Der Weg nach Hause


Sara Rietz


Jedesmal, wenn Lia die Augenklinik verlassen durfte, um das Wochenende im Kreise ihrer Familie zu erleben, schaute sie in den Spiegel über dem Waschbecken und betrachtete minutenlang aus der Nähe ihr Spiegelbild. "Mit Zufriedenheit kann ich feststellen, das mein dichtes, dunkles Haar, modern geschnitten, mein ovales Gesicht vorteilhaft umrahmt, noch keine silbernen Fäden zu sehen sind, obwohl ich bald vierzig werde", dachte sie melancholisch. Zum Lächeln verzog sie wehmütig ihre schmalen Lippen, wobei die Grübchen im Gesicht zum Vorschein kamen. "Ja, die Haut ist zart und glatt, ich könnte wirklich zehn Jahre ruhig abstreiten, aber was nützte mir das?" Dann rückte sie die Brille auf der Nase höher und nahm mit Wehmut Abschied von ihrem Spiegelbild.

Draußen empfing sie das schönste Frühlingswetter. Die Bäume, Blumen und Büsche priesen Ende April mit ihrer bunten Farbenpracht die Sonnenwärme und schenkten der Welt zur Freude der Menschen verschwenderisch ihre Düfte. Am Erwachen der Natur konnte sich Lia, die junge schlanke Frau, nicht aufrichtig erfreuen. Sie blieb weiterhin schwermütig. Einfach und geschmackvoll war sie an diesem warmen Freitag gekleidet. Sie trug einen engen grünen Rock, eine gelbgemusterte Bluse aus feiner Seide mit langen Ärmeln. Eine weiße Handtasche und weiße Sandaletten ergänzten die Kreation. Die Lieblingsfarben, die ihre Kleidung hatte, verliehen ihr auch nur vorübergehend eine gewisse Zufriedenheit. Unruhe peinigte ihre Seele. Auf der Straße zur Haltestelle glaubte sie, daß die Farben der Frühlingsblumen dort hinter dem Zaun an diesem Tag noch blasser aussähen als eine Woche vorher.

Angespannt und erwartungsvoll, wie so oft in den letzten Monaten, begann sie dann mit der Straßenbahn die Fahrt und setzte sie mit dem Zug bis zur Kreisstadt ohne besondere Probleme fort. Bald zu Hause zu sein war ihr der ersehnte Wunsch.

Angst, panische Angst packte sie aber auf einmal, als sie am Bahnhof ausgestiegen war. Das grelle Licht verursachte ihr schlagartig einen heftigen Schmerz und alles war in Nebel getaucht. Sie ging mit dem noch gebliebenen Rest ihres Selbstvertrauens über die Straße. Sehr gut kannte sie die Strecke zur Bushaltestelle, wo sie ihren Mann, wie abgesprochen, treffen sollte.

Langsam, unsicher und ängstlich lenkte sie ihre Schritte immer auf der rechten Seite des Bürgersteiges an den vielen verschiedenen Läden und Schaufenstern, die ihr die beste Orientierung gaben, entlang. Lia konzentrierte sich stark beim mühsamen Vorwärtskommen und versuchte dabei mit aller Kraft ihre Ängste zu überwinden. Das gelang ihr nicht, denn in dieser Nachmittagsstunde waren viele Menschen unterwegs, die ihr nur als Schatten, gesichtslose graue Gestalten erschienen. Lias Unsicherheit und Angstgefühl, jemanden anzustoßen, wuchsen von Minute zu Minute, besonders, wenn die Kunden durch die geöffneten Ladentüren hineingingen oder herauskamen. Um so ein Mißgeschick zu vermeiden, blieb Lia öfter stehen, obwohl sie wußte, daß sie dazu nicht viel Zeit zu verschenken hat.

Krampfhaft drückte sie ihre Handtasche an den Körper und versuchte, wo es eben möglich war, sich schneller vorwärts zu bewegen. Große Anstrengung war notwendig. Sie geriet in Verzweiflung, als auf ihrem Weg beinahe ein Unglück passierte. Ein Kinderwagen mit schemenhaften Umrissen stand unmittelbar vor ihr bei einem Geschäft. Fast in der letzten Sekunde konnte sie das Gesicht eines Babys im Licht der sinkenden Sonne, das sie unerträglich blendete, hell erkennen. Kalter Schauer lief ihr vor Schreck den Rücken hinunter, denn die Vorstellung, den Wagen mit dem Kind umzukippen, wäre für sie eine verhängnisvolle Tragödie gewesen. "Mein Gott, hilf mir, bitte, hilf mir", seufzte sie betend und schritt vorsichtig mit überspannten Nerven weiter.

Einmal hörte sie von den vorbeigehenden Passanten die Bemerkung: "Diese kleine, Hübsche guckte bestimmt tief ins Glas." Am liebsten hätte sie aufgeheult und nach Hilfe gerufen, dazu aber fehlte ihr die Kraft. Mutlos und verzweifelt setzte sie im mäßigen Tempo einen Fuß vor den anderen. Ihre Nervosität stieg immer höher, ihre Befürchtungen wuchsen unermeßlich, denn sie vermutete, daß die Zeit schon knapp sei, daß sie den Bus verpassen könnte. "Ich muß das schaffen! Ich muß das unbedingt schaffen! Sonst ... ach", pochten die Gedanken heftig wie auch ihr Herz. Zum Glück mußte sie sich auf dieser Straße nicht mehr weit der sinkenden Sonne entgegengehen, an der nächsten Ecke wandte sie sich nach rechts, überquerte ein wenig stolpernd die letzte Straße und erreichte zum Schluß ihr Ziel.

Völlig erschöpft und geschafft kam sie endlich an der Haltestelle an, wo ein Bus schon abfahrbereit stand. Sie blieb stehen und wartete verlegen und unentschlossen. Ganz verunsichert schaute sie sich um und sah keinen Menschen, den sie hätte fragen können.

Dann merkte sie zu ihrer Überraschung, daß ein hochgewachsener, schlanker Mann aus dem Bus steigt und ihr zur Hilfe eilt. "Lia, warum steigst du nicht ein?" "Ach, Ulli, du bist das!", sagte sie mit großer Freude der Erleichterung. Ulli, ihr Mann, nahm ihre Hand und führte sie in den Bus hinein. Wenige Plätze waren nur noch frei. Einige bekannte Fahrgäste grüßten Lia zwar freundlich, aber sie vermutete aus dem Klang der Stimmen, neugierig und mitleidig angestarrt zu werden. Kaum hatten sie Platz genommen, fuhr der Bus los. Beim lauten Motorgeräusch fragte Ulli leise: "Ist es nicht besser geworden?" "Nein, leider nicht", hauchte Lia fast unhörbar. Das war alles, was sie unterwegs miteinander sprachen. Niedergeschlagen und tief in Gedanken versunken saßen sie nebeneinander.

Lia verweilte pausenlos bei den Schwierigkeiten in der letzten halben Stunde ihrer Wochenendfahrt. "Was wäre, wenn ich jetzt diesen Bus verpaßt hätte? Um ein Taxi zu bekommen, hätte ich die selbe Strecke zum Bahnhof zurücklegen sollen. Aber wie? Unmöglich und unvorstellbar! Beim Taxistand auf dem Vorplatz hätte ich mich bestimmt einer langen Warteschlange anschließen, dort stehen und warten nmüssen. Wer weiß, wie lange? Von den drei Taxis der Stadt sind meistens nur zwei im Einsatz und fast immer unterwegs. Die Fahrgäste können also warten und warten. Mit Geduld.

Wäre etwas schiefgegangen, hätte ich zu Hause nicht mal anrufen können. Das Privileg, ein Telefon zu besitzen, haben wir doch nicht." Schlimme Vorstellungen quälten sie. Ihre Phantasie führte ihr Schreckensbilder vor, von denen sie sich nur für Sekunden lösen konnte.

Im Dorf angekommen gingen sie Hand in Hand auf der schmalen Straße und unterhielten sich über die Kinder, über Ullis Alltagsprobleme. Interessiert hörte Lia zu, bis sie das graue Haus, wo sie wohnten, erreichten. Endlich zu Hause. Sie öffnete die Tür zum Wohnzimmer, sah ihre kleinen Kinder, die friedlich auf dem Fußboden spielten. Überglücklich sprangen sie auf und jubelten voller Freude: "Mami! Mami!" "Meine Lieben, trat Lia zu ihnen, "wie geht es euch?" Sie wollte sie umarmen. Ein lauter Schrei verließ plötzlich ihre Lippen: "Oh, ich sehe nichts! Nichts, nur eine feuerrote Farbe". Alle waren erstarrt vor Schreck. Reglos stand sie und schaute zu den nördlich liegenden Fenstern, deren Scheiben wie rot überzogen waren. Alles, aber auch alles verschwand vor ihr in diesem feurigen Schein. Sie versuchte schnell ihre seelische Kraft zu sammeln, um die Kinder, ihren Mann und auch sich selbst zu beruhigen.

"Wartet mal bitte ..., ich muß mich hinlegen" und tastete sich zur Couch. "Wahrscheinlich störte mich die rote Sonnenkugel am Horizont. Sie leuchtete kräftig durch das westliche Fenster ins Zimmer herein, als ich eben eintrat. Deswegen hängt dieser undurchsichtige Vorhang vor mir", spann sie die Gedanken ununterbrochen weiter, während sie schweigend auf der Couch lag. Die Kinder, Pierre und Jörg schwiegen ebenfalls und hielten sich mit Geduld und bewegungslos in der Nähe ihrer Mutter auf. Ulli beobachtete besorgt die Szene, sagte dann selbstbeherrscht: "Ruh dich erstmal von den Strapazen aus. Ich gehe in die Küche, wasche ab und bereite das Abendbrot vor".

Etwa eine halbe Stunde später öffnete Lia die Augen und erblickte ihre Kinder und sah, daß der Ausdruck ihrer Mienen durch angstvolle Traurigkeit gezeichnet war. "Endlich! Jetzt kann ich euch schon schwach sehen. Die Netzhaut liegt wieder an", erläuterte sie ihnen in der Kürze diese Krankheit. Sie wollte den Kindern die Angst nehmen, obwohl die Erklärung nicht sehr überzeugend klang, denn Lia konnte auch beim besten Willen das hörbare Zittern ihrer Stimme nicht unterdrücken. Doch sie waren mehr oder weniger beruhigt und erzählten ihr etwas über ihre kleinen Erlebnisse in der vergangenen Woche. "Ihr könnt am Tisch Platz nehmen", rief Ulli aus der Küche.

Nachdem Ulli und Pierre den Tisch zum Abendessen gedeckt hatten, saßen sie alle auf ihren gewohnten Plätzen und aßen schweigend die belegten Schnitten und tranken dazu den frisch gekochten Tee. Die Unterhaltung kam dieses Mal nur stockend zustande. Das Gesprächsthema, das an diesem Abend im Mittelpunkt stand, wirkte sehr bedrückend. Lia beantwortete häufig die an sie gerichteten Fragen nur einsilbig. Sie aß lustlos als hätte sie keinen Appetit, kaute langsam am Brot, schaute nachdenklich, leicht vorgeneigt mit starrem Blick auf einen Punkt vor sich hin und es war zu merken, daß sie mit sich selbst ringt. Nach einer längeren Pause kehrte sie aus der Geistesabwesenheit zurück und sprach dann so leise, als hielte sie nur ein Selbstgespräch. Sie schilderte ausführlich die verschiedenen und oft schmerzhaften Behandlungen, die sie über sich ergehen lassen mußte, die ihr aber bis jetzt zu keinen Verbesserungen führten. "Auch die dritte Laserstrahl-Behandlung", sagte sie enttäuscht, "brachte mir nichts Gutes. Im Gegenteil ... Ich konnte heute am Bus keine Schrift erkennen. Das ganze Fahrzeug schien mir sogar leer zu sein." "Ja, ich wunderte mich, warum du nicht einsteigst", bemerkte Ulli halblaut, wobei seine Stimme sorgenvoll klang.

Pierre und Jörg stillten fleißig ihren Hunger und stellten nur selten Fragen. Ihre Mienen zeigten aber klar, wie sehr sie schon mit den Eltern zusammen genau spüren konnten, daß sich die Last des miterlebten Geschehens wie ein Damoklesschwert langsam auf die Familie herabsenkte. Ohne Fröhlichkeit, ohne Lächeln verstrich das erste Abendessen an diesem Wochenende. Dann räumte Ulli den Tisch ab und ging mit den leeren Tellern in die Küche.

Die Kinder blieben noch mit ihr zusammen, Pierre neben ihr und der kleine, zarte Jörg ihr gegenüber am Tisch sitzen und rührten mit den Löffeln in ihren Tassen herum. Ab und zu wechselten sie miteinander ein paar Worte. Lia hörte kaum zu. Ihre tristen Gedanken kreisten ununterbrochen um das Erlebte. "Das war mein Leidensweg ... oder erst sein Anfang?" In der Furcht vor der bedrohlichen Zukunft war sie nicht mehr fähig, vor den Kindern ihren Kummer zu verbergen. Sie hielt den Kopf in der Hand des auf den Ellenbogen gestützten rechten Armes und ließ die Tränen hemmungslos fließen. "Mami, warum weinst du", fragte Pierre besorgt, wobei er sich mit dem ganzen Körper seiner Mutter zuwandte. "Ach, mein Sternchen", antwortete sie schluchzend, "was wird mit uns, wenn ich nicht mehr sehen kann? Eine Spritze wäre für mich besser." "Bist du etwa lebensmüde?" hörte Lia die leidvolle Frage des achtjährigen Sohnes. Bestürzt blickte sie in seine blauen Augen und wunderte sich, woher weiß ihr Kind bloß, was "lebensmüde" bedeutet? Im nächsten Moment bettelte Jörg erschrocken mit weinerlicher Stimme: "Mami, du darfst noch nicht sterben!" Lias Mutterherz zuckte noch qualvoller zusammen, weil ihr kleines, sechsjähriges Kind das Wort aussprach, woran sie in den vergangenen Tagen schon öfter gedacht hatte. Ja, das Foto des ABC-Schützen, Pierre, mit seinem Bruder, das sie täglich tausendmal auf dem Nachtschrank neben ihrem Krankenbett angeschaut hatte, rettete sie neulich vor dieser Absicht.

Tief erschüttert betrachtete sie ihren kleineren Sohn, dessen dünnes Gesicht merklich erblaßte. Tränen rollten unaufhörlich über seine Wangen. Lia schwieg eine Weile, nur wenige Minuten später murmelte sie leise: "Nein, nein".

Jörgs flehend geäußerte Bitte drang wie ein Befehl in den Sinn Lias und zwang sie in sich hinein zu horchen. "Ja, sie brauchen mich noch. Ich muß leben. Das ist meine Pflicht, für sie zu leben. Auch wenn das für mich schwer wird. Gott wird mir dazu Kraft geben", glaubte und hoffte sie sehr. "Ich muß stark sein, ich muß stark sein", wiederholte sie weinend, sich selbst suggerierend die Gedanken. Dann kam Ulli zu ihnen, streichelte zärtlich über das Haar seiner Frau und sagte vielversprechend und mit ruhigem Ton: "Hab keine Angst. Wir bleiben zusammen, egal was auf uns zukommt."

Lia trocknete ihre Tränen ab. Ein schwaches Lächeln erhellte wie ein Sonnenstrahl ihr Gesicht.

(c) Sara Rietz / Pirna


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