Die Besucher


Sara Rietz - Mai 2005


In den vorgerückten Stunden eines Abends im Spätsommer 1944 saßen wir, fünf Kinder und mein Vater, ganz still in der matt beleuchteten Wohnküche.

Die Tür zum Schlafzimmer war einen Spalt breit geöffnet. Dort, sorgfältig in den Betten unter den hoch aufgetürmten Decken versteckt, zitterten meine Mutter und eine Nachbarin vor Angst, denn schlimme Gerüchte kursierten im Ort. Angst hielt uns alle qualvoll in ihren Krallen. Die Spannung steigerte sich noch, als zwei russische Soldaten unerwartet eintraten. "Barishnja, Barishnja", brüllten sie gebieterisch das uns schon bekannte Wort. Mein Vater gab ihnen mit Händen und Füßen, aber sehr mutig zu verstehen, dass hier keine Frau zu finden sei. Das Verhalten meines Vaters und seine Behauptung wirkten auf sie so überzeugend, dass sie sich zu uns an den Tisch setzten, aus ihren mitgebrachten Flaschen ab und zu Wodka tranken und dazu irgendeine russische Melodie summten. Wollten sie uns vielleicht beruhigen? Doch unsere Furcht verminderte sich nicht im Geringsten. Im nächsten Moment erschraken wir sogar fast zu Tode. Plötzlich klirrte ein Fenster des Schlafzimmers. Wir wussten gleich und irrten uns auch nicht, was das bedeutete. Die Nachbarin sprang entnervt hinaus. Ihr brachte der Sprung keine Gefahr. Das Haus war zum Glück niedrig gebaut. In der Küche horchten aber die Besucher auf. Sie waren ebenso überrascht wie wir.

Meinem Vater gelang es jedoch, die Ruhe zu bewahren. Geistesgegenwärtig rief er laut, aber gelassen "Miez". Unsere liebe große Katze kam sofort aus dem Schlafzimmer freudig miauend heraus.

Und das war die Rettung.

(c) Sara Rietz / Pirna


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