Kein Spiel


Sara Rietz


Am Anfang Mai war es schon angenehm warm, die Bäume und Blumen öffneten im Stadtpark Knospen und erfüllten die Luft mit ihren unbeschreiblich reinen Düften.

In diesen Stunden übertrug der Fernseher ein Fußballspiel, das sein begeistertes Publikum vor dem Apparat fesselte. Die Sache war also klar, warum nur so wenige Naturliebhaber am Sonntagnachmittag in der schönsten Gegend der Stadt ihre Freizeit verbrachten.

Unter den Spazierenden schlenderten auch zwei Jugendliche, im Alter von ungefähr vierzehn Jahren, anscheinend gelangweilt. Beide waren leger angezogen,in ausgewaschenen Jeanshosen in weiten dünnen Pullovern, die lang herunter hingen.

Der dunkelhaarige stieß mit seinem linken Ellbogen seinen blonden Kumpel an und machte ihn mit einer Kopfbewegung ganz unauffällig aufmerksam auf eine ältere Frau, die an der rechten Seite der Parkanlage im Schatten eines Fliederbusches allein auf einer Bank saß. Bruno, so hieß der Blonde, nahm das Zeichen ebenso unbemerkt von anderen Spazierenden zur Kenntnis. "Björn, es stimmt ...", sagte Bruno flüsternd seinem dunkelhaarigen Freund.

Sie sind langsam vorbeigegangen und warfen einen vorsichtigen Blick auf die Frau, die ihre Augen geschlossen hielt.

Die beiden Jugendlichen versteckten sich ihr gegenüber hinter einem Gebüsch unweit einer Parkbank und beobachteten die auf der Bank sitzende ältere Dame, die scheinbar schlief, oder einfach nur vor sich hin träumte. Bruno und Björn studierten ihr Gesicht. Sie hatte schon einige Falten, graue Stränen im Haar, wonach sie wie etwa eine Sechzigjährige aussah. "Sie könnte schon eine Rentnerin sein", bemerkte Björn.

So schätzten die beiden Jungen die ruhig, bewegungslos sitzende Frau ein. Auf ihrem Schoß lag die schwarze Handtasche, worüber gekreuzt ihre Hände ruhten.

"Sie sieht dufte aus", sagte Björn leise. "Schau mal, sie hat deftige Klamotten an, trägt ein helles Hosenkostüm, dunkle Sportschuhe dazu... " "Quatsch nicht so viel, mir is es piepsegal, total Schnuppe. Unsere Sache ist viel viel wichtiger. Also, los!", kommandierte Bruno gebieterisch mit gedämpfter Stimme.

Sie warteten kurz, schauten ringsherum und als ihnen die Situation günstig erschien, gingen sie flott aber auf leisen Sohlen in die Richtung der Sitzbank. Bruno, der blonde Junge, kam so im Eiltempo bei der Dame an, schnappte blitzschnell ihre Handtasche weg und lief mit einer hohen Geschwindigkeit los. Björn folgte ihm ebenso rasch, nahm seine Beine in die Hände und blieb so auf den Spuren seines Freundes.

Erschrocken sprang die Frau auf, entdeckte gleich die Diebe, die sich schon von ihr weit entfernt hatten. Sie holte tief Luft und rannte ihnen mutig nach. Die Spazierenden guckten die Szene neugierig an und sahen, daß die Entfernung zwischen der Frau und den Jugendlichen immer kürzer wurde. "Erstaunlich, wie diese alte Dame laufen kann", brachten einige ihre Anerkennung zum Ausdruck. Es dauerte nicht lange, da konnten die wenigen Zuschauer feststellen, daß der Abstand nur noch einige Schritte ausmachte. Sie jubelten mit, als sie sahen, daß die Frau mit einem zu bewundernden Geschicke den Braunhaarigen am Kragen faßte und ihn zum Stehenbleiben zwang, während sie ihn kräftig festhielt. "Ruf nach deinem Kumpel! Sofort! Sofort, sonst kommst du mit zur Polizei", befahl die Frau energisch, keinen Widerspruch duldend. Björn tat es. Er rief laut: "Bruno, Brunooo, Halt! Halt! Bleib stehen!"

Der blonde Dieb war sehr überrascht, als er die Stimme seines Freundes hörte. Er gehorchte, drehte sich um, und sein vom Laufen errötetes Gesicht wurde plötzlich blaß, als er neben Björn die schlanke, elegant gekleidete Dame erblickte. Ringsherum sammelten sich schon einige Neugierige. "Komm her, aber dalli, dalli!", hörte Bruno den harten Befehl der Frau. Er zögerte eine Weile, dann kehrte er doch gehorsam zu den beiden auf ihn Wartenden zurück und ohne Aufforderung reichte er der Dame ihre Tasche hin. "Ent... Entschul... Entschuldigung, bitte", stotterte er schuldbewußt. "Ich entschuldige mich auch. Wie ist es möglich? Wie konnten Sie uns einholen?", fragte Björn verwundert.

"Ja", hielt die Frau eine kurze Verschnaufpause und ließ Björns Kragen los.

"Wirklich, wie konnte sie es schaffen?", murmelten einige fragend getuschelt im Kreise der Zuschauer. "Ja, meine Herren, ihr könnt es nicht wissen", fing sie ruhig und mit fester Stimme an, "daß ich vor vierzig Jahren in den internationalen Olympiaspielen Goldmedallien gewonnen habe. Mit diesem Sport hörte ich bis heute nicht auf", beendete sie ohne Stolz ihre Antwort. Die umstehenden Augen- und Ohrenzeugen belohnten sie mit einem lauten Beifall ihrer Anerkennung. Respektvoll schauten die jungen Taschendiebe die ehemals gefeierte Olympiasiegerin an, klatschten mit und hofften sehr, daß sie ihnen vielleicht verzeihen werde.

"Für diese Leistung verdienten Sie wieder eine Auszeichnung in Gold", sprach ihr ein Polizist sein großes Lob aus. Er war gerade im Dienst. Von der Ferne sah er die laufenden Personen und ahnte wohl, daß es kein Spiel sein sollte. Deshalb eilte er mit schnellen Schritten zu dieser Stelle, um alles genau zu erfahren. "Jetzt muß ich etwas Wichtiges erledigen", sagte er pflichtbewußt und trat zu den Jugendlichen: "Ihr kommt mit!"

(c) Sara Rietz / Pirna


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