Die dunkle, helle Nacht


Sara Rietz


In der Abenddämmerung meines Lebens blicke ich nun in die Morgendämmerung meiner Kindheit auf eine Episode aus der Zeit 1944 zurück. Damals war ich erst sieben Jahre alt. Diese Episode mit ihren verschiedenartigen Erlebnissen blieb mir unauslöschlich in der Erinnerung. Alpträume verfolgten mich noch viele Jahre lang.

Wie es schon Wochen vorher geschah, begann meine Mutter auch an jenem ersten Junitag nach dem Sonnenuntergang alle Fenster des Wohnhauses befehlsgemäß sorgfältig und so gründlich zu verdunkeln, daß kein einziger Lichtschein hindurchdringen konnte. Dann kamen wir, Eltern, meine drei Brüder, eine Nachbarin, deren Mann zur Front geschickt wurde, mit ihrer kleinen Tochter zusammen und waren gezwungen, im großen Wohnzimmer ohne frische Luft hinter den verdunkelten Fenstern, wie in einem Gefängnis still zu sitzen, warten und warten. Eine Petroleumlampe auf die kleinste Flamme gestellt beleuchtete spärlich den Raum und die blassen Gesichter, die in den spätnächtlichen Stunden Besorgnis und Müdigkeit zeigten. Wir, fünf Kinder, durften manchmal auf dem engen Sofa ein erlaubtes Nickerchen machen, das uns aber wenig Ruhe schenkte und immer nur kurz, sehr kurz geraten war.

Mein Vater saß wie so oft auch an jenem Abend vor dem technisch unvollkommenen Radio und versuchte aus dem Wirrwarr der Sprachgeräusche die neuesten Kriegsmeldungen zu entnehmen. Bei dem schwachen Licht sah ich, daß eine tiefe Traurigkeit sein markantes Gesicht beschattete, als er das Radio ausgeschaltet hatte und uns leise mitteilte: “Große Gefahr nähert sich ...”

Eine gewaltige Furcht packte uns in diesem Moment. “Oh Gott, oh Gott” flüsterte meine Mutter kaum hörbar. Gleich darauf äußerte sie den Wunsch laut: “Beten wir jetzt für unsere Rettung.” Auch wir, Kinder, falteten gehorsam die Hände zum Gebet und sagten laut mit: “Vater unser im Himmel, geheiligt sei Dein Name ...” Die Sirenen heulten plötzlich auf und ließen die flehenden Worte auf den Lippen angstvoll ersterben.

Durch diese Töne, die Unheil und Verhängnis ankündigten, entstand bei uns allen große Nervosität. Mein Vater, als ehemaliger Frontsoldat, war der erste, der die Selbstbeherrschung fand und mit einer beruhigenden Stimme sagte: “Wir gehen schnell in den Garten.” Wir wußten schon sehr wohl, was das bedeutete. Etwa anderthalb Monate vorher hat mein Vater mit seinen Lehrlingen und einigen Nachbarn einen Bunker als Schutzkeller für viele Personen gebaut. In den letzten Wochen mußten wir häufig in diesem unterirdischen Bereich Nächte oder gezwungenermaßen mehrere Stunden auch am Tage verbringen. In dieser vorgerückten Zeit mußten wir wieder dorthin eilen. “Nehmt eure warmen Sachen und los!”, drängelte uns mein Vater. “Ich lösche das Lampenlicht aus und schließe die Haustür ab”, fügte er leise hinzu. So geschah es immer in der letzten Zeit. Mit den anderen trat ich auch in dieser warmen Juninacht aus der dunklen Wohnung auf den Hof hinaus. Eine unerwartete Helligkeit überraschte uns. Sie blendete und erschreckte mich zugleich. Die anderen erlebten es ähnlich. Die Nacht war so hell, als wäre es ein sonniger Tag gewesen. Im Gegensatz dazu wirkte aber dieses Licht als Vorzeichen der Gefahr überaus bedrohlich. In seinem Kreis lag alles ungeschützt. “Man könnte auf der Erde auch eine Stecknadel finden”, sagte die Nachbarin erstaunt nicht nur zu ihrer Tochter. Die Sirenen heulten wieder schrill auf. Ihre auf- und abschwellenden Töne wirkten so quälend, als wenn Spieße durch die Ohren ins Gehirn gestochen hätten. Wir mußten uns dennoch beeilen. Die kurze Entfernung von zwanzig Metern bis zum Bunker erschien uns bei diesem grellen Licht und Geräusch doppelt so weit zu sein. Die Angst steckte in den Knochen und das Herz flatterte unbeherrschbar. Das war das gemeinsame Gefühl, was wir alle spürten. Vor dem Eingang des Bunkers, der mit grünen Laub von Akazienbäumen getarnt war, fragte ich: “Vati, Warum ist es jetzt so hell?” “Ja”, sagte er leise und schnell, “Stalinkerzen, so nennt man das hier, beleuchten die Gegend. Debrecen wird bombardiert”, antwortete er mir tief besorgt. “Liegt diese Stadt weit von hier?” “Sie liegt weit genug”, beruhigte er mich.

Der Bunker war inzwischen voll besetzt. Beim Eingang links und rechts brannten kläglich zwei Kerzen. Ihr Licht war kaum ausreichend, das Dunkel ein wenig erträglich zu machen. Mehrere Nachbarn, Nachbarinnen und größere Kinder saßen nebeneinander auf den Bänken, die kleineren Kinder lagen wimmernd auf einer Pritsche mit Decken zugedeckt. Bei ihnen bekam ich auch ein Plätzchen. Die Luft war feucht, stickig die Temperatur niedrig, wir atmeten schwer, froren zugleich. Das gemeinsame Leid schmiedete uns wie zu einem Körper mit denselben Gefühlen und Schmerzen zusammen. Die Sirenen heulten wieder schrill, gebieterisch auf und raubten uns die restliche Ruhe. Um dennoch alles heil zu überstehen, beteten die Erwachsenen mit bebenden Stimmen innig, ununterbrochen und ließen die Finger steif auf den Perlen ihrer Rosenkränze gleiten. So schöpften wir Kraft, mit Geduld auf die Entwarnung zu warten und zu hoffen, daß wir dieses Grab bald lebendig verlassen dürfen. Mehrere Stunden waren so vergangen, als das Brummen der in der Höhe fliegenden Flugzeuge unsere Furcht grenzenlos steigerte. Diese unheimlichen Geräusche klangen viel mehr bedrohlicher und quälten uns stärker als das Heulen der Sirenen.

Ein Geschwader flog nach kurzer Pause hinter dem anderen. Mein Vater blieb trotz alledem oben und versteckte sich unter dem Halbdach seiner Werkstatt, um von dort so viel wie möglich genau beobachten zu können. Später er läuterte er uns, daß er mehrere Dutzend Flugzeuge gezählt hatte, die als Erkundungsflugzeuge in der Kriegsmaschinerie eingesetzt waren. Nach einigen Stunden, der neue Tag brach an, folgten ihnen die Bomber. Bald darauf ließen uns ohrenbetäubende Explosionen gnadenlos erzittern.

Es stellte sich heraus, daß zwei oder drei Bomben etwa zwei Kilometer entfernt von uns am Rande unserer kleinen Stadt, auf die Wiese herunter fielen. Später, nach Jahren und Jahr-zehnten hatte ich die Gelegenheit, an den riesigen Bombentrichtern öfter vorbeizugehen und diese tiefen Wunden der Muttererde mit Besinnung und Traurigkeit zu betrachten. Die dritte Bombe, ein Blindgänger, explodierte erst ein Jahr später, als vier kleine Kinder einer Familie in seiner Nähe spielten. Drei Kinder starben dabei, das vierte blieb für sein ganzes Leben verstümmelt. Das waren die Folgen jener dunklen, hellen Nacht und Vormit-tagsstunden in unserer Kleinstadt, nur sechsundreißig Kilometer entfernt von Debrecen.

Damals und dort verursachte die stundenlange Bombardierung durch die zweihundert amerikanischen Bombern für die Bezirkstadt Debrecen viel mehr Schäden und Zerstörungen, wobei auch zahlreiche Menschen zum Opfer fielen. Zu der Grausamkeit gehörte die Methode, daß die Menschen, die sich auf den zerstörten Straßen verstecken und retten wollten, von Tieffliegern aus niedriger Höhe gezielt getötet wurden. Mit dem Ziel, die ungarischen Eisenbahnlinien, Bahnhöfe und anderes durch Bombenhagel zu vernichten, unterstützten die Amerikaner Stalins Politik, das Land ohne starken Widerstand okkupieren zu können. Mehrere Jahrzehnte sollten nach meinem Kindheitserlebnis verrinnen, bis ich dieses Geschehen in seinen Einzelheiten genauer erfahren konnte. Bis heute habe ich aber keine Kenntnis davon, daß die Amerikaner wegen dieser und ähnlicher Zerstörungen für Ungarn als Wiedergutmachung eine Entschädigung gezahlt hätten. Ein Irrtum meinerseits wäre in dieser Hinsicht angenehm.

Im Licht dessen reiht sich auch diese Episode meiner Kindheit - davon bin ich überzeugt - auf dem Leidensweg des Vaterlandes als ein winziges Teilchen in die historischen Zusammenhänge ein.

(c) Sara Rietz / Pirna


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