Die Nachricht


Sara Rietz - September 2004


Im zarten Alter meines Lebens geschah es:

Ängstlich bebte die Stimme meiner Mutter, als sie mir aufgetragen hatte, meinem Vater, der unterwegs nach Hause war, dringend entgegen zu eilen.

An dem Spätsommertag 1944 sollte ich, die Siebenjährige, als Botin zeitig ihm die Nachricht bringen. Die von der Nachmittagssonne beschienene Straße meines ungarischen Heimatortes war menschenleer. Wie ausgestorben. In der trügerischen Stille lauerte Gefahr. Ein paar Häuser weiter begegneten wir uns, blieben im Schatten eines Baumes stehen, und ich sagte leise: "Vati, die Russen sind gekommen." Schweigend hörte er mich an und wurde plötzlich kreideweiß. Sein Körper schwankte sekundenlang. Die Blässe meines Vaters offenbarte mir gleich seine unermeßlich große Angst vor den Bewaffneten, deren Vorhut sein Haus schon erreicht hatte. "Vati, Vati", rief ich erschrocken. Langsam nahm sein Gesicht die vorherige sonnengebräunte Färbung wieder an, aber in seinen Augen blieb die mit Sorgen gemischte Ratlosigkeit zurück.

In jenem dunklen Moment ahnte er sehr wohl, daß durch die Hiobsbotschaft in seinem Leben eine Zäsur eingeleitet worden war. Eine scharfe Zäsur, die ihm viel Leid zufügen sollte. Er hatte sich nicht geirrt.

(c) Sara Rietz / Pirna


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