Nur ein Blick


Sara Rietz


In den Vormittagsstunden jener Tage 1944, als die russischen Besatzer auch unser Haus erreicht hatten, mußte ich - siebenjähriges Mädchen - seitlich der weit geöffneten Wohnküchentür stehenbleiben und für eine mehrköpfige Soldatengruppe den Vorrang gewähren, den Raum verlassen zu können.

Ängstlich belauschte ich, wie sie hintereinander die Schwelle übertraten und mit großen Schritten vorbeigingen. Laut unterhielten sie sich untereinander. Vielleicht freuten sie sich über das Raubgut, das sie gefunden hatten und mitnahmen. Zu meiner größten Überraschung kam als Letzte eine junge Soldatin mit zarter Gestalt, kaum zwanzig Jahre alt, aus der Küche heraus. Beim langsamen Vorbeigehen schaute sie mich den Kopf zu mir gewand an. Eine Begegnung war das, eine kurze Begegnung zwischen ihr, der Kriegserfahrenen jungen Frau und mir, dem wehrlosen Kind, eine Momentaufnahme mit einer dauerhaften Wirkung für mich. Eine Sekunde lang trafen sich nur unsere Blicke. Mir fiel sofort auf, daß ihr Gesicht von Spuren des Hungers gekennzeichnet - nur Haut und Knochen - war. Sie versuchte mir von oben herab, weil sie größer als ich war, ein Lächeln zu schenken, aber die Linien ihrer schmalen Lippen deuteten fast die Mimik des Weinens an und verliehen ihrem Antlitz einen unerklärbaren Ausdruck. Nein, sie weinte aber nicht, ihre braunen Augen waren trocken. Ihre Miene, diese Mischung von Lächeln und Weinen, blieb mir rätselhaft. "Sicherlich muß sie öfter weinen", dachte ich damals als Erklärung für mich. Sie eilte sofort ihren Kopf wieder gerade haltend den Soldaten nach und ich folgte ihr mit meinen Augen, bis sie mit einigen Schritten die Tür des Vorgartens erreichte. In diesem kurzen Augenblick konnte ich sie erst gründlicher betrachten und feststellen, daß sie einen langen engen Rock mit Gehschlitz trug, der ihr bis zur Mitte der Waden reichte, dazu eine passende Jacke, beide in der Farbe der Uniform. In ihrem klobigen Halbschuhwerk hatte sie dicke, locker sitzende Socken an. Ihr langes, dunkles Haar war glatt nach hinten gekämmt und mit einer Schnur fest zusammengeknotet. Diese Frisur brachte ihr schrecklich mageres Gesicht besonders auffällig zur Geltung.

Durch diesen Eindruck konnte ich sie mit aller Wahrscheinlichkeit auch nach mehreren Jahrzehnten nicht vergessen.

Sie ging allein mit leeren Händen mit den Kampfgefährten in ihrem für den hageren Körper maßgeschneiderten Soldatenkostüm fort und irgendwo, wer weiß, wann und wie, kam sie an.

(c) Sara Rietz / Pirna


zurück zur Seite Sara Rietz
zurück zur Seite Vita und Werke
zurück zur Startseite

Nur ein Blick

BLAutor - Arbeitskreis blinder und sehbehinderter Autoren - www.blautor.de