Herbstwind


Sara Rietz


Laura, die junge Kindergärtnerin, saß an diesem Oktobernachmittag wieder in der Gaststätte auf ihrem Stammplatz am Fenster und wartete auf ihn. Sie trank langsam ihren Mokka, während sie hinausschaute und ihre ganze Aufmerksamkeit dem Akazienbaum widmete, der in der Nähe am Straßenrand stand.

Vom Wind geschüttelt rauschte seine buntgefärbte Laubkrone und seine gelb-rotbräunlichen Blätter tanzten in der Luft schwebend herab. Zwischen zwei schon kahlen Ästen hing ein Vogelnest fast herabgerissen. In jedem Moment konnte die Trennung geschehen. Die Szene faszinierte Laura. Um die Stimmung der Vergänglichkeit einzufangen nahm sie ihre Mappe hervor und malte mit großer Genauigkeit, was sie sah. Ihre Blicke wanderten zwischen dem Baum und seinem Ebenbild auf dem Papier hin und her. Laura war in ihre Beschäftigung so vertieft, daß sie die wenigen Gäste, ihre leise Unterhaltungen, den Kellner, der seine Pflicht getan hatte, nicht wahrnahm. Sie hörte mehr dem gleichmäßigen Fauchen des Herbst-windes, dem Säuseln der vertrockneten Blätter zu, die von Böen getrieben wie kleine Lebe-wesen auf der Straße irgendwohin rannten. Nur kurze Pausen wurden ihnen gegönnt, um dann im nächsten Augenblick noch schneller laufen zu müssen. “Der Herbst ist ein Spiegelbild des Menschenlebens”, dachte sie und betrachtete ihr fast fertiges Werk. Nach kurzer Überlegung malte sie über dem Baum in angemessener Höhe dichte, dunkle Wolken, die nur einen Lichtstrahl der untergehenden Sonne durchdringen ließen. “In Ordnung”, stellte sie fest und nahm den Faden der vorigen Gedanken auf: “ja, unser Schicksal ist der Herbstwind, der uns voneinander trennt und uns wie wehrlose Blätter fortjagt. Kurze Pausen sind gewährt ... oder auch nicht?” Gründlich überlegte sie den Lauf der Dinge und und hielt ihr schmales Gesicht in den Händen auf dem Ellenbogen gestützt, während ihr Geist bei dem verlassenen Zuhause verweilte. Heimweh hatte ihre Seele gleich am Anfang ihres Berufslebens in dieser fremden Stadt ergriffen.

Eine angenehme Baritonstimme riß sie aus ihren Gedanken. In der Ecke des Raumes saß ein Mann am Klavier, spielte und sang dazu ein melancholisches Lied: “Wind, Herbstwind, begleite, führ’ mich weit. Sie ging fort. Für mich bleibt nur das Leid...”

Laura hörte das erste Mal diese schöne Melodie, die mit ihrem tristen Text eine harmonische Einheit bildete. Es schien die eigene Komposition des grauhaarigen Sängers zu sein. Die Traurigkeit, die aus dem Gesang und zugleich dem Gesicht des alten Mannes strömte, war ergreifend. Der Alte, der seine Kunst so perfekt beherrschte, befand sich im Herbst seines Lebens.

Die Stimmung war vollkommen. Herbst war draußen, und Herbst war im Saal. Abschied hier und Abschied dort. Der Herbst spielte auf dem Klavier trübselig sein Herbstlied. Die Töne des Instrumentes klangen so rythmisch wie die Regentropfen, die der Wind an die Fensterscheibe schlug. Laura schaute wieder hinaus, wo die hereinbrechende Dunkelheit den Akazienbaum allmählich verschlang. In diesem Augenblick legte der Kellner neben ihr gemaltes Bild einen Brief. Sie öffnete den Umschlag, las die Zeilen mit bestürzter Miene und hörte, wie der Künstler wieder sang: “Sie ging fort ...” “Er ging fort ...”, korrigierte sie im Gedanken den Text und “für mich bleibt nur das Leid”, summte sie mit. Dann zerriß sie langsam den Brief in kleine Schnipsel. Sie fielen nacheinander und geräuschlos auf die Tischplatte wie draußen die Blätter der Akazie auf die Erde.

(c) Sara Rietz / Pirna


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