Jana und Jan


Sara Rietz - Mai 2004

Beitrag zum Joachim-Schnell-Schreibwettbewerb 2004.
Die in das Werk einzufügenden Pflichtwörter waren: Alter, Feierabend, Fensterscheiben, Himmel, Hobbyraum, Kunde, Musik, Stille und Wandlung.


Nach dem Gewitter, das so unerwartet gekommen war, hellte es sich rasch noch vor dem Sonnenuntergang auf. Diese Wandlung der Naturerscheinungen erlebte Jan, der jetzt hinter der Fensterscheibe sitzt, vor zwanzig Jahren fast ebenso wie heute an diesem letzten Septembertag.

“Ja, damals war sie noch bei mir,” denkt er und schaut melancholisch zum Himmel, dessen Tiefblau bei der Abschiednahme des Sonnenlichtes ihn an die Farbe ihrer Augen erinnert. In der Stille der Abenddämmerung träumt er sich in die Zeit von damals zurück und lässt die Bilder der Ereignisse wie einen Film vor seinem geistigen Auge abrollen.

Als Kunde sitzt er oft im Papierwaren - und Büchergeschäft ihres Vaters an einem niedrigen Tisch, wählt sich ein Buch aus und liest scheinbar vertieft darin, bis sie, Jana, kommt, um ihren Vater bei der Arbeit abzulösen. Sie ist jung und schlank, langes blondes Haar umrahmt ihr ovales Gesicht. Verstohlen beobachtet er sie erst und tritt dann zum Pult. Höflich fragt sie nach seinen Wünschen, obwohl sie schon ahnt, was kommen wird. Ja, er möchte wie so oft Karton und Farben für Aquarelle. Dabei lässt er sich gründlich und möglichst, wenn niemand sie stört, lange von ihr beraten, um ihre Nähe und klugen Worte ausgiebig genießen zu können.

Einige Wochen gehen noch ins Land, bis er an einem Maitag nach ihrem Feierabend im Park zum ersten Rendezvous auf sie hoffnungsvoll warten darf. Wie verabredet kommt sie pünktlich an. Sorglos, unbeschwert schlendern sie in den ruhigen Straßen der Stadt und zum Tagesausklang hören sie sich ein Openair-Konzert begeistert an. Auf dem Weg nach Hause erzählt sie ihm ungehemmt viel, spricht so schön, dass es ihm Freude bereitet, ihr zuzuhören. “Sie ist meine Traumprinzessin”, denkt er verliebt.

“Es ist mehr als zwanzig Jahre her”, seufzt Jan und blickt noch mal resigniert in die Vergangenheit zurück und sieht jetzt Jana, geschmackvoll gekleidet, in der Gaststätte neben sich sitzen. Er legt freudig seine rechte auf ihre linke Hand, die auf dem Tisch ruht. Nach dieser gefühlvollen Berührung strahlt ihn Jana entzückt an.

Musik erklingt jetzt von irgendwo. Die selben betörenden Klänge von damals... Zum ersten Mal führt er Jana dort in der Gaststube auf die Tanzfläche, umarmt sie zärtlich eng und sie tanzen, schweben miteinander nach der Tangomelodie selbstvergessen in die Regionen des Glücks. Die Kapelle hört auf zu spielen. “Die Sehnsucht nach jener Sommernacht, ebenso die Ausflüge mit Jana bleiben mir gegenwärtig”, denkt Jan.

Sie sind auf dem See, sitzen im Boot glücklich einander gegenüber. Er rudert gleichmäßig und sicher, nimmt ihr die Angst und Jana genießt begeistert die ruhige Bootsfahrt, schaut in die ferne und lächelt ihn öfter an. An diesem Vormittag im Juli scheint die Sonne schon kräftig, aber es stört sie nicht, denn der Wind, der leicht weht, kühlt angenehm ihren fast nackten Körper. Jan macht jetzt eine Ruderpause und lässt das Boot langsam gleiten. Ihre Blicke treffen sich wieder. Er fotografiert sie mit den Augen. Mit ihrem Haar, das jetzt hochgesteckt ist, spielt der Wind. Die hellblonde Farbe und die leicht gebräunte Gesichtshaut geben einen schönen Kontrast. Wieder ein Motiv. In der Mittagshitze liegen sie nebeneinander müde am Ufer im Schatten alter Bäume. Sie sind zufrieden und verliebt. Er küsst sie. Sie möchten dabei die Minuten anhalten.

“Alles ist anders gekommen. Weder die Zeit anzuhalten, noch sie zu halten, gelang mir”, stellt Jan traurig fest und wischt sein graumeliertes Haar aus der Stirn, als wollte er seine Gedanken fortjagen. Kein jugendlicher Glanz, Traurigkeit sitzt in seinen braunen Augen. “Wie konnte ich so ein Idiot sein, ihr den Satz zu sagen? Meine Worte haben ihre Gefühle, ihre Seele tödlich getroffen. Sie ist fortgegangen, vor zwanzig Jahren, an diesem Tag. Nein, nein, sie ist immer bei mir.”

Er dreht sich vom Fenster weg und schaut in seinem Hobbyraum auf die von den letzten Sonnenstrahlen umrahmten Gemälde. Von ihnen leuchten ihm Janas blaue Augen aus der verronnenen Zeit trostspendend entgegen.

(c) Sara Rietz / Pirna


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