Flucht und Rückkehr


Sara Rietz - April 2003


Das Rosenstöckchen, das für mich vor wenigen Tagen als Geschenk auf den Tisch gestellt wurde, hat eben heute alle seine Knospen prachtvoll entfaltet. An diesem Abend telefoniere ich lange in der Nah- und Fernzone, lasse mich trotz Schreckensmeldungen im Radio und Fernsehen über die Flutkatastrophe von meiner Familie --- Mann und Sohn --- beruhigen: "Hierher kommt kein Hochwasser." Zum Schluss berühre ich zärtlich die Rosenblüten und verlasse gegen Mitternacht das Zimmer. Die überzeugenden Worte, auch die Hoffnung nehme ich mit in den Schlaf, auf den ich noch lange warten muss. Traumlos und kurz ist die Nacht.

Am nächsten Morgen, dem 15. August 2002, dringen aufgeregte Stimmen in der fünften Stunde von der Straße durch das offene Fenster zu mir und reißen mich aus dem Bett. Erschrocken beuge ich mich hinaus. Von Ferne höre ich nur Lautfetzen aus dem Lautsprecher eines Polizeiautos: ... fünf Tage ... warme Decken ... Vor meinem geistigen Auge sehe ich schon das Elbewasser auf der Lindenstraße in Copitz strömen, und angestrengt höre ich den polizeilichen Aufforderungen, die aus den unterschiedlichen Richtungen kommen, zu. Ich kann aber nicht mehr verstehen als vorher. Verzweifelt, fast außer mir, wecke ich meinen Mann. Ich bitte ihn, auf die Durchsage zu achten. Ohne Hörgerät kann er die Stimmen nicht hören. Er kann wegen seiner hochgradigen Sehschwäche auch nicht erkennen, was auf der Straße vor sich geht. So wecke ich unseren Sohn. Inzwischen bereite ich das Frühstück vor, mehrere Schnitten sind fertig, der Kaffee in der Thermoskanne. In diesem Augenblick klingelt es hart und gebieterisch. Ich melde mich an der Haussprechanlage.

Eine junge männliche Stimme vernehme ich: "Sie müssen in 15 Minuten die Wohnung verlassen!" Auf diesen harten Befehl antworte ich mit einem weichen "ja ..."

Aufgeregt eile ich ins Zimmer und wiederhole die Worte des Polizisten. "Nein", sagt mein Mann entschlossen, "ich bleibe hier!"

"Du musst mit!" rufen wir beide fast gleichzeitig.

"Ich bleibe hier!"

"Mein Gott, was machen wir bloß? Was machen wir!" seufze ich bebend. Panik ergreift mich plötzlich und lähmt meine Konzentration.

Es klingelt wieder. Diesmal an der Wohnungstür. Ich öffne. "Sie müssen die Wohnung in fünfzehn Minuten verlassen", wiederholt der Mann die Aufforderung. Ich erkenne dieselbe Stimme. "Wie soll das geschehen? Ich bin blind."

"Warten Sie", antwortet er hilfsbereit. "Wir kommen zurück, Sie haben 15 Minuten Zeit. Packen Sie die notwendigsten Dinge zusammen."' "Aber was?" Er merkt meine Fassungslosigkeit und gibt mir gute Hinweise. Kaum fünf Minuten später hören wir wieder den schrillen Klingelton.

Eine Krankenschwester und ein Arzt stellen sich uns vor. Sie strahlen Ruhe und Energie aus. Nach kurzer Zeit überzeugt die Schwester meinen Mann von der Notwendigkeit der Evakuierung. Dabei empfinde ich eine leichte Entspannung und handle ganz nach den Anweisungen unserer Helfer.

Schnell werden die Taschen gepackt, die Fenster kontrolliert und zugemacht. Anschließend will ich meine Blumen gießen. Es ist aber keine Zeit mehr. Die Schwester beruhigt mich: "Sie werden es überstehen." Es bleibt mir also nur, einen Hauch Wiedersehen zu sagen. Wir schließen die Wohnungstür ab und begeben uns die Treppe hinunter. Ein Krankenwagen wartet vor dem Block auf uns. Mein Mann und ich steigen ein, während unser Sohn --- er ist gesund --- zum Sammelbus rennt. Der Verkehr ist groß, um schneller das Ziel zu erreichen, wird das Sondersignal eingeschaltet. So kommen wir an unserer vorübergehenden Station an, wo wir eine lange Rast machen. Hier in der Turnhalle sind schon viele Menschen angekommen: Frauen, Männer, Jüngere und ältere, Kranke und Gesunde, die alle durch große Sorgen miteinander verbunden sind. Sie unterhalten sich, und ihre Traurigkeit ist spürbar. Nur die Kinder lachen, spielen laut, laufen hin und her. Durchsagen übertönen alles.

In den drei Räumen der Halle liegen dicke Matten und Decken zum Schlafen vorbereitet. In dem für die Kranken bestimmten Raum sitzen wir schweigend auf einer Bank. Die Stunden vergehen, eine nach der anderen. Müde, sehr müde bin ich, niedergeschlagen, energielos. Nach dem Mittagessen, das mir gebracht wird, lege ich mich hin und sinke trotz des Riesenlärms in tiefen Schlaf. Für zwei Stunden vergesse ich alles um mich. Unverändert bleibt aber die Wahrheit nach meinem Erwachen. Nur die Zeit verrinnt. Der Tag neigt sich langsam gegen abend. Ein Helfer kommt jetzt und schlägt uns vor, nach Hohnstein zu fahren. Er erklärt, dass die Familie Langer für betroffene Menschen eine Ferienwohnung zur Verfügung stellt. Freudevoll und dankbar zugleich nehmen wir das Angebot an. Meine Spannung und Angst, die ich den ganzen Tag hatte, fallen wie Steine vom Herzen herab. Nach kurzer Zeit fährt mit uns ein anderer Helfer aus unserer Stadt in die bergige Gegend. In Hohnstein empfangen uns die ASB-Mitarbeiter mit Abendbrot und Tee. Hier begegnen uns auch Menschen aus Pirna, die im Zentrum der Stadt vom Hochwasser noch schlimmer betroffen sind als wir. Frau Langer begrüßt uns freundlich, zeigt uns die schöne Ferienwohnung, die wir in den nächsten Tagen als unser Domizil betrachten dürfen. Ruhe, die uns fehlt, möchten wir hier finden. Ja, die Ruhe wäre auch für mich ein Geschenk. Sie wird aber durch die Katastrophe des Jahrhunderts verwehrt. Mit meiner Familie sitze ich fast ständig vor dem Fernseher, höre die beunruhigenden Berichte und lasse mir die gezeigten Bilder erklären. Sie verfolgen mich auch nachts und rauben mir Schlaf und Traum. Sie halten mich gefangen, zwingen mich in schlaflosen Stunden zu überlegen, ob wir Menschen uns den Flüssen gegenüber schuldig gemacht haben. Sie wurden gnadenlos begradigt. Jetzt suchen sie ihre ehemaligen Flussbetten auf, als hätten sie - wie die Menschen auch - Sehnsucht nach der verlorenen Heimat. Beraubt wurden Sie ihrer Auen, bebaut mit Häusern, mit Siedlungen. Sie fordern jetzt ihre Rechte zurück. Genauso wütend wie Menschen sind die Flüsse, ja wie die Massen, die sich von ihren Ketten befreit, die geraubten Gebiete zurückerobern wollen.

Zu solchen oder ähnlichen Gedanken komme ich, aber nicht zur Ruhe.

Ja, ein Kampf findet jetzt zwischen den Menschen und dem Wasser statt. "Diesen Kampf", sagt ein Reporter, "kann der Mensch nie gewinnen." Seine Größe kommt aber in solchen Schicksalsstunden durch die grenzenlose Hilfsbereitschaft zum Vorschein.

Das strahlt Wärme aus, die ich auch von Anfang an spüre, hierbei denke ich dankbar an Familie Langer, die uns für die Zeit der Evakuierung Zuflucht gewährt hat. In meiner Lage kann ich das nicht hoch genug schätzen. Ebenso dankbar bin ich den anderen Helfern auch.

Heute ist Sonntag. Glockentöne schweben feierlich empor. Während ich mich an dem Klang ergötze, denke ich melancholisch: "In dieser Stunde wären wir in Budapest angekommen, wenn, ja wenn unsere Busfahrt nicht ins Wasser --- im wahrsten Sinne des Wortes --- gefallen wäre." Am Spätnachmittag besucht uns eine ASB-Mitarbeiterin und stellt uns vor die Wahl, noch heute abend oder morgen früh nach Hause fahren zu dürfen. Dementsprechend würde sie für uns den Fahrer bestellen.

Also, morgen früh ...

Nach dem Frühstück und dem fröhlichen Abschied lenkt der junge Mann den Wagen mit uns nach Copitz. Wir freuen uns über die Rückkehr. Die Elbe unweit von unserem Wohngebiet hat sich ins Flussbett zurückgezogen. Die hinterlassenen Spuren der Flut erzählen dem Beobachter von den Zerstörungen der letzten Tage. Vor unserem Block steige ich als letzte aus dem Wagen. Der widerlich starke ölgestank, der mir in die Nase steigt, macht mir die visuell nicht erreichbaren Spuren vorstellbar. Die Luft, in der noch eine andere undefinierbare Geruchsmischung hängt, ist fast unerträglich. Das Atmen fällt mir schwer, mein Magen rebelliert, und Kopfschmerz stellt sich ein. Ich höre, dass bei unserem Eingang mehrere Männer aus dem Keller das restliche Wasser auspumpen. Sehr laut klingt es und verstärkt meine Kopfschmerzen. Auf dem Weg zur Haustür liegen Schläuche. Ich muss also beim Gehen größere Vorsicht als sonst aufbringen. Feuchte, modrige Luft atme ich im Treppenhaus ein, während ich hochgehe. Endlich stehen wir vor der Wohnung. Die Tür wird geöffnet. Ein kräftiger Duft des Verwelkens strömt uns entgegen. Traurigkeit treibt mir die Tränen in die Augen, denn ich weiß sofort, dass dieser intensive Hauch des Sterbens von meinem Rosenstöckchen kommt. Entschuldigend berühre ich die Blütenblätter, die vertrocknet sind und haltlos herabrieseln. Welch ein Widerspruch, denke ich niedergeschlagen --- draußen vernichtet die Flut die Existenz von Menschen, Tieren und Pflanzen, während hier eine minimale Wassermenge Leben gerettet hätte. --- Hätte ich damals bloß ein wenig mehr Zeit gehabt.

Jetzt sehne ich mich nach frischer Luft. In allen Räumen werden Fenster geöffnet, aber von draußen dringt öl- und Schlammgeruch herein. Mein Kopfweh spüre ich quälend, als ich den Topf mit dem Rosenstöckchen in die Hände nehme, um ihn auf den Balkon zu stellen. Da merke ich zufällig, dass die Thermoskanne, deren Inhalt wir beim letzten Frühstück nicht mehr trinken konnten, auf dem Tisch geblieben ist. Jetzt haben wir Zeit, aber keine Möglichkeit, frischen Kaffee aufzubrühen. Kalt trinken wir also ohne Genuss den alten Kaffee. Die Zeit rennt. Bald müsste ich Vorbereitungen treffen, um für die Familie Mittagessen zu kochen. Aber wie? Und was? Resigniert stellen wir fest, dass der Strom noch immer abgeschaltet ist. Die Hauptader des Lebens ist getroffen, wenn der Strom in den modernen Wohnungen ausfällt. Dagegen gibt es kein Heilmittel. Also, nichts mit Kochen.

Andere Aufgaben warten dringend auf uns. Unsere Lebensmittel im Gefrierschrank, den wir vor einer Woche frisch aufgefüllt hatten, sind aufgetaut, verdorben und riechen ekelhaft. Auch die Lebensmittelreste im Kühlschrank sind nicht mehr zu verwerten. Während mein Mann und mein Sohn alles schnell in den Müllcontainer tragen, bleiben die Reinigungsarbeiten für mich zu erledigen. Dabei vermisse ich sehr, dass kein warmes Wasser vorhanden ist. Abwarten heißt die Devise. Morgen wird es schöner, hoffe ich. Am nächsten Tag ist aber der Strom noch immer nicht da. Das Wichtigste für uns ist jetzt, die Nerven zu bewahren. "Vielleicht sind wir von Hohnstein doch ein wenig zu früh zurückgekehrt", denke ich mit Bedauern. "Wenigstens zwei Tage länger hätten wir dort bleiben müssen."

Doch auch Freude erreicht uns an diesem Dienstag. Freunde laden uns zum Mittagessen ein, damit wir in zwei Tagen wenigstens einmal Warmes essen können.

Da bei uns zur Zeit das Telefon auch nicht funktioniert, erlauben sie mir, dass ich unseren anderen Sohn, der jetzt in Ungarn Urlaub macht, anrufe, um ihn zu beruhigen, dass wir zurückgekehrt sind. Die Gastfreundschaft können wir nicht lange genießen, denn wir müssen mit den von ihnen geborgten Werkzeugen nach Hause eilen. Es ist aber gar nicht so einfach. Auf den Gehwegen müssen wir den Schlammresten und dem Gerümpel ausweichen. Viele Autos fahren auf den Straßen, Männer beladen Lastwagen. Der Lärm ist enorm. Wir können nur langsam die Straßen überqueren, um nach Hause zu gelangen. überall sind die Aufräumungsarbeiten im Gange. Auch wir beginnen, unseren Keller auszuräumen und sind bis in die späten Nachtstunden damit beschäftigt. Dabei kommt mir meine gewohnte Tastmethode zugute. So kann ich meinen Mann, der auf gute Lichtverhältnisse angewiesen ist, bei dieser Arbeit entlasten. Der schmierige Schlamm frisst sich in meine Haut. Von jedem Gegenstand, Eingewecktem, das ich in die Hände nehme, nehme ich gleichzeitig Abschied. Der Sohn trägt alles hinaus auf den Gerümpelhaufen.

Dennoch bin ich in Gedanken bei den Menschen, die mehr oder alles verloren haben. Ihre Schmerzen kann ich nachempfinden. Doch die Wunden, die diese Flut verursacht hat, werden einmal geheilt, aber vielleicht nie vergessen.

(c) Sara Rietz / Pirna


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