Das letzte Mal (Weihnachtsgeschichte)


Sara Rietz - 2006


Nie wieder erlebte ich Weihnachten in solch erhabener Feierstimmung wie in meiner Kindheit. Sie bleiben mir auch nach so vielen Jahren unvergeßlich in Erinnerung. Voller Sehnsucht und Freude warteten wir, Kinder und Erwachsene, auf den Heiligabend, wenn die Glöckchen der Sängergruppe mit Krippenspiel vor unserem Haus feierlich erklingen sollten. Die Bilder von damals habe ich heute noch vor meinen Augen.

Ein Junge von fünfzehn Jahren trat als Engel in Weiß gekleidet, mit einem Schwert in der Hand ins Zimmer. Nach der vorgeschriebenen Begrüßung bat er um Erlaubnis, mit seinem Gefolge das Christkind loben und preisen zu dürfen. Selbstverständlich war es ihnen erlaubt. Niemand verweigerte es ihnen, denn sie waren überall gern gesehene Gäste. Die Tür ging weit auf, und zwei Jungen, ebenfalls in Engelröcken, traten freundlich lächelnd ein. Sie stellten die von ihnen getragene und hell beleuchtete kirchenförmige Krippe auf den Tisch und blieben seitlich links und rechts stehen, während der erste Engel mit dem schräg zur Krippe gehaltenen Schwert in der Mitte stand.

Still und erwartungsvoll schauten die Mitglieder der Familie, Kleine und Große, auf sie und hörten ihrem Gesang andächtig zu.

Hin und wieder läuteten die Glöckchen. Ihre Töne mischten sich fein in die Harmonie des Lobgesanges: "Gloria für Gott im Himmel, Friede für den Menschen auf der Erde...". Nach dem Ausklingen dieser Melodie sprach der erste Engel die einladenden Verse "Kommt herein Könige, Könige..." und stellte sich rechts neben den anderen. Dann lehnte er mit einer leichten Handbewegung das Schwert an die Schulter. In gleicher Art hielten die drei Könige beim Eintreten ihre Schwerter in der Hand und stellten sich zu den Engeln, so daß sie ein schönes Spalier zur Krippe bildeten. Sie schauten sich gegenseitig an. Gemeinsam sangen sie die Lieder, die sie in unterschiedlichen Melodien vortrugen. Huldigend wirkte die nächste Szene, als der erste Engel und die drei Könige auf ihre rechte Knie knieten, die Schwerter gekreuzt hielten und sie von Zeit zu Zeit im Takt klangvoll zusammenschlugen.

Auf einmal, wie auf Kommando, standen sie dann auf und beendeten würdevoll ihre Darbietung. Zur Danksagung stellte sich der erste Engel wieder in die Mitte mit der selben Körperhaltung wie am Anfang, und mit einem Gebet schloß das Krippenspiel ab. Für ihre Vortragskunst erhielten sie Spenden von den Gastgebern, während die Kinder der Familie die Einrichtung der Krippe zur Freude der Sänger bewunderten. Beim Fortgehen wünschten sie im Gesang Gottessegen für die Familie.

Diese Form Weihnachten zu feiern, wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Unser Kulturerbe war das. Traditionsgemäß begannen wir schon Mitte November mit den Vorbereitungen, um den Heiligabend der religiösen Sitte entsprechend zu würdigen. Es fing damit an, daß meine Brüder, Lars und Jan, und ihre vier Freunde das von meinem Vater angefertigte Holzgerippe einer zweitürmigen Kirche wieder als Krippe herrichten sollten. Um dieses Ziel zu erreichen, kamen die vier Jungen jeden Abend zu uns, setzten sich an den Tisch und bastelten fleißig. Diese Aufgabe war für sie nicht leicht, dennoch führten sie es jedes Jahr mit beständiger Ausdauer und Begeisterung durch. So geschah es auch 1950, als der eiskalte Wind des neuen Zeitgeistes im Land nichts Gutes zu bringen versprach. Trotz alledem setzten sie ihr Vorhaben unbeirrt und zielbewußt fort. Zunächst entfernten sie gründlich die staubigen und brüchig gewordenen Wände der Kirche. Nachdem sie das Gerippe gesäubert hatten, beklebten sie es sorgfältig neu mit in Speiseöl getränktem Papier als Pergamentersatz, wodurch wieder glatte, durchsichtige Wände entstanden. Die Kuppel und die Türme bemalten sie nach der Trocknung mit ziegelroter Farbe. Sie schmückten dann die Turmspitzen mit den Goldglanzpapier bezogenen Kreuzen. Nur mühselig und langwierig konnten sie diese Arbeitsgänge fortführen, denn zwischendurch mußte alles trocknen.

An den folgenden Abenden begannen sie mit der Verschönerung der Wände. Diese beklebten sie sehr vorsichtig mit aus goldfarbenem Glanzpapier geschnittenen kleineren und größeren Sternen, Mond, Sonne mit Strahlen und Kometen mit Schweifen. Über der Tür der kirchenförmigen Krippe leuchtete ein Weihnachtsstern. So verschönert zeigte diese 40 cm breite, 50 cm lange und 60 cm hohe Kirche mit ihren 80 cm hohen schlanken Türmen ein gut gelungenes Bild. Sie war aber noch nicht ganz vollkommen. Etwas fehlte noch.

Die Freude und das Jubeln meiner Brüder und ihrer Freunde war unübertrefflich, als unsere Großmutter an einem Abend viele hübsche, aus Ton selbst hergestellte Figuren für die Ausstattung der Kirche mitbrachte. Sie war künstlerisch begabt und hatte Geduld, für ihre Enkelkinder und deren Freunde aus diesem feierlichen Anlaß diese wichtige Aufgabe zu übernehmen. Den ganzem Sommer und Herbst benötigte Großmutter, diese Vielzahl von Figuren formen, trocknen, bemalen und die kleinen Tiere mit Wolle bekleiden zu können.

Die Freude steigerte sich bei allen, als diese bunt bemalten Figuren nacheinander in der Krippe sorgfältig verteilt und angeklebt wurden. In der Mitte im hinteren Teil lag das Christkind auf einem Heubett, links und rechts von ihm standen Maria und Joseph. Vor der heiligen Familie huldigten die drei Könige mit geneigten Häuptern. An beiden Seiten knieten die Hirten, ihre Tiere, die wärmenden Lämmer, wurden in der Nähe des Christkindes hingestellt. Engel, kleinere und größere, knieten oder standen ringsum.

Mein Vater fertigte die Beleuchtung an. Er baute eine winzige elektrische Lampe ein, die in der Mitte vom Dach herabhing und mit einer innen bei der Tür versteckten Batterie ein- und ausgeschaltet werden konnte. Das Werk war komplett. Erleichtert atmeten die Jungen auf, denn der Hauptteil der Arbeit war getan.

Meine Brüder, Lars und Jan, hatten die Ehre, die Kirche mit den an der Bodenplatte links und rechts angebrachten Tragegriffen zu heben, zwei Schritte zu gehen und sie vorerst auf die abgeräumte Kommode zu stellen. Dabei begannen sie zusammen mit ihren Freunden, die ersten Strophen des dazu passenden Weihnachtsgesanges neu einzuüben. Die Texte der langen Lieder mußten sie genau kennen und die unterschiedlichen Melodien dazu so beherrschen, als sängen sie mit einer Stimme. Dazu brauchten sie nicht nur Hilfe, die sie von meiner Mutter erhielten, sondern auch Disziplin und Zeit. Ja, Zeit, die bis zum Heiligabend immer weniger wurde. Und sie hatten noch viel zu tun.

Die sechs Jungen, die diese Krippe am Heiligabend im Ort von Haus zu Haus in der Rolle von Engeln und Königen begleiten wollten, mußten den Kopfschmuck sechsmal fertig bekommen. Eine zeitaufwendige Tätigkeit war das. Sie verwendeten dazu harten Pappkarton, den sie der Kopfweite entsprechend auschnitten und etwa 30 cm hoch zu einem Zylinder formten. Sie bezogen ihn sorgsam mit Glanzpapier in verschiedenen Farben und beklebten ihn mit Motiven des Himmels. Die soweit fertigen Zylinder schmückten sie mit schmalen Streifen aus Glanzpapier, die vom Rand lose herabhingen. Zur Vollendung des Kopfschmuckes brachten die Jungen über dem Zylinder aus dem gleichen Material zwei breite Streifen in hohen Bögen geformt und übereinander gekreuzt an. Im Mittelpunkt befestigten sie ein goldglänzendes Kreuz. Sie probierten den fertigen Kopfschmuck öfter glücklich an, wobei der Eindruck entstand, als hätten sie eine schmuckvolle Königskrone getragen. Weiße Röcke und weiße Hemden über ihrer warmen Kleidung machten die Wirkung samt Gürtel, Schwert und Glöckchen komplett.

So feierlich angezogen durften sie Heiligabend bei vielen, vielen Familien die Geburt des Christkindes preisen und ehren und für die Menschen Freude und Hoffnung bringen. Das war ihr Vorhaben, das war ihr Ziel. Bis zu ihrem Auftreten mußten sie noch die Bewegungen und auch die Melodien der Lieder üben. Mit einer bewunderswerten Ausdauer wiederholten sie vielmals die Szenen einzeln und zusammen, bis alles perfekt lief. Jedes Jahr am 24. Dezember gingen die Sänger schon in den Nachmittagsstunden los und besuchten viele Menschen im Ort, nicht nur Bekannte und Verwandte.

Nachdem die Kirchenglocken zur Mitternachtsmette geläutet hatten, nahmen alle Gruppen die Richtung zur Mette, um den Heiligabend im Sinne der christlichen Religion zu beenden.

So sollte es auch 1950 geschehen. Keine einzige Sängergruppe mit Krippenspiel erschien in jenem Jahr in der Kirche. Auch meine Brüder und ihre Freunde konnten ihre wieder zur Vollkommenheit gebastelte Krippe nicht wie früher vor den Altar stellen. Unterwegs zur Mette, die Glocken läuteten noch, wurden sie an einer dunklen Straßenecke von rüpelhaften Jugendlichen, feindlich und brutal angegriffen. Die Angreifer waren in der Mehrzahl und forderten, die erhaltenen Spenden ihnen abzugeben. Das war der Vorwand.

So erzählten es uns meine Brüder, als sie mit ihren Freunden in den Spätstunden ohne Kopfschmuck, mit gerissener, beschmutzter Kleidung traurig und weinend heimkehrten. "So etwas Schreckliches haben wir bis jetzt nie erlebt", klagten sie erschüttert. Kein Auge blieb trocken, als wir die Ruine der kirchenförmigen Krippe mit den abgebrochenen Türmen, eingeschlagenen Dächern und Wänden und die zerstörten Figuren, diese Reste der Vernichtung erblickten. "Wir konnten sie nicht retten", flüsterte Jan heiser und wischte seine Tränen ab.

Niedergeschlagen, in Stimmung tiefer Trauer standen wir alle, Großmutter, Eltern und Kinder, um den Tisch, auf dem uns die vernichtete Krippe wie ein Sarg vorkam. Ein Sarg, in dem unsere katholische Tradition aufgebahrt war. Für Trost fanden wir im eiskalten Wind des Atheismus keinen Raum, keine wärmenden Worte; nur insgeheim erhofften wir in Schweigen gehüllt ihre Auferstehung.

(c) Sara Rietz / Pirna


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