Lisas Wunsch


Sara Rietz


Am Rand des Gartens stand ein Kirschbaum mit einem kahlen Ast, an dem das Mädchen seine Schaukel befestigte, setzte sich darauf und träumte, glitt her, glitt hin achtete nicht auf das Ächzen des Astes bei jedem Schub, den er von sich gab.

Auch das Herannahen von Wolf und Bär aus dem Tannenwald bemerkte das Mädchen nicht, bis die Räuber vernehmen ließen, was sie dachten.

"Ein hübsches Ding", sprach der Bär, "und so geschickt. Sie soll meine Höhle in Ordnung halten, sauber machen und für mich kochen. Das wird ein Leben!" "Das wird ein Braten, knusprig und zart, die fresse ich mit Haut und Haar", freute sich der Wolf und seine Lichter funkelten.

Das kleine Mädchen erschrak - was es tat - es schaukelte, versuchte ein Lied und schaukelte, flog in die Luft, als hätte es Flügel und wolle vor den Augen der Räuber in den Himmel entschweben.

Höher und höher flog es und hörte doch längst mit Bangen, wie der trockne Ast knirschte und ächzte.
Heftig und ängstlich schlug ihm das Herz. Das Mädchen merkte gleich, daß dieser Bär ebenso aussieht wie das Bild in seinem Märchenbuch, nur viel viel größer ist. "Was will er mit mir", dachte das Mädchen bange. "Er greift ständig mit seinen Tatzen nach den Seilen meiner Schaukel und brummt ungeduldig."

"Ja, du kommst bald in meine Höhle und wirst bei mir die Arbeit kennenlernen." "Nein, nein!", wollte das kleine Mädchen laut rufen, aber seine Stimme versagte, als wäre ihm die Kehle durch die Angst zugeschnürt.

Der Bär vernahm aber sehr gut die Antwort und wurde zornig, daß er in seiner Wut wuchs und wuchs und wurde plötzlich ebenso groß wie der Kirschbaum.

"Du kannst nicht den ganzen Tag nur schaukeln und an deine Aufgaben überhaupt nicht denken", schimpfte der Bär laut und schüttelte den Baum. Er griff immer wieder nach den Seilen, konnte aber nichts erreichen. Das Mädchen schaukelte schneller und höher.
"Geschickt bist du, ich werde dich aber fangen. Du kommst mit!", brummte der Bär ununterbrochen.
Die Lage schien für das Mädchen auf einmal sehr gefährlich zu sein, aber es ließ sich nicht entmutigen und erwiderte: "Nein, nein, ich gehe nicht in deine Höhle. Lieber halte ich mein Kinderzimmer in Ordnung und helfe meiner Mutti bei der Arbeit und will für sie kochen."

"Ja, willst du es wirklich so machen?", fragte der Bär merkwürdig besänftigt. "Was denn, kannst du auch dein Wort halten?", stellte er die neugierige Frage. "Ja, ja ...", antwortete das Mädchen mit gedehnter Stimme.

Zauberhaft wirkte der ausgesprochene Gedanke, auf den Bär, diesen komischen Räuber, der auf einmal freundlich wurde. Seine gewaltige Gestalt schrumpfte zusammen, fast wie ein Teddybär sah er aus, seine brummige Stimme klang aber weiterhin drohend. Er käme zurück und hole das Mädchen, falls es sein Wort nicht halten könne.

"Ach, das ist doch einfach. Kleinigkeit eben", dachte das Mädchen erleichtert und schaukelte weiter. Plötzlich fiel ihm ein, aber erst gestern seinem Vater etwas Wichtiges versprochen zu haben und ...

Von diesem Schreck verlor das kleine Mädchen die Kräfte und ließ die Seile erschöpft los. Der Kirschbaum krachte und das Mädchen lag unten, wo der Wolf unweit von ihm unter einem Busch in sprungbereiter Haltung lauschte. Seine blitzhelle Augen richtete er scharf auf das Gesicht des Mädchens. "Mutti, Mutti", schrie es im Halbschlaf laut: "Jage den Bär und Wolf fort. Bitte!" Sie sind schon in dein Märchenbuch zurückgegangen", sagte die Mutter beruhigend ihrer kleinen Tochter, die halbwegs schon wach war. Doch der Traum verließ sie noch nicht. "Aber meine liebe Lisa, was hast du gemacht?", fragte die Mutter erstaunt. "Ich, ich ...", stotterte das kleine Mädchen und merkte, das etwas nicht stimmt. In der Bettdecke eigenartig eingerollt liegt es auf dem Fußboden neben dem Bett. Zwischen den Blättern eines Fliederbusches vor dem Fenster schauen die Sonnenstrahlen wie funkelnde Augen an zwei beschädigten Stellen des dünnen Rollos ins Kinderzimmer herein. Sein Laub, vom Wind gewogen, wirft Schatten auf die Scheibe, so daß ein besonderes Schattenspiel auf dem hellen Rollo entsteht.

Nach dem Morgenküßchen flüstert die kleine Lisa und umarmt ihre Mutter: "Mutti, Mutti, Ich werde nie mehr auf dem kahlen Ast ..." Sie ist noch immer unter der Wirkung ihres Traumes."Ja, ja, ich werde mein Versprechen auch halten. Sonst kommt der Bär und holt mich in seine Höhle", erklärt Lisa hastig ihr Vorhaben. "Sehr richtig", sagt die Mutter. "Du willst auch nicht mehr auf den Kirschbaum klettern. Nicht wahr? Das hast du schon deinem Vati versprochen." "Ich halte mein Wort, Mutti. Sonst kommt der Bär wieder."

Das Morgenlicht überflutet das Kinderzimmer. Lisa entdeckt sofort die Unordnung. Ihre Spielzeuge liegen durcheinander verstreut auf dem Fußboden. Neben ihrem Bett liegt der Teddybär vom dem Märchenbuch halb bedeckt. "Ach, du armer Teddy", seufzt Lisa. "Wie konntest du groß wachsen, so schrecklich groß?" und nimmt ihn in die Arme.
"Ich werde dich nie mehr so lieblos vernachlässigen" tröstet ihn das kleine Mädchen. Sie legt ihren Bär ins Bett und deckt ihn zu.

Die Mutter beobachtet lächelnd ihre Tochter, beugt sich dann zu ihr und drückt ein Küßchen auf die Wange. Lisa umarmt ihren Hals, erwidert das Küßchen und flüstert in die Ohren ihrer Mutter sehr ernst: "Mutti, ich werde dir bei der Arbeit auch helfen."

"Das ist aber schön. Ich freue mich. Vergiß es doch bitte nicht. Dann ist alles in Ordnung. Dein Vati wird dir auch eine Schaukel bauen. Das ist dein Wunsch, nicht wahr?" "Oh, ja", atmet Lisa tief durch und ihre kornblumenblauen Augen glänzen vor Freude.

(c) Sara Rietz / Pirna


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