Das erste Wort


Sara Rietz


Die kleine Szene einer Episode, die sich für mich beim flüchtigen Rückblick wie zu einem Bild umwandelt, wird mir immer lebendig, wenn ich durch die Erinnerung länger bei ihr verweile. Das war der Ausschnitt einer unbekannten Handlung, die vorher stattfand und anschließend irgendwie, ohne meine Kenntnisse fortgesetzt wurde.

Für mich begann das Glück, diese einmalige Vorführung zu bewundern, als ich damals als ABC-Schütze an jenem sonnigen Apriltag 1944 aus der Schule schon in den Mittagsstunden nach Hause gekommen war. In dem Moment, als ich die Eingangstür zum breiten Hof des Elternhauses geräuschvoll geöffnet und geschlossen hatte, blieb ich wie angewurzelt stehen.

Einige Meter entfernt von mir stand ein deutscher Soldat seitlich zur Werkstatt meines Vaters und schaute mich mit lächelndem Gesicht an, während er seinen Rücken mit einem quergelegten Handtuch geschickt trocknete. Dann drehte er den Kopf zu seinem Kameraden, der einen Schritt weiter neben ihm stand. Mein Vater gönnte sich auch eine kleine Pause und amüsierte sich in der geöffneten Tür der Werkstatt über die Darbietung des hochgewachsenen, schlanken Soldaten, der an der sonnigen Stelle vor dem großen Fenster des Gebäudes auf der Erde in einer Holzwanne zu seinen Füßen eine Gans auf seltsame Weise fütterte. Sie wartete darin geduldig und streckte ihren Hals nach oben. Der Soldat hielt einen Maiskolben in seinen hochgehaltenen Händen und ließ die abgetrennten Körner langsam herunterfallen. Der Gans gelang es öfter, einige Körner schon in der Luft zu schnappen und erhielt dafür immer ein verdientes Lob: "Gut, gut!" Sie schien bei dieser Ernährung sehr froh zu sein, sammelte in Windeseile auch die in die Wanne gefallenen Körner auf. Manchmal flatterte sie mit den Flügeln und ließ sogar die Töne ihrer eigenen Sprache hören. Dann blieb sie ruhig, streckte wieder den Hals und schielte erwartungsvoll nach oben.

Das war ein echter Genuß, ihre komische Attraktion zu beobachten. Der Soldat, dessen Gesicht ich nicht sehen konnte, weil er mit dem Rücken zu mir stand, fütterte den Kopf nach vorn gebeugt das Tier mit einer Ausdauer weiter, wobei er das mir unbekannte Wort: "gut, gut" fast ununterbrochen wiederholte. Angenehm, fröhlich klang seine Stimme.

Rechts, aus dem Gemüsegarten kam meine Mutter auch freudestrahlend mir entgegen und ich fragte sie neugierig, was "gut" auf Ungarisch heißt. Sie nannte mir die Bedeutung, und so erlernte ich das erste Fremdwort.

Etwas später kam der in Uniform gekleidete Soldat und zählte das Geld für die gekaufte Gans in die Hand meiner Mutter. Zufrieden nickte sie und sagte: "joo", "gut" sagte ich auch, übte ungehemmt das erste Mal die Aussprache, und der Soldat lächelte mich wieder an.

Damals hatte ich das Gefühl, als hätte ich das kurz zuvor gehörte Wort "gut" "gesehen", gehört, mit der Frühlingsluft eingeatmet und beim ersten Aussprechen sein Aroma auf der Zunge gespürt. Sein überaus wertvoller Sinn mit der Ausstrahlung zog mich in seinen Bann, berührte entscheidend meine empfindsame Kinderseele und erweckte in mir die Sehnsucht und den Wunsch, einmal die deutsche Sprache erlernen zu wollen.

Bis zur Erfüllung meines geheim gehegten Wunschtraumes mußte ich geduldig warten, denn der Weg wurde zu diesem Ziel lange Zeit versperrt. Viele Jahre war nämlich der Unterricht westeuropäischer Sprachen in den Schulen aus politischen Gründen streng untersagt.

Erst ab 1957 wurde die Ausbildung der Lehrkräfte für diese Sprachen an den Universitäten gesetzlich wieder genehmigt und die neuen Fakultäten zielstrebig aufgebaut. Die Studierenden, die im Vorjahr für das Fachgebiet Russisch immatrikuliert waren, durften sich in ihrem zweiten Semester aus den angebotenen Sprachen eine andere Fachrichtung wählen.

Auch ich nutzte in Debrecen die gegebenen Möglichkeiten und entschied mich selbstverständlich für das Germanistik-Studium, um mir diese schöne Sprache durch Fleiß und Ausdauer gründlich anzueignen und dafür als Anerkennung das erst gehörte Wort "gut" erhalten zu können.

(c) Sara Rietz / Pirna


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