Die Hochzeit


Sara Rietz

Beitrag zum Joachim-Schnell-Schreibwettbewerb 2005.
Die in das Werk einzufügenden Pflichtwörter waren: Garten, Glocke, Heimkehr, Morgen, Nebel, Traum, Wald, Wasser und Wille.


Während ihres Spazierganges am Wald entlang bleibt Ida, die blonde Vierundzwanzigjährige, in Gedanken versunken, wieder lange vor jenem Haus stehen.

Ihr scheint es, als höre sie an diesem Sommernachmittag eine Kapelle fröhliche Lieder in volkstümlicher Weise spielen. Dort auf dem Hof ist jetzt ein reges Treiben im Gange. Vielversprechend beginnt eine ausgelassene Feier. Zahlreiche geladene Gäste sind gekommen, um die Hochzeit des schönsten Mädchens im Ort zu erleben. Katha, die Braut, ist noch nicht zu sehen. Von tüchtigen Helferinnen wird sie jetzt im Wohnzimmer angekleidet. Draußen hält inzwischen eine hohe Stimmung die Anwesenden in ihrem Bann. Sie singen laut, tanzen nach der feurigen Musik schwungvoll, andere plaudern lebhaft miteinander, essen oder trinken je nach Lust. Eifrige Frauen tragen Teller mit Kuchen oder kaltem Braten, Männer füllen Gläser und bieten zum Trinken an. Stunden vergehen mit Freude und Heiterkeit.

Dann, ganz überraschend, tritt Katha in den von Weintrauben behangenen Laubengang hinaus. Mit ihrem schlanken Körper, elegant ins Festkleid gehüllt, steht sie dort anmutig lächelnd. Ihr langer Schleier hängt sorgfältig gefaltet an ihrem linken Arm herab. Der Brautkranz auf dem lockigen, schwarzen Haar bringt die Schönheit ihres ovalen Gesichtes vollkommen zur Geltung. Eine majestätische Erscheinung. Sie strahlt ihre Gäste an, die ihr begeistert zujubeln. Die Eltern, die links und rechts neben ihr stehen, genießen glücklich den Augenblick. Feierlich spielt jetzt die Kapelle zur Ehre der Braut, doch ein Schatten der Unruhe huscht kaum bemerkbar über ihr Gesicht, den erst nur ihre Mutter wahrnimmt. Plötzlich läßt die Stimmung nach, denn eine Nervosität erfaßt auch die Gäste. "Wo bleibt er so lange?" "Er müßte schon längst mit seinen Gästen hier sein", flüstern die Leute miteinander. "Katha hätte gar nicht herauskommen dürfen, bevor sie von den Eltern für ihren Bräutigam freigegeben wurde", sagt eine Frau leise der anderen. "Ja, diese Zeremonie ist auch nicht in fünf Minuten zu schaffen", kommt die Antwort gedämpft.

Die Sonne hängt schon tief am Horizont. Zum Samstagabendgebet läutet die Glocke.
"Wir müßten schon in der Kirche sein", denkt die Braut unruhig. Das Warten wird zur Qual. Pflichtgemäß spielt die Kapelle. Die Ungeduldigsten halten auf der Straße Ausschau. Nicht mehr weit von ihnen nähert sich ein junger Mann, ein Verwandter der Familie, mit Reisetasche in der Hand eilig den Wartenden. Sie lassen ihn ungehindert vorbei. "Katha", sagt er mit heiserer Stimme, "warte nicht auf deinen Bräutigam. Ich habe ihn gesehen. Er ist in den Zug gestiegen und fortgefahren."

"Er kommt nicht. Er kommt nicht", verbreitet sich blitzschnell die Nachricht. Durch das Erschrecken verstummt plötzlich die Hochzeitsgesellschaft, sinkt in tiefes Schweigen. Es verstummt auch die Musik. Stille, eine Friedhofsstille, löst in diesem Moment die vorherige Fröhlichkeit ab. In diesem Augenblick beerdigt Katha, die achtzehnjährige Braut, den Traum ihrer Jugend. Ihr Vater hält sie fest in seinen Armen, und ihr Kopf ruht auf seiner Brust. In ihrem schneeweißen Gesicht gefriert das Lächeln. Sie ist einer Ohnmacht nahe. Mit zitternden Händen reicht ihr die Mutter ein Glas Wasser: "Trink ein paar Schlückchen, meine kleine ..." Der Vater, dessen Gesicht auch blasser geworden ist, hilft das Glas zu halten. Dann murmelt Katha kaum hörbar: "Das ist der Wille seiner Mutter. Sie ist katholisch." Tränen treten ihr in die Augen wie auch bei ihrer Mutter.

Die Gäste, die unmittelbar erlebt haben, wie Freude und Leid, Hochzeit und Trauer eng nebeneinander liegen, sind schon gegangen. Gefaßt und rasch trifft Katha ihren Plan: "Ab Morgen wird mich niemand mehr hier sehen." In ihrem schwarzen Sommerkostüm verläßt sie bei Nacht und Nebel mit ihrer Tante und deren Familie die Stadt.

Niedergeschlagen, gedemütigt, in wenigen Stunden um Jahre gealtert, bleiben die Eltern zurück, die sich nur an ein Quäntchen Hoffnung auf die Heimkehr ihrer einzigen Tochter klammern. Vergebens. Ihr Wunsch, daß Katha mit Ehemann hier in dem frisch renovierten Haus leben würde, geht nicht in Erfüllung.

Ida, die ihren Gedanken nachhängt. steht noch immer dort und überlegt: "Zehn Jahre liegt es zurück. Das Haus ist inzwischen verwaist, aber vor ihm im Garten wartet ein Rosenstock in vollen Blüten geduldig auf Kathas Rückkehr", denkt sie und setzt ihren Spaziergang fort.

(c) Sara Rietz / Pirna


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