Gretel und Hänsel


Sara Rietz


Weit hinter dem Operenzenmeer, am Rande eines Riesenwaldes lebte einmal eine Familie vor vielen, vielen Jahren.

Eines Tages geschah es, daß nach dem Tod des Vaters auch die Mutter starb. Kurz davor gab sie ihren Zwillingskindern den guten Rat, daß sie in den Wald gehen sollen, in dem auch der Vater gearbeitet hatte. Dort fänden sie das Notwendigste, das zum Leben wichtig sei. Gretel und Hänsel, so hießen sie, waren damals erst acht Jahre alt. Sie weinten zuerst bitter, aber dann gedachten sie der Worte ihrer Mutter: "Habt keine Angst. Bleibt tapfer." So getröstet, zogen sie ihre einzige Festkleidung an. Gretel nahm den dunkelblauen Faltenrock und die weiße Bluse dazu und Hänsel die dunkelblaue Hose und das weiße Hemd. So feierlich gekleidet, verließen sie das Häuschen, wo sie bis jetzt gelebt hatten.

Mit den Rucksäcken gingen sie los. Die Sonne schien sehr warm, wodurch die Kühle des Waldes auf sie angenehm wirkte. Unterwegs aßen sie die mitgebrachten Brotreste, fanden dazu süße Beeren in Hülle und Fülle und waren satt und zufrieden.

"In welche Richtung müssen wir jetzt weitergehen?", fragte Gretel verunsichert. In diesem Moment hörten sie die melodische Stimme eines Vogels: "Hierher, Kinder! Hierher, Kinder!" Sie schauten sich um und entdeckten unweit von ihnen einen blauen Vogel, der auf dem Zweig eines Busches saß. "Schau mal, Gretel", sagte Hänsel, "dieser Vogel mit blauem Gefieder trägt am Hinterkopf ein rotes Herz. Es glänzt wie Edelstein." "Wie ein Märchenvogel", staunte Gretel.

Der Vogel flog auf und flatterte vor den Kindern her und zwitscherte seinen Gesang: "Hierher, Kinder! Hierher, Kinder!" Es war wie ein wunderbares Spiel. Wenn sie den kleinen Sänger aus den Augen verloren hatten, hörten sie immer wieder seine Stimme. Gretel und Hänsel waren froh und glücklich und vergaßen die Welt um sich.

Als die Sonne schon unterging, wagten sie sich nicht weiterzugehen. Der Märchenvogel lockte sie auf eine Lichtung mit weichem Grasteppich. Aus dem Rucksack nahmen sie ihre Regencapes heraus, zogen sie an und legten sich hin. Schnell schliefen sie ein. Ein durchsichtiges, glockenförmiges Zelt schwebte schützend auf sie herab. Sie spürten dadurch keine Kälte, keinen Tau der Nacht und auch keinen Wind. Warm umhüllt, schliefen sie tief ohne Gefahr.

Die Sonne schien hell, als Gretel und Hänsel aus dem Schlaf erwachten. Das unsichtbare Zelt löste sich auf. Sie packten ihre Regencapes in die Rucksäcke ein. Dabei bemerkten sie überrascht, daß aus den trockenen Brotkrümmeln frische, knusprige Brötchen entstanden waren. So frühstückten die Kinder vergnügt.

Der Vogel mit blauem Gefieder und rotem Herz am Hinterkopf erschien wieder und lenkte sie weiter. Bald fanden sie eine Quelle, wo sie auch ihren Durst löschen konnten. Nach längerer Zeit erblickten sie in der Ferne ein schönes Schloß mit mehreren Türmen. Von weitem sah es so aus, als wäre es aus Blumen zusammengestellt. Als sie aber näher gekommen waren, sahen sie, daß es aus weißen und roten Steinen gebaut war, wobei die Steine weiße und rote Rosen darstellten. Vor dem Schloß erstreckte sich eine große Parkanlage mit exotischen Bäumen, Büschen, Blumen und mit einem grünen Zaun umsäumt.

Gretel und Hänsel blieben von der Schönheit dieses Gebietes wie verzaubert stehen. Dann hörten sie den Vogel wieder: "Hierher, Kinder; hierher, Kinder!" Sie näherten sich dem Tor, das vor ihnen wie von sich selbst aufging. Bald standen sie direkt vor dem Schloß und sahen, wie der Vogel an ein Fenster mit seinem Schnabel klopfte. Daraufhin öffnete sich die Schloßtür, und es trat eine alte Frau mit weißem Haar und im langen schwarzen Kleid heraus.

Entzückt schauten die Zwillinge hoch zur Dame, die auf der obersten Stufe der Treppe der mit Säulen geschmückten Terrasse stand und ihnen freundlich winkte: "Kommt zu mir, meine kleinen Gäste." Ihre Stimme klang so einladend, daß Gretel Hänsels Hand sofort anfaßte und ihn auf der breiten Marmortreppe mutig hoch zu der schönen Dame führte.

"Herzlich Willkommen, ihr lieben Kinder", empfing sie mit eleganter Gebärde Gretel und Hänsel und bat sie, ihr zu folgen. Nach einem langen und verwinkelten Flur kamen sie ins Eßzimmer, wo sie an dem reich gedeckten Tisch Platz nehmen durften. Auch die Gastgeberin setzte sich und ermutigte die Kinder, alles nach Wunsch und Appetit zu wählen. Sie verloren die Scheu und stillten zügig ihren Hunger und Durst. Nach dem Essen erzählten die Kinder alles, was sie bis jetzt erlebt hatten. "Über euere Ehrlichkeit freue ich mich sehr", sagte ihnen die Frau. "In diesem Land Moralia dürft ihr bleiben, wenn ihr immer die Wahrheit sagt. Wenn ihr einen Fehler begeht, sollt ihr es immer ruhig zugeben. Man lügt hier nie."

"Zu Hause haben wir es von unseren Eltern ebenso gelernt", erklärte Gretel stolz. "Es freut mich sehr", lächelte die Gastgeberin und fügte hinzu: "Für euch bin ich die Großmutter. Nennt mich bitte nur `Großi'." "Herrlich, herrlich", jubelten die Kinder.

Am nächsten Morgen in den Frühstunden weckte Großi die Kinder sanft und ging mit ihnen nach dem ausgiebigen Frühstück in den nahe gelegenen Zaubergarten. Mit Staunen blieben sie vor dem Eingang, der sehr eigenartig gestaltet war, stehen. Auf vier hohen, eckigen Säulen stand ein ausgestopfter afrikanischer Elefant, auf dessen Rücken ein Riesenvogel in seinem runden Nest saß und aufmerksam in jede Richtung blickte. "Dieser Vogel", erklärte Großi, "hat eine wichtige Aufgabe bei uns. Er hält Wache, achtet darauf, daß keine Eindringlinge unseren Zaubergarten betreten." "Wie ist es möglich?" "Wie heißt der Vogel?", fragten Gretel und Hänsel auf einmal. "Lutru ist sein Name." "Lululu-trululu-lululu", begann der Vogel melodisch zu trillern. Dann wiederholte er seine Strophe, worauf sich das erste und dann das zweite Tor zum Garten öffneten. So konnten sie in die reichhaltige Pflanzenwelt mit aller Ruhe eintreten. Es war sagenhaft schön. Kleinere und größere Pflanzen in den verschiedensten Arten wuchsen dort und trugen farbenprächtige Blüten mit berauschendem Duft.

Auf einem Nebenweg näherte sich ein junges Mädchen im gelben Arbeitskleid und mit einer goldenen Schleife im dunklen Haar. "Unsere Goldmarie", stellte sie Großi den Kindern vor. "Sie arbeitet hier fleißig, denn sie liebt die Blumen und Bäume." "Wir lieben sie auch", sagten Gretel und Hänsel mit überzeugendem Ton. "Schaut mal hin", sagte Goldmarie, "dort sind die sieben Zwerge. Sie bereiten eine neue Blumenrabatte vor. Meine Schwester, Fanny Pech, hilft ihnen dabei." Gretel und Hänsel winkten ihnen fröhlich zu. "Später, wenn ihr größer seid, könnt ihr auch hier arbeiten.", fügte sie hinzu. Dann erwähnte sie, daß die Pflanzen in diesem Garten über mächtige, überirdische Kräfte verfügten und fähig seien, alle Krankheiten zu heilen.

Dann besichtigten sie die Lagerhalle. Dort schnupperten sie genußvoll die Duftmischung getrockneter Blüten, Blätter, Stängel und Wurzeln. Gretel und Hänsel atmeten tief den Duft ein. In der Apotheke nebenan warteten Schneeweißchen und Rosenrot und zeigten den Kindern Waagen, Mörser, Stößel, Presse, kleinere und größere Öfen sowie Gefäße, Dosen und Döschen in unterschiedlichen Farben und Formen. Die Kinder schauten neugierig zu, wie fleißige Helfer arbeiteten. Schneeweißchen erklärte den aufmerksamen Kindern: "Hier diese Pflanzen werden zu Salben, Dragees und Mixturen verarbeitet und in alle Welt verschickt." Rosenrot ergänzte: "Unsere Produkte sind weltweit bekannt und gefragt." Anschließend gingen sie weiter in die große Bibliothek, wo viele Bücher die Bewunderung der Kinder auf sich zogen. Dort sagte Großi: "Vorläufig werdet ihr hier für die Zukunft unserer Welt fleißig lernen, nicht wahr?" "Ja, ja", riefen die Kinder gleichzeitig.

Die Jahre vergingen schnell. Die Kindheit von Gretel und Hänsel war mit Spielen, Turnen und fleißigem Lernen ausgefüllt. An den warmen, sonnigen Tagen spazierten sie im Garten und lernten dabei die Pflanzen gründlich kennen. Dabei prägten sie sich die Düfte und unterschiedlichen Formen der Blätter und Blüten ein. Großi brachte ihnen alles Wissenswerte bei. An den regnerischen Tagen saßen sie mit Großi in der Bibliothek. Dort übten sie die Geheimsprache der Pflanzen, die für die praktische Arbeit unentbehrlich war. Großi bereitete die Zwillinge mit tiefen Kenntnissen auf den Lebensweg vor.

So verrann die Zeit wie im Fluge. Gretel wurde ein hübsches, schönes Mädchen, das auch sehr fleißig und klug war. Sie gehörte zu denjenigen, die die beste Heilwirkung der Pflanzen erreichten. Ihre Heilmittel wurden weltberühmt.

Auch Hänsel erreichte als intelligenter junger Mann hohe Kenntnisse und Geschick, besonders im Handel. Aufgrund dessen wurde er einige Jahre später in Moralia sogar zum Minister gewählt. Seine Aufgabe war es, den Außenhandel zu organisieren.

Gretel, Hänsel und Großi, die liebe Großmutter, verbrachten ihre Freizeit am liebsten im Zaubergarten, wo sie das Trillern des Vogels Lutru gern hörten. Es klang höchst melodisch, vergnügt und fröhlich, weil hier dauerhaft Ehrlichkeit und Frieden herrschten. Die Menschen sagten immer die Wahrheit, keiner kannte die Lüge.

Eines Tages verbreiteten sich schlimme Nachrichten aus den fernen Märchenländern. Eine Epidemie sei ausgebrochen. Die Menschen, Kinder und Erwachsene, seien durch Lügen regelrecht vergiftet und wegen dieser sehr schlimmen Krankheit unfähig, die Wahrheit zu sagen, zu erkennen und zu ehren. Gefürchtete Folgen seien Wahnsinn und wachsende Neigung zur Gewalt.

Erschrocken hörten Gretel und Hänsel diese furchtbaren Nachrichten von Großi, die aus sicheren Quellen wußte, daß in zwei Ländern, Miserabiel und Aukrasia, fast alle Menschen erkrankten und diejenigen, die für die Wahrheit eintraten, ununterbrochen verfolgt wurden. "Diese Krankheit, diese Epidemie müssen wir besiegen, sonst gerät unsere Welt in tödliche Gefahr", sagte Gretel. Hänsel und Goldmarie pflichteten dem bei. Nur Fanny Pech beschwichtigte: "Ach, das ist weit weg. Deshalb mehr arbeiten?" Hänsel erwiderte mit voller Leidenschaft: "Wir haben die besten Heilmittel und müssen diese schnellstens zu den erkrankten Menschen hinschaffen. Das ist jetzt unsere Pflicht." "Sehr richtig", bemerkte Großi, und ein Schimmer der Hoffnung glänzte in ihren grünen Augen.

Da es nach Regen aussah, kehrte die kleine Gruppe ins Kaminzimmer des Schlosses zurück, wo die Vorbereitungen der Rettung ausführlich besprochen werden mußten. Während der Beratung regnete es draußen kräftig. Durch das geöffnete Fenster drang frische Luft ins Zimmer herein und beruhigte die Anwesenden. Sie hatten den Plan für die Rettung der Märchenwelt bald fertig.

Es war den Beratenden bekannt, daß der kleine Muck mit seinen fahrenden Pantoffeln vor einigen Jahren eine Handelsgesellschaft gegründet hatte und mehrere Mitarbeiter ausbildete, die mit modernisierten Pantoffeln auf dem Festland zügiger die Heilmittel verteilen konnten. Um der Bevölkerung jenseits des Operenzenmeeres schnellstens helfen zu können, war geplant, von den benachbarten Märchenländern fliegende Teppiche zu borgen. Mutige Personen übten fleißig, die Technik und Tücken der fliegenden Teppiche gründlich zu erlernen und zu beherrschen. Die ersten Einsätze nach Miserabiel und Aukrasia wurden mit vielen Produkten aus Moralia erfolgreich durchgeführt.

Von Menschen, die sich von Lügen entgiften lassen wollten, wurden die auf den Teppichen Fliegenden mit den Lieferungen immer begeistert empfangen. Der Heilungsprozeß der Menschen erreichte nach und nach Fortschritte.

Die bösen Könige aber, Bunko in Aukrasia und Dusselko in Miserabiel, protestierten heftig gegen die Einmischung in ihre inneren Angelegenheiten und schickten drohende Briefe an Sigmond, den König von Moralia. Doch der kleine blaue Vogel mit dem roten Herz am Hinterkopf brachte immer von den geheilten Personen herzliche Danksagungen, auch an den König Sigmond adressiert.

Zahlreiche Bewohner flohen aus Miserabiel und Aukrasia nach Moralia und anderen Ländern. Daraufhin gaben die Lügner-Könige, Dusselko und Bunko, ihren Offizieren den Befehl, alle fliegenden Teppiche anzugreifen. Vergiftete Pfeile flogen in die Höhe, doch die Helfer aus Moralia kehrten immer gesund zurück.

Eines Tages erreichte ein verzweifelter Hilferuf die gute alte Frau, Großi. In diesem Eilbrief war geschrieben, daß Bunko zwei wertvolle Personen im Gefängnis einsperren ließ, weil sie die Lügenkrankheit überwunden hatten und bereit waren, immer die Wahrheit zu sagen. "Sie schweben in Lebensgefahr", stand auch im Brief.

Kurz darauf war Großi verschwunden. Niemand wußte, wo sie war. Nur ein Zettel mit ihrer Handschrift war zu finden: "Bald ... wieder da. Auf Wiedersehen." Trotz der beruhigenden Worte waren Gretel und Hänsel um Großi besorgt und fanden einfach keine Ruhe.

An einem sonnigen Tag verweilten sie in der breiten Parkanlage. Während sie im Schatten eines Baumes auf einer Bank saßen, hörten sie, wie der Riesenvogel Lutru auf dem Rücken des Elefanten jubelnd seine bekannte Melodie sang. Sie blickten hoch zum Himmel, der von Schleierwolken bedeckt war und sahen ein siebenköpfiges Drachengespann fliegen. Es sank immer tiefer und tiefer. Schließlich landete es in ihrer Nähe. Die Überraschung war riesig. Gretel und Hänsel sprangen auf und beobachteten erschrocken und doch interessiert, wie der Drache nicht weit von ihnen seine sieben roten Köpfe in alle Richtungen drehte. Dabei fauchte er kräftig. Auf dem Rücken war seine taubenblaue lederartige Doppelhaut in Form einer elegant gebauten Equipage aufgeblasen. Der Drache verfügte über vier Flügel, von denen er die zwei oberen, weißen sowie seinen schwarzen Schwanz aufgerichtet hielt, um die aufgeblasene Haut zu verstärken. Nach einer langen Schnaufpause ließ er Köpfe, Flügel, Schwanz nach unten sinken, gleichzeitig kniete er, ein Seitenteil der taubenblauen Haut rollte hoch, und Großi stieg aus. Ihr folgten zwei junge, unbekannte Personen in Bettlerkleidung.

Als Gretel und Hänsel Großi erblickt hatten, liefen sie zu ihr, umarmten sie liebevoll und küßten sie erfreut. "Gott sei Dank", flüsterte Gretel, "daß du wieder bei uns bist." Die gute Großmutter fühlte sich durch diesen herzlichen Empfang auch sehr beeindruckt und geehrt. Ja, sie war froh, daß alles so gut gelungen war. Dann wandte sie sich an ihre Gäste und stellte sie Gretel und Hänsel vor. Herzlich war die Begrüßung. "Wir sind nur Bettler", sagte der junge Mann, der sich Marcell nannte und kaum älter als Hänsel war. "Wir sind Geschwister und Zwillinge", ergänzte das Mädchen, Johanna, Marcells Worte und wiederholte: "Ja, wir sind Bettler." "Sie hätten fast einen Rückfall erlitten", bemerkte Großi, "sie sind unbarmherzig gequält worden."

Während sie sich so unterhielten, trat Großi zum Drachen und streichelte zärtlich einen der sieben Köpfe. Der Tierpfleger war schon angekommen, um den Drachen in seine Höhle zu führen und ihm frisches Gras und Getränk zu geben. Dann eilte Goldmarie zu der kleinen Gruppe und lud die Anwesenden zum Essen freundlich ein.

Der König von Moralia, Sigmond, und sein Gefolge erwarteten die Gäste mit Geschenken und Blumensträußen auf der hohen, mit Säulen geschmückten Terrasse des Schlosses. Im Spalier der Bürger aus Moralia näherten sich Großi, die Bettler, Hänsel und Gretel langsam, während von berühmten Musikanten der Triumphmarsch erklang. Nach der königlichen Begrüßung wurden sie alle in den Speisesaal gebeten, wo die Tische schon gedeckt waren. Das Festmahl nahm seinen Anfang in Ausgelassenheit. Dabei stellte Großi mit Freude fest, daß Gretel und Marcell, Hänsel und Johanna einander lieb ansahen. Die Bettlerkleidung störte sie also nicht. `Schön', dachte sie und berichtete auf den Wunsch des Königs ausführlich über die Erlebnisse mit dem Drachenflug.

Lebhaft und laut war die Unterhaltung, als leises Klopfen an der Fensterscheibe dennoch zu hören war. Der kleine blaue Vogel war das, der einen Brief in dem Schnabel hielt. Das Fenster wurde geöffnet, und der Vogel ließ den Brief vor dem König fallen. Die Sekretärin, Rosa Rotkappe, las dem König von Moralia den Text vor. Die bösen Lügner-Könige von Miserabiel und Aukrasia, Dusselko und Bunko, waren sehr erbost und warfen Sigmond vor, durch die Heilungsaktion dem Wirtschaftsleben schwere Schäden zugefügt zu haben. Ihre Landsleute verließen scharenweise das Land. In scharfer Formulierung klagte Bunko Großi der Entführung und des Menschenraubes an und forderte ihre unverzügliche Auslieferung von König Sigmond. Sollte er diesem Verlangen nicht nachkommen, müsse er mit ernsten Folgen rechnen.

Die vorher lebhafte Unterhaltung erstarb. Der König zeigte eine würdevolle Beherrschung und sagte bestimmend: "Keine Angst. Es handelt sich nur um leere Drohungen. Großi bekommt einen stärkeren Personenschutz. Mein unabänderlicher Wille ist, unsere Heilungsaktionen ununterbrochen fortzusetzen. Nur so können wir unser aller Untergang verhindern. Wir öffnen unsere Grenze für die gesunden Menschen, die aus Aukrasia und Miserabiel hierher kommen wollen. Wir brauchen in unserem Zaubergarten viele, viele Arbeitskräfte, nicht wahr?" "Jawohl", riefen Gretel und Hänsel auf einmal.

Das Ziel von Sigmond, in der ganzen Märchenwelt die von Lügen vergifteten Menschen gesund zu machen, gefiel den bösen Königen nicht. Deshalb bedrohten sie das Märchenland Moralia mit Krieg. In Moralia wuchsen Angst und Nervosität ins Unermeßliche, aber Sigmond, der König, beruhigte sein Volk.

Sorgfältig wurden Vorbereitungen für die Verteidigung des Landes getroffen. Dennoch dachten sie mit zunehmender Sorge an den Tag des Angriffs und die kommende Ungewißheit.

Der Tag des Ultimatums der bösen Könige war längst abgelaufen. Es geschah aber unverständlicherweise nichts. Die angekündigte Schlacht blieb aus. Es stellte sich nämlich heraus, daß sich der Angriff nicht organisieren ließ, weil die jungen Menschen, die von der Krankheit Lüge geheilt worden waren und nur die Wahrheit sagen konnten, nicht bereit waren, für falsche Ziele der bösen Könige in den Krieg zu ziehen. Die Lügenkönige Dusselko und Bunko tobten vor Wut und wurden kurz darauf wahnsinnig. Deshalb wurden sie zusammen mit ihren kranken Generälen auf der Insel des Todes in einer Anstalt eingesperrt. Es dauerte nicht lange, und Dusselko begann, wie toll zu rasen. Dasselbe geschah mit Bunko. Er geriet in Rage. Die Krankheit ergriff auch die Generäle, so daß sie sich gegenseitig angriffen. Innerhalb weniger Monate starben sie alle. Die Einwohner von Moralia atmeten erleichtert auf.

Sigmond, der König, stand mit seinem Gefolge erneut auf der hohen, durch Säulen geschmückten Terrasse des Schlosses und hielt für sein Volk eine Festrede. Die Menschen umarmten sich, küßten sich vor Freude. "Diesen Tag werden wir märchenweltweit jährlich begehen", schloß der König seine Rede. Nach dem langandauernden Applaus begann ein ausgelassenes Festessen, anschließend Chorgesänge, Musik und Tanz in höchster Heiterkeit.

Beim Dinner standen Großi, Gretel und Hänsel an der Seite des Königs Sigmond im Mittelpunkt. Großi hielt ihre rechte Hand mit dem gefüllten Sektglas hoch und sagte einen enthusiastischen Trinkspruch. "Ich möchte euch ein Geheimnis lüften", begann sie mit klarer Stimme. "Hohe Anerkennung verdienen Gretel und Hänsel. Sie haben die wirkungsvollsten Medikamente aus den Heilpflanzen unseres Zaubergartens herstellen können. Damit vermochten sie unsere kranken Gäste, Johanna und Marcell, die beinahe einen Rückfall erlitten hätten, vollkommen gesund zu pflegen. Sie sind entgiftet und können nur die Wahrheit und nichts Anderes als die Wahrheit sagen", schloß Großi mit fester Stimme. "Wo sind sie denn? Wir wollen sie sehen und hören", riefen einige laut.

Der Spiegelsaal des Schlosses war an diesem Abend durch unzählige Kerzen hell erleuchtet. Fein und klar ertönten die Glocken. Die Seitentüren gingen auf. Links erschienen Gretel und Hänsel, ihnen gegenüber Johanna und Marcell. Es entstand eine erwartungsvolle Stille. Nach kurzem Zögern lenkten die geheilten Zwillingsgeschwister ihre Schritte in die Mitte des Saales. Königlich elegant waren sie gekleidet, ihrem wirklichen Rang entsprechend. Würdevoll näherten sie sich einander. In der Mitte des Saales blieben sie nebeneinander stehen.

Der König, Sigmond, vor dem sie standen, zeigte mit der rechten Hand auf Marcell, der zu sprechen anfing. Er erzählte, daß sie Kinder des Königs Bunko sind. Der Vater ließ sie einsperren, weil sie nicht mehr lügen wollten. Das Todesurteil hätte sie erwartet, wenn sie länger in Aukrasia geblieben wären. "Die liebe, gute Frau Großi rettete uns. Wir sind ihr sehr, sehr dankbar", beendete er seine Rede. Dann setzte Johanna fort: "Wir sind auch Gretel und Hänsel ebenfalls sehr dankbar, weil sie uns die besten Heilmittel und ihre Zuneigung gaben. So sind wir vollkommen gesund geworden." "Dem König von Moralia möchten wir unseren größten Dank aussprechen, weil er uns das sichere Asyl ermöglicht hatte", übernahm der Königssohn Marcell nochmals das Wort. Beide neigten sich vor Sigmond tief und lange. Die Szene war ergreifend. Als sie hochschauten, winkte ihnen der König, worauf Marcell und Hänsel die Plätze tauschten. Gretel und Marcell, Johanna und Hänsel lächelten jetzt glücklich einander an. Großi trat zu ihnen und schenkte jedem Paar ein rotes Samtkästchen. Sie öffneten es, nahmen Goldringe heraus und zogen sie sich gegenseitig auf die Ringfinger. Das war ihre Verlobung. Nach einem zarten Kuß umarmten sie sich und tanzten nach der Musik ihren ersten Walzer miteinander. Damit eröffneten sie den langersehnten Ball. Alle, Kleine und Große, Junge und Alte, schwangen die Beine, als wollten sie nie mit dem Tanzen aufhören.

Sechs Wochen später fand die Trauung in Anwesenheit geladener Gäste im Dom von Moralia statt. Orgelmusik untermalte würdevoll das Fest, während sich beide Brautpaare für immer ihr Ja-Wort gaben. Drei Wochen lang dauerte die anschließende Hochzeitsfeier mit Singen und Tanzen. Mit Speisen und Getränken waren die Tische reichlich beladen. In die ganze Märchenwelt wurden Gaben verschickt, so daß jeder an dieser großartigen Feier teilhaben konnte.

Nach dieser ausgedehnten Hochzeitszeremonie übernahm König Sigmond von Moralia die Krönung von Hänsel für den verwaisten Thron in Miserabiel sowie die Krönung von Marcell für den ebenfalls verwaisten Thron in Aukrasia. Seine Gemahlin Gretel trug ab sofort den Namen Margarete, und aus Hänsel wurde Johann. Während dieses Festaktes läuteten die Glocken überall stundenlang, denn die Freude sollte verkündet werden, daß die Wahrheit gesiegt hatte und fortan ehrliche Könige regierten, die dem Glück des Volkes dienten und jederzeit bereit waren, den Untergang ihrer Welt zu verhindern. Der Vogel Lutru sang fröhlich, weil keine Gefahr mehr drohte. Die Krankheit Lüge war endgültig gebannt.

Jedes Jahr trafen sich die jungen Herrscher in Moralia und begingen zusammen mit Großi, König Sigmond, Goldmarie und mit dem ganzen Volk den Tag, der ihnen Frieden brachte.

Marcell und Margarete, Johann und Johanna regieren heute noch mit aller Ehrlichkeit und Gerechtigkeit, wofür sie von ihren Landsleuten Verehrung und Anerkennung erhalten. Nach meinen letzten Informationen leben sie heute noch und sind glücklich.

(c) Sara Rietz / Pirna


zurück zur Seite Sara Rietz
zurück zur Seite Vita und Werke
zurück zur Startseite

Gretel und Hänsell

BLAutor - Arbeitskreis blinder und sehbehinderter Autoren - www.blautor.de