Der Wunderbaum


Sara Rietz


Es lebte einmal, vor vielen, vielen Jahren am Rande eines dichten Waldes in Nirgendwoland ein kleiner Junge mit seinen Eltern und Brüdern.

Der kleine Junge hieß Sam und ging schon in die zweite Schulklasse, aber er war nicht glücklich. Er lernte zwar gut, war fleißig, dennoch konnte er nicht froh sein. Wenn er mit den Kindern spielte, hänselten sie ihn immer wieder, weil er kurzsichtig war und eine Brille tragen mußte. Deshalb nannten sie ihn öfter "Brillenschlange oder Blindschleiche". Die Kinder verachteten ihn, denn er konnte den Ball manchmal nicht fangen, nicht schnell laufen oder geschickt klettern. Traurig war er, weil er sich ausgestoßen fühlte. Die Eltern und die Brüder trösteten ihn vergeblich, doch Sam konnte endgültig seine Traurigkeit nicht unterlassen.

An einem sonnigen Tag wanderte er alleine im Wald, nur ein kleiner Hund mit einem braunen glatten Fell, Bischi hieß er, begleitete ihn auf seinen Wegen. Auf einmal entdeckte er in einer Lichtung direkt in der Mitte des Waldes ein seltsames Bäumchen, welches kaum größer als er selbst war. Dieser Baum trug eine sattgrüne Laubkrone aus vielen runden Blättern, die ebenso klein waren, wie die blauen Augen des unglücklichen Jungen. Sam ging langsam zu ihm, begrüßte ihn freundlich und hauchte auf seinen rosaroten Stamm mit der glatten Rinde ein Küßchen. Leise sprach er zu ihm, erzählte ihm weinend den Kummer, den er von den Kindern an dem Tag erlitten hatte. In diesem Moment formten sich die Blätter, immer drei zusammen, zu Glöckchen und gaben herrliche Klänge von sich. Sam und sein Hund hörten voller Bewunderung zu. Das erste Mal in seinem Leben fühlte sich der kleine Junge glücklich.

Bevor die Sonne unterging, nahm Sam Abschied von dem musizierenden Baum. Die Blätter erhielten die richtige runde Form zurück und flüsterten dann leise: "Komm wieder her".

Zuhause verweilte Sam in Gedanken gern bei den Erlebnissen und nahm sich vor, zu dieser Stelle bald zurückzukehren. Er tat es auch, fand die Lichtung leicht und war sehr überrascht, denn der Baumm war innerhalb einiger Tage doppelt so hoch wie zuletzt. Sein Stamm wurde dicker und unten wuchs etwas daraus wie eine bequeme Sitzbank hervor und bot sich einladend zum Ruhen an. Zur Begrüßung umarmte Sam den rosaroten Stamm und lobte ihn begeistert: "Prächtig siehst du aus, der allerschönste Baum bist du im Wald." Dann setzte er sich auf die Sitzstelle hin und hörte wieder der feinen Melodie zu, die ihm die Blätter aus der Glockenform vorspielten. Diese seltsamen Töne gefielen auch dem Hund, beruhigten ihn. Er blieb auch dort bei Sam und spitzte die Ohren. Das war für sie beide sehr angenehm, unter der klingenden Laubkrone zu träumen. Dann nahm der kleine Junge aus dem Rucksack sein Märchenbuch hervor, las und schaute die bunten Bilder an. "Ach, wie gut wäre das, wenn ich besser sehen könnte," seufzte Sam traurig und schloß mit tränenden Augen das Buch zu. Der Baum reagierte sofort und ließ zum Trost das herrlichste Konzert in vollkommener Harmonie ertönen.

Sam spürte gleich, daß diese Klänge seine Schmerzen linderten und ihn von seinen Sorgen befreiten. Ein wahres Wunder war das.

Langsam rieselten die Stunden in der Sanduhr herunter. Beim Abschied säuselten die Blätter freundlich: "Komm wieder her." "Ja, ich komme gern zu dir", erwiderte Sam flüsternd.

Eine Woche später hatte der kleine Junge Sehnsucht, wieder Mal bei seinem Wunderbaum zu sein. Um zu ihm zu gelangen, sollte er auf dem Weg, wie immer, an der Hütte einer großen, hageren Hexe vorbeigehen. An diesem Tag bekam er eine riesige Furcht, weil sie schwarz gekleidet, mit schwarzem Kopftuch um ihr häßliches Gesicht vor ihrer Hütte stand und in der Hand einen starken Besen hielt. Sie wartete mit funkelnden Augen. Sam näherte sich unsicher und ängstlich. Er hatte das Gefühl, daß die alte Hexe ihn so gehässig anguckt, als wollte sie ihn mit ihrem grausamen Blick aufspießen. Schreckliche Angst packte und hemmte ihn zugleich, die garstige Hexe zu begrüßen.

"Was, du Bengel, kannst du mir nicht mal einen guten Tag wünschen", schimpfte sie außer sich vor Wut und hob gefährlich den Besen hoch. Sam eilte zügig vorbei, dann lief er schnell weiter,hörte aber die böse krächzende Stimme: "Da wünsche ich dir was. Du sollst blind werden, hörst du, blind, blind." Aus einer kurzen Entfernung blickte Sam einmal zurück und sah, daß die böse Hexe auf ihrem Besen wegflog.

Weinend und niedergeschlagen kam er mit seinem Hund auf der bekannten Lichtung an. Durch seine Tränen konnte er dennoch feststellen, daß der Baum in den letzten Wochen wieder prachtvoll gewachsen war.

Sam ging zu ihm, umarmte den starken, rosaroten Stamm, neigte den Kopf zu ihm und schluchzte bitterlich. Dann setzte er sich auf den Sitzplatz und weinte erschüttert, denn er war nicht fähig, den schlimmen Fluch der Hexe von sich zu jagen. Unheimlich verletzten ihn die Worte. Doch die Blätter, wieder in Glockenform, veranstalteten neue musikalische Variationen und schafften ihm eine winzige Entspannung. Doch die Tränen rollten weiter über seine Wangen herab.

Plötzlich hörte er flüsternde Töne: "Warum weinst du?" Die Stimme kam von oben, weit über seinem Kopf. Die Frage wiederholte sich. Sam horchte aufmerksam und merkte gleich, daß der Baum aus reinem Mitgefühl zu ihm sprach. "Was hast du denn? Was für Kummer?" Der kleine Junge erzälte ihm alles ausführlich, was er unterwegs hier her erlitten hatte. Erleichtert trocknete er seine Tränen und achtete sorgsam auf die Stimme des Wunderbaumes: "Ich beschere dir Heilung. Du sollst zwei durch Tau gereinigte Blätter von mir auf deine Augenlider legen."

Sam stand auf und blickte hoch. Da sah er, daß sich ein dünner Ast, wie ein verlängerter Arm, zu ihm näherte. Als er zwei Blätter abgenommen hatte, zog sich der Ast zurück. Sam handelte genau nach den Hinweisen des Baumes.

Er spürte auf den Lidern die Kühle der Blätter, die dann in eine angenehme Wärme überging. Die Blätter wurden weich, dann ganz flüssig, drangen in die Augäpfel ein und wirkten wie Balsam mit heilender Kraft. Sam öffnete nach einigen Minuten die Augen und stellte erstaunt fest, daß er einwandfrei und alles, was ihn umgab, scharf sehen konnte. Die Brille brauchte er nicht mehr zu tragen, denn auch die Weite war vor ihm gar nicht verschwommen. Überglücklich blickte er hoch und entdeckte auf dem hohen Stamm, unter der Laubkrone das hübsch geformte Antlitz des Baumes. Seine grünen Augen schauten Sam zärtlich an und aus seinem Mund kam die Stimme: "Meine Seele spricht zu dir. Du sollst keine Angst haben, du wirst immer richtig sehen, wenn du mich in guter Erinnerung treu bewahrst." "Na klar, das ist ja für mich selbstverständlich", schwärmte Sam mit einer grenzenlosen Freude.

Dankbar streichelte er den Baum und drückte auf die glatte Rinde einen heißen Kuß.

Dann lenkte er zufrieden seine Schritte zusammen mit Bischi nach Hause, drehte sich noch einmal um und sah, daß das feine Antlitz des Baumes von dünnen Zweigen mit reichen Blättern, wie von Schleiern, verdeckt wurde.

Sam hielt seine Treue und besuchte regelmäßig mit Dankbarkeit den Wunderbaum, der inzwischen schon unzählige Kinder und Erwachsenen der Märchenwelt geheilt hatte. Auch sein kleiner Hund, Bischi, erhielt von ihm die Fähigkeit, mit seiner Stimme die verschiedensten Glockenspiele der Blätter ausgezeichnet nachzuahmen.

Sam, seine Eltern, seine Brüder sind in Nirgendwoland sehr glücklich, und wenn sie nicht 0gestorben sind, leben sie auch heute noch.

(c) Sara Rietz / Pirna


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