Kummer


Sara Rietz


Von dem längst entschwundenen Sommertag, dem Bruchteil der nebligen Zeit 1950, kann Julia einzig allein nur ein Bild für sich selbst in ihre Erinnerung zurückbringen.

Als dreizehnjähriges Mädchen steht sie an jenem sonnigen Spätnachmittag in der Küche neben ihrer Mutter, die für die große Familie das Abendessen vorbereitet, und hört ihr aufmerksam zu: “Ich kann dir kein Sommerkleid kaufen, mein Töchterchen.”
Unwillkürlich tritt Julia ein Stück zurück. Mit tief vorgebeugtem Kopf folgt sie den weiteren Erklärungen. “Du weißt doch, wie viel Abgaben wir voriges Jahr und in den letzten Monaten leisten mussten, Milch, Eier, Fleisch, Getreide. Die Kommunisten, diese Räuber ”, sie betont jede Silbe für sich, aber mit gedämpfter Stimme, “ließen auch noch unsre Bodenkammer leerfegen. Ich hab kein Geld.” Nach einer kurzen Pause fügt sie mit spürbar trauriger Stimme hinzu: “Du musst das verstehen.”

“Ja …., verstehen …”seufzt Julia kaum vernehmbar, und es gelingt ihr, mühsam die Tränen zu unterdrücken. In Gedanken versunken, hält sie ihre langen, nach vorn hängenden Zöpfe den Händen zusammen.

So hört sie beinahe nicht, dass sich der Vater mit müden Schritten nähert und ihr gegenüber auf dem Stuhl am Tisch platz nimmt. Julia hebt langsam den Kopf. Sie erblickt zuerst die geflickten Hosenbeine ihres Vaters. “Oh, er könnte bald eine neue Arbeitshose brauchen”, kommt ihr dieser Gedanke blitzschnell in den Sinn. Erst dann schaut sie das Gesicht ihres alten, weißhaarigen Vaters an. Dicke Tränen rollen ihm pausenlos über seine mit Falten überzogenen, doch ordentlich rasierten Wangen herab.

Dieses Bild erschreckt Julia sehr. Ihre Hände fallen kraftlos herunter. Reglos, wie zu Stein verwandelt, steht sie da, und mit weit geöffneten Augen starrt sie auf das leidvolle Antlitz. Sie fühlt sich jetzt nicht in der Lage, auch ein einziges Wort auszusprechen, als wäre ihre Zunge durch diesen Schreck völlig gelähmt.
Julia beobachtet dann ihre Mutter, wie sie das Kneten des Teiges unterbricht, sich an ihn wendet und mit weinerlicher Stimme fragt: “Warum weinst du?”

`Die Antwort ist doch klar`, denkt das Mädchen. `Wir wissen doch, was ihm leidtut. Heute vor zwei Monaten wurden sein Traktor und die Dreschmaschine beschlagnahmt. Er darf auch nicht mehr als Selbstständiger arbeiten. Die Genehmigung wurde ihm entzogen. Er ist vierundfünfzig und ruiniert’, überlegt die Dreizehnjährige.

“Weine nicht”, bettelt die Mutter leise. “Du darfst nicht weinen. Du bist ein Mann”, sagt sie, als wolle sie ihm Kraft verleihen.

Doch die Tränen fließen bei ihm ununterbrochen weiter. Untröstlich, restlos untröstlich scheint er zu sein.

“Weine nicht”, wiederholt die Mutter. “Du musst stark sein.”

“Ach, ich halt `es nicht durch”, sagt er mit schluchzender Stimme.

“Bleib stark. Gott wird uns helfen. Irgendwie wird es weitergehen”, leuchtet ein blasser Hoffnungsschimmer durch die letzte Bemerkung der Mutter.
“Irgendwie …” murmelt der Vater beinahe unhörbar und trocknet mit einem Taschentuch langsam die Augen.

Julia, erschüttert von der Verzweiflung und Ausweglosigkeit ihres Vaters, überwältigt von Angst und Traurigkeit, findet kein tröstendes Wort und schweigt.

Auch Jahrzehnte später, wenn sie auf diesen längst vergangenen Tag zurückblickt, weiß sie nicht, mit welcher wohlwollenden Äußerung sie für die brennende Wunde ihres Vaters eine winzige Linderung hätte schenken können.

(c) Sara Rietz / Pirna


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