Frühstücksfreude


Sara Rietz - Mai 2004


In dieser Morgenstunde sitzen schon fast alle Tagungsteilnehmer im Speiseraum des kleinen Hotels und frühstücken gemütlich, wobei sie sich mehr oder weniger leise unterhalten.

An einem Vierer-Tisch, an dem für Daniel, den stillen, alten Mann, gerade Kaffee serviert wird, nimmt Charlotte, eine nicht mehr junge Frau, Platz. Inzwischen kommt Anne, auch im ählichen Alter, zum Tisch, und nach einem "Hallo" geht sie zum Buffet. Von dort kehrt der graumelierte Detlef zurück, stellt die vollbelegten Teller vor seine Frau und an seinen Platz.

"Verdammte Kurzsichtigkeit", murmelt er, "ich habe immer Schwierigkeiten bei der Auswahl." Dann klingt aber seine Stimme fröhlich: "Charlotte, ich habe für dich eine Weintraube mitgebracht." - "Oh, herrlich, danke, nett von dir, Klasse", jubelt sie überglücklich. "Wenigstens zur Henkersmahlzeit etwas Besonderes. Eine Überraschung. Das Obstangebot war hier sowieso sehr spärlich", fügt sie leise hinzu, als spräche sie mit sich selbst. "Das kannst du ruhig laut sagen", ermutigt sie Anne, die sich jetzt zu ihnen an den Tisch setzt. "Ja, das ist die Wahrheit, die ganze Wahrheit, weiter nichts. Du hast schönes Obst abbekommen. Ich habe nichts mehr gefunden", sagt sie abschließend und beginnt ihr Frühstücksbrötchen zu schneiden.

Charlotte freut sich über Annes Lobesworte und glaubt es ihr ohne Zweifel, denn sie weiß dass Anne noch gut sehen kann. Charlotte isst und trinkt jetzt zügig, um schneller das schöne Obst in die Hand nehmen zu können. Sie lässt die Finger flink vom Stengel und von den Blättern bis zu den einzelnen Beeren gleiten. Sie strahlt vor Freude. Sichtbar ist das Glück in ihrem Gesicht. Rasch erkennt sie die tadellose Form und fühlt unter den Fingerspitzen die sanfte Oberfläche der Blätter, die sich seitlich schützend an die Beeren schmiegen. Sie schwärmt ununterbrochen, spricht im Superlativ über die Natur, die solche Schöpfung mit Vollkommenheit schafft, die der Mensch nur bewundern kann.

Sie wendet sich jetzt nach links und sagt freundlich, doch ein wenig lauter: "Daniel, ich gebe dir etwas in die Hand. Rate mal, was das ist." In Sekundenschnelle weiß er Bescheid: "Eine Weintraube. Prachtvoll ist sie. Es ist fast schade, sie aufzuessen." Dann gibt er ihr die Traube zurück.

"Diese Frucht bringt mir jetzt meine Kindheit in die Erinnerung zurück", erzählt Charlotte lebhaft. "Damals, als ich Schülerin der Grundschule gewesen war, sollten wir Blumen, Tulpen, Narzissen, Maiglöckchen, bunte Herbstblätter, verschiedene Sorten Obst nach der Natur malen. Die Wirkung von Licht und Schatten zu beobachten, bedeutete für uns eine große Herausforderung. Wir mussten dabei die Farben --- hellere und dunklere --- ohne scharfe Linien auftragen. Sie sollten fein Ton in Ton übergehen. Ach, so schön war das, unvergesslich bleiben mir die Unterrichtsstunden." - "Mir auch", unterbricht Anne sie. "Aber schöne Weintrauben zu malen, schaffen nur die Künstler." - "Wirklich wahr", antwortet ihr Charlotte nachdenklich und streichelt wieder die Traube. "Sie sind aber staubig", stellt sie mit Staunen im Stillen fest. "Sollte die Küche so unhygienisch sein", denkt sie, "dass den Gästen Obst ungewaschen angeboten wird? Das kann nicht wahr sein." In Gedanken vertieft hört sie, wie sich die anderen miteinander unterhalten. Charlotte läßt sich aber von nichts stören und versucht, ganz vorsichtig eine Beere abzunehmen. Es gelingt ihr auch beim zweiten Probieren nicht. 'Vielleicht sind sie noch unreif', überlegt sie. Diese Sorte kennt sie nicht. Die Blätter und die Beeren sind ziemlich klein. "Wer weiss aus welchem Land sie kommt", geht ihr die Frage durch den Kopf. "Staubig ist die Traube", sagt sie dann laut.

"Wenn du sie essen willst", gibt ihr Anne den guten Rat, "mußt du sie erst heiß und dann kalt abspülen. Die Weintrauben sind nämlich chemisch behandelt, dadurch giftig. Aus diesem Grund esse ich in letzter Zeit überhaupt keine Trauben mehr." "Die Methode ist bestimmt richtig für die Gesundheit", antwortet ihr Charlotte. In diesem Moment hört sie, dass die Serviererin am Nebentisch spricht. Detlef bestellt für sich Kaffee, und Charlotte läßt ihre Tasse auch nachfüllen. Sie faßt sich ein Herz und fragt mutig die Serviererin: "Würden Sie mir bitte diese Weintraube noch mal abspülen?" - "Oh", antwortet sie überrascht: "sie dient nur als Dekoration" und nimmt die Traube weg. Charlottes Lachen klingt anschließend so herzhaft, als hätte sie den süßen Geschmack einer echten Weintraube im Mund gespürt.

(c) Sara Rietz / Pirna


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