Der Brief


Sara Rietz - Februar 2003


Katinka, diese blonde schlanke Studentin erzählt mir: »Ich sitze jetzt wieder an diesem lauwarmen Sommerabend unter der Pergola, bewundere das Schauspiel der untergehenden Sonne und warte auf ihn.

Wahrscheinlich weißt Du schon, daß ich ihn vor einem Jahr bei einer Familienfeier meiner Tante kennengelernt habe. Während der kurzen Zeremonie der Vorstellung entstand unsere Liebe auf den ersten Blick. In seinen dunkelbraunen Augen schien die Freude zu glänzen, wenn ich ihn heimlich, von den anderen unbemerkt, ansah. Wir waren im Magnetfeld der gleichen Gefühle eingeschlossen. Doch wir mischten uns in die allgemeine Plauderei ein. Sein Gesicht strahlte förmlich, als die kleine Gesellschaft auf seinen Wunsch hin bereit war, Gedanken und Strophen von Dichtern um die Wette zu zitieren. Dabei entstand eine herrliche Stimmung. Mit den Versen von Villon gewann er unsere Anerkennung. So eroberte er, der Held des Abends, auf einmal und für immer mein Herz. Voller Bewunderung gratulierte ich ihm. Mit einem warmen Händedruck bedankte er sich, wobei seine Linke in der Jackentasche verborgen blieb.

Nach dem Aufbruch saßen wir nebeneinander wohlgelaunt in seinem Wagen und genossen das Rollen der Räder auf der langen Allee in der sternenklaren Nacht. Während die Bäume am Straßenrand, wie Gespenster, mit ihren Laubkronen im leichten Wind uns zuwinkten, sprach er mit Leidenschaft in der Stimme: 'Das Autofahren ist mein Steckenpferd. Schau, wie schön diese bekannte Gegend im Mondschein ist. Geheimnisvoll ... verführerisch...' 'Ja, das ist wahr', stimmte ich zu und prüfte heimlich sein hübsches Profil. Die Luft war elektrisiert. 'Oh', seufzte ich, 'wir sind angekommen'. Langsamer rollte der Wagen und hielt schließlich vor der Pforte des Hauses meiner Mutter. Beim Abschied, als er mich umarmen wollte, um mir einen Kuß zu geben, blitzte der goldende Ring an seiner linken Hand im Licht des Mondes auf. 'Ja', gab er zu, 'ich bin verlobt'. 'Und wo ist deine Braut heute Abend gewesen?' 'Ich weiß nicht...' Ich weiß nicht was er mir geantwortet hatte.

Mit gesenktem Kopf, verwirrt und mit Anstand ging ich fort ohne Hoffnung auf ein Wiedersehen. Dunkle Wolken bedeckten plötzlich die Gegenwart und Zukunft. Der Abstieg aus dem Himmel der eben erwachten Liebe in die Tiefe der Wirklichkeit war schwer zu ertragen. Er schlug mir Wunden in die Seele.

Nach diesem Intermezzo verging viel, sehr viel Zeit. Mir schien es so, weißt Du. Doch die Alltagsprobleme lenkten mich von dem Erlebten ab, bis ich glaubte, alles ganz vergessen zu haben. An einem sonnigen Frühlingstag erreichte mich ein Brief. Verspätet kam er an, denn die Anschrift war falsch. Überrascht und glücklich zugleich war ich, als ich seine Zeilen las: 'Ich habe die Verlobung gelöst. Seitdem suche ich um Dich zu finden. Für mich bist Du die Einzige, die Ideale... Komm, komm zurück'.

»Siehst du, Lilli, jetzt sitze ich hier unter der Pergola und warte auf ihn. Ich weiß, er wird bald kommen.« »Nein, Katinka, ich bin gekommen...«, sagt Lilli leise und stockend. »Ja, ich bin gekommen, um dir zu sagen... ja, ich muß dir mitteilen, daß er heute Nachmittag mit seinem Skoda an der Kreuzung am Markt tödlich verunglückt ist.«

Die Sonne ist untergegangen. Ihre letzten Strahlen streiften Katinkas leichenblasses Gesicht.

(c) Sara Rietz / Pirna


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