Die Gäste


Sara Rietz


Sie kamen. Sie kamen und kamen ... Sie kamen immer näher und ohne Einladung. An einem Herbsttag 1944 waren sie, die Gäste, die russischen Soldaten, da. Zwei von ihnen brachten mit freudestrahlenden Mienen zum Kochen mehrere Hühner, deren Hälse sie kurz vorher umgedreht hatten. Als meine Mutter die ihr gereichten Tiere in die Hände nahm, sagte sie halblaut mit sehr trauriger Stimme: "Ach, das waren doch meine Hühner."

Etwas später saßen wir alle mit vier Russen in Uniform am Tisch ... Appetit anregend duftete, glänzte und dampfte die Suppe in den Tellern vor uns. Die Versuchung, den Hunger schnell zu stillen, war groß. Niemand durfte aber --- auf Wunsch der Gäste --- den Löffel berühren. Reglos und erwartungsvoll blickten alle Augenpaare auf meinen Vater, der in der Mitte der Tischgesellschaft saß. Die fremden Gäste gaben ihm durch Gesten zu verstehen, daß er als erster die Suppe kosten muß.

Minuten vergingen. Es geschah nichts. Nervosität verbreitete sich im Nu. Mein Vater zog seine Augenbrauen zusammen und schaute mit strengem Gesicht, welches Ärger, Niedergeschlagenheit, Bitterkeit in sich trug, herum, hielt den Blicken der Gäste sekundenlang stand und ließ den Anschein wecken, als wollte er sich diesem Befehl widersetzen. Auf die Bitte meiner Mutter nahm er dann den Löffel doch in die Hand und führte ihn mit Suppe gefüllt zum Mund. Wir taten rasch dasselbe. Nur die Soldaten beobachteten und fixierten meinen Vater noch eine Zeitlang mit Argwohn. Als ihr Mißtrauen ebenso wie die Suppe nicht mehr stark dampfte, begannen auch sie zu essen.

(c) Sara Rietz / Pirna


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