Mein Lieber ...


Sara Rietz - Dezember 2003


An einem Herbstabend sitzt sie im Zimmer beim matten Licht der Salzkristallampe, die vor ihr auf der Tischplatte steht, und es scheint, als führe sie mit ihm ein leises Gespräch:

"Du kannst dir gar nicht vorstellen, Alexander, wie oft ich seit unserer ersten Begegnung an dich denke."

"Ne, ne ..."

"Genauso ist es. Das ist die Wahrheit. Du bist ein ehrlicher Mensch. Davon bin ich überzeugt."

"Ja, ja ..."

"Du hast unser Kennenlernen an dem warmen Nachmittag im Juni dort auf der Wiese bestimmt vergessen. Keine Angst! Ich nehme es dir nicht übel. Ich aber werde mir dieses Glück wie einen Schatz immer bewahren. Das verspreche ich dir."

"Wa, wa ..."

"Warum, willst du fragen. Weißt du noch, dort in der Nähe des frisch gepflanzten Baumes hast du mir ein traumhaft schönes Erlebnis geschenkt. Das bleibt mir in Erinnerung, solange ich lebe."

"Lalala ..."

"Glaub mir bitte, das war wirklich einmalig in meinem Leben. Du streicheltest zu meiner größten Freude zuerst mit deinem linken, und dann, als dich deine Oma von einem auf den anderen Arm genommen hatte, mit dem rechten Händchen mein Gesicht. Sicherlich spürtest du mit deinen zwölf Monaten, dass dich meine kranken Augen hinter der halbdunklen Brille nicht bewundern und deinen strahlenden Kinderblick nicht erwidern können. Danke dir, mein kleiner Alexander, von ganzem Herzen für dein Feingefühl. Behalte es immer in deinem Leben."

Dann löscht sie das Licht. Während ihre Hände auf der warmen Lampe liegen, verweilen ihre Gedanken in der Ferne irgendwo weiter bei dem Kind.

(c) Sara Rietz / Pirna


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