Mein Onkel Stephan


Sara Rietz


In den ersten Wochen der Besatzung kamen die feindlichen Gäste gruppenweise zu uns, und nach den Plünderungen zogen sie weiter.

Am Vormittag jenes Herbsttages hielten sich mehrere Mitglieder der Familie verängstigt in der Wohnküche auf. Onkel Stephan, der jüngere Bruder meiner Mutter, war erst kurz vorher von der Front zurückgekehrt und lebte damals auch bei uns. Traurig, mit vorgebeugtem Oberkörper und hängendem Kopf, saß er auf der abgenutzten Liege. Er versuchte das Unmögliche, die linke Hand sorgfältig zu verbergen, weil wieder drei bewaffnete Russen eintraten. Nachdem sie herumgeguckt und die Schränke durchstöbert hatten, wollten sie den Raum gerade verlassen, als einer von ihnen plötzlich stehenblieb und den Onkel sekundenlang anstarrte. Im nächsten Moment riß er ihn unbarmherzig hoch. "Faschist", fragte er und führte ihn mit hartem Griff am rechten Oberarm hinaus. "Njet Faschist, njet Faschist", rief der Onkel im Gehen mit zitternder Stimme und preßte seine verletzte, dick verbundene Hand schützend an die Brust.

Erschrocken stand ich eng bei meiner Mutter, die blaß geworden war, ihre Lippen bebten. "Was heißt Faschist?" Meine Frage verhallte ungehört. Meine Mutter horchte und ich mit. Draußen vom Hof drangen ungarische und russische Wortfetzen durcheinander zu uns herein. Zur Untätigkeit verdammt warteten wir. Die Zeit schien uns endlos lang zu sein.

Ein Schuß, der Todesschuß, den wir jeden Augenblick zu hören glaubten, blieb aus. Nach einer spürbar langen Zeit kehrte Onkel Stephan kreidebleich und von meinem Vater gestützt zu uns zurück.

(c) Sara Rietz / Pirna


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