Im Schatten der Mauer


Sara Rietz - 2003


Von meinem Geburtsort und von meiner Kindheit, als ich meine Gedanken noch in der ungarischen Sprache formuliert hatte, musste ich einen langen Weg und viele Jahre hinter mir zurücklassen, bis ich 1969 in Begleitung meines Mannes die Hauptstadt meiner Wahlheimat das erste Mal besichtigen konnte.

Voller Neugier auf Entdeckungen schlenderten wir auf den Straßen der in Sommerlicht getauchten Stadt. Mein Interesse galt vor allem den Sehenswürdigkeiten, die mich durch die Ausstrahlung ihrer Geschichte immer wieder in ihren Bann zogen. Dabei schien es mir, als atmete ich die bitter-süße Luft der Vergangenheit ein.

Als ich vor dem Brandenburger Tor - so nahe, wie möglich, dennoch weit von ihm - stand, ergriff mich ein schwer erklärbares Gefühl. Meinen Blick richtete ich nach oben und ließ ihn auf der Quadriga mit der Siegesgöttin und ihrem Lorbeerkranz minutenlang ruhen, während meine Gedanken bei den Ereignissen längst verflossener Zeiten weilten. Das Kunstwerk bezauberte mich, hielt meine ganze Aufmerksamkeit mit magischer Kraft fest, und ich glaubte, in der Atmosphäre alter Triumphfeiern die unausgesprochenen und nur für mich verständlichen Worte der Göttin zu hören: "Komm näher zu mir!" Berauscht wie im Traum wollte ich ihr folgen, um ihre Schönheit und die Einzelheiten des Viergespanns mit meinen schwachen Augen besser zu erkennen. "Ich darf doch nicht weitergehen", schickte ich ihr meine Gedanken hinauf. "Die Absperrung hindert mich. In der Nähe beobachtet mich ein Grenzposten misstrauisch. Eine Eingesperrte bin ich bloß ... und fremd."

Resigniert fiel ich in die Gegenwart zurück und betrachtete die hohe, graue Mauer, die meine Sehnsucht, in die Ferne zu schauen, oder einem Menschen auf der anderen Seite fröhlich zuwinken zu können, restlos zerbrach. Im Schatten dieser Barriere - ein Stückchen entfernt - stand ein Grenzsoldat mit dem Gewehr in der Hand mir gegenüber, der mir meine Rechtlosigkeit verdeutlichte. Bei diesem eingeengten Horizont erfüllte mich die Vorstellung, dass er auf mich hätte schießen können, falls ich in den unerlaubten Bereich gelangen wollte, mit Erschütterung und Angst. Ja, das war sein Recht, sogar seine Pflicht im Namen der Macht.

Trostsuchend hob ich meinen Blick noch einmal zu der Göttin empor, als hätte ich die Vorahnung gehabt, sie im Sonnenschein nicht mehr bewundern zu können. Ihre Figur strahlte mir die Ankündigung der Freiheit aus, setzte mich nach wie vor in Begeisterung, ließ mich aber meine vorher erweckte Traurigkeit nicht mehr überwinden. Der Widerspruch, den ich plötzlich entdeckt hatte, schien mir fast unerträglich zu sein. Die faszinierende Kunst dort oben wirkte auf mich durch die Verewigung von Freude und Jubel seltener Momente beruhigend. Das Bild der alltäglichen Wahrheit mit der zerstörten Harmonie hier unten erschreckte mich, zeigte mir Drohung und Menschenverachtung in einer kalten Welt. Die graue Mauer zu Füßen der Göttin empfand ich wie einen Fremdkörper im Herzen der Hauptstadt, der nicht nur die Träume von meistens jungen Menschen, sondern bei vielen auch das Lebenslicht erbarmungslos verlöschen ließ.

"Wann und wie wird diese Wunde hier verheilen?" - sandte ich schwermütig die Frage zu Victoria. Ohne Antwort schaute sie triumphierend in eine Richtung, deprimiert blickte ich in die andere, wo die Sichtweite kurz und das "Paradies" dahinter für die hier Lebenden unerreichbar war. Der Gedanke, ausgeschlossen zu sein, war mehr als demütigend. Als ich später an jenem Sommertag in einer größeren Höhe als die Göttin auf dem Fernsehturm stand, war meine letzte Hoffnung, beim Sonnenuntergang einen freien Blick auf die West-Seite werfen zu können, durch die herabsinkenden Nebelschleier endgültig zerbrochen.

Unzählige Male sollte die Sonne auf- und untergehen, bis 1989 der Tag gekommen war, an dem die Stimme des Volkes - ähnlich wie die Trompeten von Jericho die früher erklärte Berechtigung des Daseins dieser Mauer erschütterte. Der Windhauch der Freiheit wehte unaufhaltsam über das Land. Von der Einmaligkeit solcher Ereignisse schlugen die Herzen der Menschen im Osten und Westen höher, als sie nach vielen Jahren das erste Mal beim geöffneten Tor einander begegneten. Nun stimmte das Bild verewigter Vergangenheit dort oben mit der Szene der Gegenwart hier unten im Enthusiasmus wieder überein. Zu diesem Augenblick hätte auch Faust gesagt: "Verweile doch, du bist so schön!"

Diese Euphorie trieb auch mir die Tränen in die Augen, während ich mit Stolz und Dank an meine Heimat dachte, die durch eine solidarische Geste der Humanität dazu beigetragen hatte, dass die Menschen hier den Weg zueinander und zu einer neuen Zukunft fanden. Eine Zukunft voller Hoffnung, möge sie in Erfüllung gehen.

Anfang Dezember 1989 war für mich - diesmal in Begleitung meines 20jährigen Sohnes - auch die Gelegenheit gegeben, einen kurzen Wintertag in West-Berlin erleben zu können. Es war trüb und kalt, dennoch wärmte mich das Gefühl der Freiheit, diesen Stadtteil, der damals so nahe und gleichzeitig so unerreichbar entfernt gewesen war, bruchstückartig in seinem pulsierenden Leben nach Klängen und Geräuschen kennen lernen zu dürfen. Zum ersten Male betrat ich mit meinen Füßen dieses Stück Erde, und für mich war das der einzige direkte Kontakt, der mich mit dieser Seite Berlins verband, weil mir inzwischen nicht mehr die Mauer, sondern eine andere Trennwand mit undurchdringlicher Dunkelheit die Sicht versperrt hatte. Die ausführlich erklärenden Worte meines Sohnes waren für mich die Lichtquelle, bei der ich die Schönheit der verschiedensten Gebäude, ihre Form und Farbgestaltung "sehen" und mit meinem Vorstellungsvermögen erfassen konnte. Dabei spürte ich überall die freundliche Atmosphäre.

Auf den glatten Asphaltwegen spazierend, flogen meine Gedanken an den Sommertag vor zwei Jahrzehnten zurück. Der Schmerz ergriff mich, weil es mir damals nicht vergönnt gewesen war, aus jener Zeit über diesen Stadtteil für mich optische Eindrücke zu erhalten, um sie bewahren zu können. Meine aufkommende Traurigkeit zu verdrängen, gelang mir nicht. Sie wurde sogar unsagbar groß, als ich mich an die Opfer erinnerte, die dieses kleine Gebiet nie hatten erreichen dürfen. Wie viele wagten im Besitz eines kleinen Hauchs der Hoffnung den Versuch, durch Überwindung der Mauer auf diese Seite zu gelangen. Leben wollten sie hier, sterben mussten sie dort im Namen eines falschen Zeitgeistes.

Auf dem Weg zur Betonbarriere erreichten uns die Klänge von rhythmischen Hammerschlägen auf- und abschwellend schon von weitem. "Diese unermüdlichen Mauerspechte arbeiten immer fleißig", bemerkte fröhlich eine Vorbeigehende, und ich stimmte zu. Mir schien es, als hätten die jungen Männer mit ihren Hammerschlägen die sensationelle Musik der Zukunft leidenschaftlich eingeläutet. Angelangt bei dieser berüchtigten Barriere, die hier im Gegensatz zu der anderen grauen Seite durchs Graffiti bunt bemalt war, stand ich erschüttert direkt in ihrer Nähe, berührte sie mit den Fingerspitzen, um ihre Kälte zu spüren. "Das ist also die Mauer, der sogenannte antifaschistische Schutzwall", sagte ich halblaut zu meinem Sohn. "Eine verlogene Bezeichnung." Nach kurzer Denkpause fügte ich hinzu: "Trennungsmauer, Hindernisse, die von der Politik oder vom Schicksal geschaffen werden, sind nie gut zu heißen." "Du könntest Recht haben", hörte ich seine leise Antwort.

Dann wandte ich mich unwillkürlich zu der Göttin. In der Luft war der langsam herabsinkende Nebel zu empfinden. Durch ihn suchte ich in der Höhe ihre göttliche Figur, die in meiner Phantasie - wie einst in der Wirklichkeit - im Sonnenschein glänzte.

Mein leises Seufzen schwebt zu ihr: "Victoria, hättest du die überirdische Kraft, den Menschen eine neue Ära ohne Schatten sichtbarer oder unsichtbarer Trennungsmauern einzuleiten, wäre es für unseren Lebensweg das wertvollste Geschenk aller Zeiten."

Die Siegesgöttin hüllt sich in Schweigen.

(c) Sara Rietz / Pirna


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