Das Urteil


Sara Rietz


Er ist ein Mensch gewesen:
ein Zeitgenosse,
ein Genosse der Zeit;
uns unbekannt ...
aber bekannt den Genossen der Zeit,
den Dirigierenden.

Er war ein junger Mann.
Nur seine Stimme ist geblieben.
Zufällig.
Auf Tonband konserviert:
in den Tagen,
in den letzten Tagen und Stunden,
die für ihn gezählt waren.

Er war ein Mensch, 39 Jahre,
ein Irregeführter, ein Verirrter
und auch ein Verblendeter.
Er sah die Sache klar, erst später,
dennoch zu früh. Schicksal.

Er hatte einen Gedanken.
Einen unerlaubten.
Er wollte anderswo leben.
Auf der anderen Seite seiner Heimat.
Es war ihm verboten.
Untersagt! Nicht vergönnt.

Er stand allein, schutzlos, rechtlos
vor den Klägern, den Mächtigen
mit steinernen Gesichtern
und ihren fertigen Plänen
im Namen des Gesetzes.

Seine Worte, seine Bitte ums Leben
bleiben ungehört.
Zwei Männer halten ihn fest.
--- Knechte, Sklaven der Genossen
mit verkauften Seelen. ---
Der dritte handelt im Hintergrund
geübt, präzis, zielgerichtet
in dem schallisolierten Raum.
Hinterhauptschuß.
Ein Arzt hat die Aufgabe,
die Änderung --- gewollt, gewünscht ---
zu konstatieren.
Aus ist das Lebenslicht.

Er war ein Mensch unter uns. Begabt.
Ein Doktortitel zierte seinen Namen.
Zu Asche ist er geworden.
In einer namenlosen Urne
--- ohne Grab, ohne Stein ---
mußte er verschwinden.

Niemand weiß, niemand fragte ihn,
was er denke, was er spüre,
wie ihm zumute sei,
wie er die Qual der Todesangst
in seiner letzten Stunde ertrage.

Es war ihm verwehrt von seiner Frau
und kleinen Tochter Abschied zu nehmen.
Ihnen war verboten,
um ihn zu trauern.
Seinen Namen zu behalten,
war ihnen nicht mal erlaubt.
Schweigen mußten sie. Auf Befehl.

Der Hauptlebenslichtlöscher,
der alte Oberhalter
aller Fäden der Idee,
genießt aber Schutz,
weil er das Recht zum Leben hat.

(c) Sara Rietz / Pirna


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