungen und steigerte die Fröhlichkeit, sowie den Appetit auf das Gebäck.

Nach einigen lustigen Liedern schlug Martin, der blonde junge Mann, vor, dessen blaue Augen besonders lebhaft glänzten: "Erzählt mal etwas über die ersten Rendezvous. Wie war es?" "Sehr richtig, sehr richtig! Das Thema ist äußerst interessant. Bleiben wir dabei",rief die kleine Gesellschaft mit großer Begeisterung.

Paul, ein Verwandter der Familie, hatte Mut gefaßt, strich über seine dichten, braunen Haare, griff nach dem Weinglas, trank einen Schluck und fing an: "Ja, es geschah so ..." In der eingetretenen Stille erzählte er die Sache folgenderweise. Vor einigen Jahren beobachtete er auf dem Korso ein Mädchen, dessen Namen er nicht verraten wollte. Es war hübsch, schlank, hatte rundes, rotes Gesicht, zu dem die geflochtene Haarfrisur besonders gut paßte. Es lächelte mit den vollen Lippen einfach verführerisch. Paul schwärmte über das Mädchen, das ihm damals so sehr gefiel. Deshalb ließ er mit ihm bekannt machen, begleitete das Mädchen bis nach Hause und vereinbarte mit ihm für den nächsten Sonntag auf dem Markt ein Rendezvous. "Um schneller dort zu sein, fuhr ich mit meinem Fahrrad hin. Als ich in der Nähe des Mädchens gewesen war, stieg ich flink herunter und in diesem Momment brachte mich ein lauter Knall meines Hinters in eine unüberwindbare Verlegenheit. Ich kriegte eine rote Rübe, stieg wieder auf das Fahrrad und radelte fort. Hinter mir hörte ich noch, wie das Mädchen vernehmlich kicherte. Das kann ich bis heute nicht vergessen. So endete es einfach", schloß er seine Geschichte ab und tröstete sich mit einem Gläschen Wein, während die anderen ungeniert gelassen lachten.

"So kann auch eine erwachende Liebe durch einen ungewollten Unterton zu Ende gehen", bemerkte Helene,die kleine dicke Nachbarin, nachdenklich und fügte hinzu: "Ja, ich geriet auch einmal in eine ähnlichpeinliche Situation ." Ein wenig beschämend schilderte sie dann ihr Erlebnis, wie sie damals an einem sonnigen Sonntagsnachmittag an der abgespochenen Stelle auf ihren Verehrten ungeduldig wartete. Er kam mit einem Rosenstrauß in der Hand ihr entgegen. Er war nur ein paar Schritte entfernt, da entfleuchte ihr unkontrolliert ein laut hörbarer ton. Verlegen scharrte sie mit dem Fuß. Der junge Mann stellte dann spöttisch fest: "Fräulein, Sie finden anscheinend den richtigen Ton nicht wieder." "Er überreichte mir den Blumenstrauß und ging an mir vorbei", sagte Helene melancholisch und schloß die Augen. Leise und nachdenklich murmelte sie: "Eine Woche später verwelkten die Blumen ebenso wie meine Gefühle für den ersten Verehrer meines Lebens."

"Ach, deswegen sollst du nicht traurig sein,. Du erhieltest wenigstens Blumen. War es etwa nicht erfreulich?", fragte Mari-Luise, die Gastgeberin des Abendes. Sie war schon im mittleren Alter, hatte Frohgemut, war zum Scherzen bereit. "Ich kann euch aus meinen jüngeren Jahren eine kleine Episode auch berichten. An einem Sonntag im Sommer aber vor langer Zeit , wollte ich aus der Kirche vom Abendgottesdienst zügig nach Hause eilen. Ein junger Mann, mit dem ich seit einigen Wochen mliebäugelte, gesellte sich zu mir und ging an meiner Seite zu meinem Haus. Etwas Unangenehmes quälte mich. Schnell verabschiedete ich mich vor der Hoftür von ihm, trat ein, schloß die Tür zu. In diesem Augenblick verstärkte sich der innere Druck und plötzlich war ein überlautes Donnern zu hören, so daß der Nachbarhund zu bellen anfing." Sie lachte herzlich darüber, als hätte sie es erst gestern erlebt, und die anderen llachten lange fröhlich mit. Schließlich fragte Martin neugirig: "Was ist mit deem jungen Mann geschehen?" Mari-Luise erwiederte noch immer lächelnd aber stolz: "Er amüsierte sich über dieses kleine Ereignis und ist trotzdem nach wenigen Monaten mein Bräutigam und etwas später mein Ehemann geworden." Dabei zeigte sie auf Oskar, der am Tisch in der Runde saß, verschmitzt vor sich hin schmunzelte und aus dem Krug die leeren Gläser füllte .

"Ach, wie schön", atmeten alle Anwesenden wie von einem Wunder getroffen auf. "Oskar, du warst immer umsichtig und weise", lobte ihn Paul anerkennend. "Ach, was", antwortete der leicht graumelierte Oskar bescheiden"alles ist menschlich." "Wir müssen es jetzt unbedingt begießen", wünschten die die Gäste des Abends inbrünstig.

Sie hoben die Gläser und leerten sie nach dem klangvollen Anstoßen,wobei sie in der besten Stimmung die Sorgen des Tages einfach vergaßen. Nach einem schönen Abschlußlied sagte Martin: "Helene, jetzt bist du an der Reihe. Morgen, in den Abendstunden kommen wir bei dir zusammen." "In Ordnung."

(c) Sara Rietz / Pirna


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