Horizont


Sara Rietz


Jede Woche fünfmal fahre ich zu einem Riesen-Gebäudekomplex, in dem ein Arbeitsraum, allerdings das kleinste Zimmer mit der Nummer 13, für mich eingerichtet wurde. Die Bezeichnung "Zelle" paßt haargenau, weil das einzige Fenster massiv vergittert ist.

So sitze ich allein den ganzen Tag, von den anderen kaum bemerkt, hinter der schwedischen Gardine und warte darauf, daß mich Frauen- und Männerstimmen besuchen. Sie klingeln immer leise. Mit einem Knopfdruck gewähre ich ihnen Eintritt. Aufmerksam höre ich zu, doch sie verweilen nie lange bei mir. Eilig wollen sie weiter und lassen mich in meiner Einsamkeit zurück. Manchmal kommt es vor, daß mir meine Besucher eine wertvolle Pause schenken. Gern nutze ich die Gelegenheit, einen Spaziergang im schmalen Gang zwischen den Möbeln des kaum zwei Meter breiten Zimmers zu absolvieren. Sechs kurze Schritte von meinem Stuhl bis zur Türschwelle erlaubt mir meine Zelle.

In den Zwischenpausen, die mir gegönnt werden, träume ich mich in die Ferne, wenn mich die Platzangst ergreift ...

Meine Kindheit taucht wie eine Insel im Meer der Vergangenheit auf und bringt mir das Licht der versunkenen Jahre zurück. Meine Phantasie schwebt über Zeit und Raum. Sie versetzt mich in unseren Weingarten. Ich sehe mich dort als kleines Mädchen mit meinen Brüdern in den Sommerferien, an sonnigen Tagen, die wir von früh bis zum späten Nachmittag mit mehr Arbeit als Spiel verbracht haben. Da es für uns kein Ausflug war, freuten wir uns, wenn wir nach Hause zurückkehren durften.

Auf dem grasbewachsenen Weg an Feldern vorbei, die Landstraße entlang und der Sonne entgegen, die uns wie ein feuerroter Ball herabzufallen schien, wanderten wir fröhlich und unbesorgt, Schritt für Schritt weiter. Im kindlichen Glauben, die herabsinkende Sonne fangen zu können, schlossen wir eine Wette ab, liefen schnell, um Sieger zu werden. Lächelnd schaute Mutter uns nach, ermutigte uns, weiterzulaufen, um die wunderschöne Abendsonne zu erreichen. Mit Ausdauer folgten wir dem Rat, doch wir gaben es auf, denn sie entfernte sich von uns mit ihren abschiednehmenden Strahlen.

Ich sehe mein enttäuschtes Kindergesicht von damals, ich spüre die Traurigkeit auch noch nach vielen Jahren, weil es mir nie gelang, an die Stelle zu kommen, wo die untergehende Sonne auf der Tiefebene die Erde geküßt hatte.

Diese Erinnerung ist mir wertvoll, unvergeßlich bleibt mir diese Szene der Natur. Sie hilft mir, die Enge zu überschreiten und meinen klein gewordenen Horizont erweitern zu können. Nur so erreicht mein Raum die Größe der Unendlichkeit und wird vom Abendrot beleuchtet. Ich träume, in die Vergangenheit schauend ...

Auf einmal klingelt es, zwar nicht unangenehm, doch aufdringlich. Mein Ausflug in Kindheit und Traum ist beendet. Die Sonne ist untergegangen. Dunkle Nacht umgibt mich und schließt mich in meiner doppelten Zelle gnadenlos ein.

(c) Sara Rietz / Pirna


zurück zur Seite Sara Rietz
zurück zur Seite Vita und Werke
zurück zur Startseite

Horizont

BLAutor - Arbeitskreis blinder und sehbehinderter Autoren - www.blautor.de