In der Unterrichtsstunde


Sara Rietz


An den letzten Apriltagen schien die Sonne vom blauen Himmel mit fast sommerlicher Wärme, so daß der Frühling seine Pracht in Vollkommenheit entfaltete. Bei diesem Wetter brauchen die Schüler erfahrungsgemäß mehr Willenskraft zum Lernen. Mit solchen Überlegungen ging Frau Laub, die junge, schlanke Lehrerin, in ihrem tadellos gebügelten Arbeitsmantel wohlgelaunt zum Unterricht. Sie war erst ein Jahrzehnt älter als ihre Schüler in der zehnten Klasse, die jetzt auf sie warteten.

Bei ihrem Eintreten ins Klassenzimmer erhoben sich die Jungen zur Begrüßung höflich von ihren Plätzen. Ihr fiel sofort auf, daß alle drei Fenster trotz der warmen Temperaturen geschlossen waren. In der kurzen Zeit, während sie von der Tür mit wenigen Schritten den Tisch erreichte, merkte sie auch, daß der kleine Kasten mit der Kreide auf der rechten Ecke fehlte. Da sie dieses Mittel für die Stunde nicht benötigte, stellte sie auch keine Fragen dazu. Sie legte das Lehr- und Klassenbuch auf die Tischplatte vor sich hin und blickte freundlich die stramm stehenden Jungen an.

Stephan, ein großgewachsener, hübscher Junge, der Wochendienst leistete, kam vor und meldete: "Anwesend sind dreiunddreißig, es fehlen zwei Schüler wegen Krankheiten." Er nannte auch die Namen der Fehlenden. "Danke schön. Nehmen Sie Platz", sagte Frau Laub und fragte nach, wie es den kranken Schülern, Josef und Paul, gesundheitlich geht. Nach der beruhigenden Antwort kontrollierte sie mit einem scharfen Blick den Stuhl, setzte sich und notierte zügig ins Klassenbuch den zu vermittelnden Lehrstoff, während sich die Jungen sehr still, ungewöhnlich diszipliniert verhielten. In der Klasse herrschte so eine Stille, daß man eine Stecknadel beim Fallen hätte hören können. Die Lehrerin wunderte sich darüber, aber ohne nachzufragen, steckte sie dann den Füllhalter mit einer eingeübten Handbewegung in die obere Tasche ihres weißen Arbeitsmantels. Sie blätterte im Klassenbuch, schaute hier und da länger auf das Blatt, als wollte sie die Nerven der Schüler ein wenig kitzeln. Dabei bemerkte sie lächelnd: "Ich hoffe, daß sie sich für die heutige Stunde gründlich vorbereitet haben". "Jawohl", riefen sie laut. "Ich glaube es Ihnen gern, aber heute frage ich niemanden. In dieser Unterrichtsstunde brauchen wir die Zeit für den neuen Lehrstoff." Eine Erleichterung war seitens der Jungen spürbar.

Sie schlug das Klassenbuch zu, stand auf und ging näher zu den Schülern, blieb vor einer Sitzbank stehen. Nach einigen auflockernden Bemerkungen ging sie einige Schritte zu dem ersten Fenster, warf einen Blick hinaus auf den Schulhof, an dessen Rand ein Fliederbusch in voller Blüte prangte. Sekundenlag bewunderte sie diese Schönheit der Natur.

Dann wandte sie sich um und erklärte zwischendurch mit bestimmter Stimme: "Da wir in der letzten Woche einen Abschnitt der Satzlehre sogar mit guten Ergebnissen abgeschlossen haben -- Ihre schriftlichen Arbeiten beweisen es auch -- fangen wir heute also ein neues Kapitel an.

Plötzlich entstand eine merkwürdige Unruhe. Mehrere Jungen fragten fast auf einmal, ziemlich nervös: "Waaas? Schreiben wir heute nichts an die Tafel?" "Wir schreiben sehr gern, diktieren Sie uns, bitte, bitte" bettelte wieder ein anderer. "Wir benennen in den Sätzen das Subjekt, Prädikat, Objekt und alles ...", hörte die Lehrerin von der letzten Sitzbank.

"Nein", sagte sie mit energischer Stimme, "für diese Stunde habe ich keine Absicht, etwas zu schreiben oder zu diktieren. Für heute habe ich etwas anderes auf meinem Lehrplan." Die Unruhe unter den Schülern stieg merklich weiter an. Sie flehten Frau Laub förmlich an, sie neigte schließlich dazu, den Wunsch ihrer Schüler zu erfüllen. Sie zeigte auf den Tisch und sagte fast siegesbewußt: "Ach, was? Sie wollen, aber können gar nicht schreiben. Hier gibt es keine Kreide. Kein einziges Stück ist vorhanden. Also..." Sie konnte ihren Gedanken nicht Mal zu Ende führen, da riefen die Jungen wie aus einem Munde: "In der Schublade, in der Schublade, da ist die Kreide". Dort gehört sie gar nicht hin. "Der Kreidekasten hat hier, auf dieser Ecke seinen Platz", sagte Frau Laub und klopfte mit dem Mittelfinger der linken Hand auf die Stelle.

Eine Vermutung weckte ihre Neugier in diesem Moment, sie schob eine Locke ihres blonden Haares aus der Stirn bei Seite, ging um den Tisch, stellte sich vor die Schublade. Plötzlich entstand eine vollkommene Ruhe, kein Flüstern und keine Geräusche waren zu hören.

Spannungsgeladen war die Luft. Regungslos warteten die Schüler. Mit vorgebeugtem Kopf stand Frau Laub dort und spürte wahrnehmbar, daß alle Augenpaare auf sie gerichtet waren. Sie zögerte noch eine Weile, als hätte sie Befürchtungen vor einem unbekannten Geheimnis, welches sie jetzt lüften sollte.

Dann griff sie mit der rechten Hand zum Knopf der Schublade und zog sie kaum einen Spalt breit vor, da flog ein Sperling blitzschnell heraus und kreiste im Raum. Ohne Erschrecken, ohne mit Wimpern zu zucken erlebte die Lehrerin diese Szene und sagte mit bewegter Stimme: "Ach, der arme, kleine Vogel! Hatten Sie kein Mitleid mit ihm? Sein Herz schlug vor Angst in diesem engen, dunklen Kasten sicherlich höher. Sie haben ihn in diesem stockfinsteren Gefängnis eingesperrt, unschuldig gefangen gehalten. Bedauerten Sie ihn nicht ein bißchen?" Sie schaute dabei in die Schublade, in den Leidensort des Vogels, Mitgefühl klang in ihrer Stimme und auch ihre Miene drückte es wohl auch aus. Sie redete, als hielte sie einen Monolog für sich selbst, obwohl sie sich mit ihren ausgesprochenen Gedanken an die Schüler wendete, die verstummt mit großer Aufmerksamkeit auf ihre Worte lauschten. Dann hob sie den Kopf, sah den Sperling hin und her fliegen. "Öffnen Sie die Fenster, bitte", sagte sie leise. Die Jungen, die in der Nähe saßen, sprangen sofort auf, zu jedem Fenster zwei, um die stille Aufforderung der Lehrerin schnellstens durchzuführen. Der Sperling flog beim herrlichen Sonnenschein ins Freie hinaus. "Für die Freiheit ist der Vogel geboren" äußerte sie voller Überzeugung und schaute einen Moment mit ihren Schülern zusammen zufrieden ihm nach.

Für Frau Laub war alles klar, sie brauchte keine Erklärung zu der Sache und war nicht fähig, die entstandene, befreiende Stimmung durch harte Vorwürfe zu zerstören. Statt dessen legte sie den kleinen, flachen Kasten mit der Kreide auf seine bestimmte Stelle und sagte kumpelhaft: "Sie wollten vorher gern an die Tafel schreiben. Stimmt´s?" Ein einziges "JA" war die Antwort. "Heute, ausnahmsweise bin ich bereit, an meinem Lehrplan etwas zu ändern, wenn Sie mir versprechen, daß Sie den Lehrstoff selbst erarbeiten." Die Jungen versprachen es leicht, und Frau Laub bezweifelte diesmal nicht ihre Lernbereitschaft. Die Schüler der zehnten Klasse schienen sichtbar froh zu sein, ihre Augen glänzten vor Freude, und den Grund zu erraten war für Frau Laub nicht schwer und sie wußte, warum die Jungen an diesem schönen Frühlingstag ihre Grammatikstunde so aktiv und mit einer großen Disziplin unterstützten.

(c) Sara Rietz / Pirna


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