Ereignisse eines Tages


Sara Rietz


An jenem trüben Herbsttag sah ich in unserem Haus und Hof so viele fremde Gesichter wie nie zuvor und auch später nicht wieder. Sie tauchten plötzlich auf, plünderten und verschwanden schnell. Sie verbreiteten Furcht und ließen unermeßliche Ängste zurück. So erlebte ich 1944 den ersten Tag einer langen unrühmlichen Zeit.

Scharenweise gingen die bewaffneten Soldaten ins Haus hinein und kamen mit vollgepackten Händen heraus, während ich draußen neben der Haustür stand und dieses Treiben beobachten konnte. Dadurch hörte ich klar, wie die Schranktüren hinter der Wand krachten, Schubladen quietschten, Gegenstände auf den Fußboden knallten. Beim schnellen Vorbeigehen rutschten einige Bücher aus ihren Händen auf die vom Regen nasse Erde des Vorgartens. Sie blieben im Schmutz, von ihnen unbeachtet, liegen. Darunter war auch mein Märchenbuch. An jenem Tag sah ich das letzte mal den Ledermantel meines Vaters unter dem Arm eines Plünderers verschwinden.

Traurig schaute ich auf die hohe Scheune, die gegenüber dem Wohnhaus für die Dreschmaschine vor mehreren Jahren errichtet worden war. Durch die breite, weit geöffnete Tür sah ich, wie ein kleinwüchsiger Russe auf die Leiter zur Dreschmaschine hochkletterte. Seine wuchtigen Schritte waren deutlich zu hören, während er dort nach Beute schnüffelte. Er fand sie. Nach kurzer Zeit sah ich, wie er die riesige Regenplane mühsam herunterwarf. Zügig kletterte er herunter, schnappte gierig seine Beute, rollte sie ein wenig zusammen und versuchte, sie auf die Schulter zu nehmen. Die Plane rutschte jedoch auseinander. Er probierte es mehrmals hintereinder, aber ohne Erfolg. Vor Wut tobte der kleine Russe, fluchte zornig in seiner Sprache. In gebückter Haltung schaute er von Zeit zu Zeit hoch, wollte wissen, ob ihn jemand beobachtet oder ein Landsmann von ihm diesen Schatz wegschnappen will. Schließlich schaffte er es, ungefähr die Hälfte der Plane auf seinen Rücken zu heben und ging mühsam mit unter der Last vorgebeugtem Körper los, während die andere Hälfte über die nasse, schlammige Erde schleifte.

Im nächsten Augenblick wechselte die Szene. Von der Straße her, wo der Kleinwüchsige verschwand, sah ich, daß zwei andere Soldaten ein hinkendes, rotbraunes Pferd auf den Hof führten. Mein Vater, der mit zwei Lehrlingen und seinen Söhnen im Alter von elf und zwölf Jahren die Werkstatt vor Plünderungen der Russen vergeblich zu schützen versuchte, wurde starr vor Schreck. Seine Stimme verriet es mir. Die Lage war klar. Er sollte das Pferd beschlagen. Dafür war er aber nicht ausgebildet. Folglich konnte er für die Gesundheit des Tieres keine Verantwortung übernehmen. "Net, Koni kaputt", sagte er, um klar zu machen, daß es ihm unmöglich sei. "Net, Koni kaputt", hörte ich wieder die fremden Worte aus seinem Munde und sah vom Vorgarten aus sein blasses Gesicht. Er gestikulierte aufgeregt. Der Bewaffnete brüllte los, geriet in Rage. Der Ton gab deutlich zu verstehen, daß er keinen Widerspruch duldete. Umsonst wiederholte mein Vater seine Worte. Auch die Lehrlinge bemühten sich, mit Händen und Füßen klar zu machen, daß das hier eine Schlosserwerkstatt ist und keine Schmiede. Der Soldat schimpfte drohend. Hastig griff er nach seiner MPi. "Stoi", rief er und hielt sie in der Hand auf meinen Vater gerichtet, der an der Wand stand. Eine lähmende Stille folgte.

"Stoi", hörte man in dieser Sekunde wie ein starkes Echo im Hintergrund. Der Russe senkte die Hand mit der Waffe, drehte sich um und blickte in die Richtung, woher die Stimme kam. Er wartete.

Ein schwarzhaariger Junge, kaum sechzehn Jahre alt, bäuerlich gekleidet, lief von der Straße in großer Eile zu dem Soldaten. Dorthin folgte ihm sein Stiefvater, unser Verwandter, in nur geringer Entfernung im Laufschritt, nach Atem ringend. "Ivan, Ivan", hauchte er kaum hörbar den Namen seines Stiefsohnes.

Ein großer, starker Mann war er, der entfernte Verwandte, und wohnte nicht weit von uns. Im Ort war es bekannt, daß er Ivan, das verwaiste Kind, vor ein paar Jahren aus dem russischen Gebiet, wo er als Soldat eingesetzt war, mit nach Hause brachte. Er adoptierte den Jungen, schickte ihn in die Schule, brachte ihm die ungarische Sprache bei und war sehr stolz auf seine Fortschritte. Er sorgte für ihn, schützte ihn immer und überall.

So stand er auch in jener Situation, umkreist von den Soldaten, an seiner Seite. Ivan vergaß nicht seine Muttersprache. Seine russischen Worte sprudelten hervor, sich fast überschlagend, erklärte er dem Soldaten die Mißverständnisse. Der Bewaffnete befahl etwas.

Dann sah ich, wie Ivan zu dem Pferd trat, welches ein Russe am Zügel festhielt. Der Junge streichelte, tätschelte das Tier freundlich und nannte seinen Namen laut, worauf es freudevoll wieherte. Alles geschah schnell, innerhalb einer Minute. Die Sache war also abgestimmt. Der Russe führte es auf die Straße und blieb dort stehen.

Mein Vater mußte auf Befehl des anderen Soldaten, der die MPi immer noch in der Hand hielt, unseren Lars, meinen zwölfjährigen Bruder, auf das sattellose Pferd setzen, der dabei beinahe herabstürzte. Seine ungeschickte Bewegung, sein erschrockenes Gesicht, sehe ich noch heute wie eine Fotoaufnahme vor meinem Auge. Mein Vater half ihm schnell. Lars sollte zum Schmied nicht nur den Weg weisen, sondern auch als Geisel dienen, falls Ivans Erklärung nicht der Wahrheit entsprochen hätte.

Nachdem der zwöfjährige sich an der Mähne festhalten konnte, trabte das Pferd los. Ivan mußte auf Befehl mitgehen, während sein Stiefvater zurückgehalten wurde. Ihre Blicke trafen sich voller Traurigkeit ein letztes Mal.

(c) Sara Rietz / Pirna


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