In Memoriam Marga Raabe


Sara Rietz


Die Weichen waren deutlich gestellt, die alle, die dich begleiteten, schon ahnen ließen, daß die Zeit für deine letzte Reise nicht mehr fern sei. Und doch, du bist an der Endstation, wo dir das Leben nicht mehr wehtut, schneller als erwartet angekommen.

Welch ein schicksalhaftes Datum. Am 8. September 1989 passierte der tragische, ungeklärte Unfall mit dir, und damit begann dein Leidensweg. Der 8. September 2004, einen Monat vor deinem 79. Geburtstag, brachte dir die Erlösung vom Leiden, die letzte Ruhe. In der fünfzehn Jahre langen Zwischenzeit quälte dich immer wieder das Rätsel deines Unglücks, in dessen Folge dein Augenlicht unwiederbringlich verloschen war. "Das zweite Leben", wie du es einst in deinem Gedicht genannt hattest, warf für dich viele Fragen nach dem Grund auf, die du in deinen stillen, einsamen Stunden vergebens zu beantworten versuchtest. Traurig, manchmal auch zornig hadertest du mit deinem Schicksal, und die Frage: "Warum ich?" peinigte dich bis zum Ende deines irdischen Wanderweges.

In der Verzweiflung fandest du doch einen Ausweg, ja, einen Lichtblick. Eine schlummernde Begabung erkanntest du bei dir selber, die Freude am Schreiben, welche dich zum Dresdener Zirkel der Schreibenden führte, wo du lange Jahre ein geschätztes Mitglied warst. Später schlossest du dich auch dem "Arbeitskreis Blinder und Sehgeschädigter Schreibender Deutschlands" begeistert an und bliebst treu, solange es dir deine Kräfte erlaubten. In diesen Kreisen fühltest du dich gleichwertig, erwarbst Selbstachtung, denn das kreative Schreiben bescherte dir innere Ruhe und Trost, half dir sogar, Gram und Probleme von Zeit zu Zeit zu vergessen. Du hattest die Fähigkeit, in deinen Kurzgeschichten und Gedichten Tiefsinnigkeit mit Humor harmonisch zu verschmelzen und damit auch anderen Menschen ebenfalls Freude und Trost zu schenken. Wir, die Schreibenden beider Gruppen, bewahren Dich in bester Erinnerung.

Uns persönlich verbanden nicht nur das gemeinsame Schicksal, das literarische Interesse, sondern auch die Technik, das Telefon, das wir sehr oft, fast täglich benutzten, Gedanken auszutauschen und durch die Gespräche die Einsamkeit zu verbannen. Die Verbindung ist nun abgebrochen. Dein Telefon verstummte für immer.

Vorbei sind auch die gegenseitigen Besuche, bei denen du immer freundlich und froh warst, Gesellschaft um dich zu haben. Locker und lustig konntest du dich bei diesen Treffen mit deinen Gästen oder Gastgebern unterhalten. Sehr gern denke ich daran zurück.

In der Stunde der letzten Begegnung, als ich am 4. September im Hospiz an deinem Krankenbett saß und deine Hand in meiner hielt, konnte ich nicht wissen, daß die Uhr für dich nicht mehr lange, nur noch wenige Tage ticken werde. Der allerletzte Abschied, bei dem ich deinen noch kräftigen Händedruck spürte, deine leisen Worte hörte, bleibt mir unvergeßlich im Gedächtnis.

Alle meine Erinnerungen an dich flechte ich, wie die Blumen Vergißmeinnicht, zu einem Strauß, binde ihn mit der Schleife der Ehre, Freundschaft, Liebe zusammen und schmücke damit immer wieder deine Ruhestätte.

In Gottes Namen wünsche ich dir sanfte, friedliche Ruhe.

(c) Sara Rietz / Pirna


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