Blätter im Flug


Sara Rietz


An einem der letzten Maitage 1949 wölbt sich der wolkenlose Himmel über die Äcker in der weiten Tiefebene, wo der Blick die von Akazien gesäumten Wege links und rechts in großer Entfernung erreicht.

Auf einer Parzelle arbeitet nur eine Frau weit und breit alleine im Sonnenschein dieses Spätnachmittags. Mit dem Hacken ist sie schon fertig. Jetzt sammelt sie schnell die Unkräuter mit sattgrünen Blättern zusammen und stopft sie emsig in einen Sack. Durch die Anstrengung perlen ihr Schweißtropfen von der Stirn; sie hält nur eine sekundenlange Pause, um das Gesicht mit ihrer dunkelblauen Schürze eilig abzuwischen. "Bald kann ich auf den Weg nach Hause", denkt sie, als das abendliche Glockengeläut aus dem fernen Ort ihre Ohren leise und zärtlich streichelt. Frau Kollta, so heißt sie, richtet sich auf, sich nach Osten wendend steht sie gerade, bekreuzigt sich, schaut zum Himmel empor, der ebenso blau ist wie ihre Augen und betet, die Hände zusammengelegt, "Vater unser ...".

Ihr ovales Gesicht, umrahmt mit in Dutt geknotetem dunklen Haar, von der Sonne bräunlich gefärbt, strahlt Güte und tiefe Andacht aus. Ihre kleine Figur wirkt in ihrer beigefarbenen Bluse, deren Ärmel bis zum Ellenbogen aufgekrempelt sind, und ihrem bunten Faltenrock fast jugendhaft, obwohl sie schon Mitte vierzig ist.

Nachdem die Glockenklänge in der Ferne verstummen, bekreuzigt sie sich wieder und will die Arbeit zu Ende führen. Den Sack füllt sie voll und bindet ihn geschickt zu, als ein dumpfes Geräusch eines Kleinflugzeuges die Stille zerstört. Unwillkürlich zuckt sie zusammen. Im nächsten Augenblick hört sie nun direkt über ihrem Kopf das laute Brummen beängstigend und bedrohlich. Sie schaut hoch. Der Pilot beschreibt tieffliegend einen Kreis. Der andere junge Mann winkt ihr lächelnd zu und wirft eine große Menge Papier herunter. Fast unmittelbar in ihrer Nähe sinken die Blätter im leichten Wind langsam zwischen den Kartoffelreihen zu Boden. Die Flieger geben ihr zu verstehen, daß sie dieses Material sammeln soll. "So etwas hab ich noch nie gesehen", überlegt Frau Kollta, "obwohl ich in meinem Leben viel Schlimmes erlebt habe."

Sie ist nicht nur gehorsam, sondern auch neugierig. Deshalb nimmt sie schnell ihre aus Maisblättern geflochtene Tasche und packt sie eilig voll. Sie läßt kein einziges Exemplar in ihrer Nähe liegen. Erst dann blickt sie mit Neugier auf das zweimal gefaltete Flugblatt, aber ohne ihre Lesebrille kann sie bloß einige krumme Linien erkennen. Zum Rätselraten, was das sein soll, hat sie jetzt auch keine Zeit.

So greift sie den Sack und schleppt ihn zwischen die Arme geklemmt, die Tasche in einer Hand festgehalten, mühsam zum Weg, wo ihr Handwagen hinter einem Busch verborgen steht. Frau Kollta legt die Ladung quer auf den Wagen, befestigt sie ordentlich und zieht die Last auf dem unebenen Feldweg, leicht vorgebeugt, wobei sie Ihren Gedanken nachhängt. "In meinem Leben sah ich zum ersten Mal so etwas, obwohl ich schon zwei Weltkriege erlebt habe, den ersten als Kind, den zweiten als Erwachsene. Oh Gott, oh Gott", seufzt sie traurig.

Die friedliche Landschaft, die sie aufmerksam beobachtet, zerstreut aber bald ihren quälenden Gedanken. In dieser Stunde, in der sich die Sonne zum Abschied vorbereitet, eilen auch andere Frauen und Männer, jüngere und ältere nach der Arbeit zu Fuß oder fahren mit den von Pferden oder Rindern gezogenen Fuhrwerken heim. So geschieht es hier von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, von Jahr zu Jahr immer wieder.

Freundlich grüßen die Vorbeigehenden oder Fahrenden Frau Kollta: "Ejha, Anna, du hast aber deinen Wagen gut vollgepackt. Schaffst du es nach Hause?" "Ja, ja. Die Tiere brauchen Futter", antwortet Frau Kollta ihrer Freundin ebenso freundlich. Für kurze Zeit bleiben sie stehen, um einige Worte, Gedanken, Neuigkeiten auszutauschen.

So geht es hier seit Menschengedenken, denn die Bewohner kennen sich untereinander wie in einer großen Familie. Sie begegnen einander hier täglich oder sonntags in der Kirche ihrer kleinen Stadt. Nach solch langer Tradition haben die Leute hier zueinander Vertrauen. Ohne Angst erzählt also Frau Kollta ihrer Freundin und allen, die sich inzwischen zugesellt haben, die Sensation des Tages: "Schau mal, schaut mal, was ich kurz vorher gesammelt habe!" Aus ihrer geflochtenen Tasche, die auf dem linken Arm hängt, nimmt sie viele Faltblätter heraus und schenkt sie ihren guten Bekannten. "Lest mal", fügt sie hinzu, "ich kann ohne Sehhilfe nicht mehr lesen." Fast klagend klingen ihre Worte, weil sie doch wissen möchte, warum die anderen schmunzeln, wenn sie auf das Papier blicken. Dann verabschiedet sie sich mit guten Wünschen für die Nacht und läßt wieder ihren Wagen quietschend weiter rollen.

Nach einer kurzen Strecke wiederholt sich die Szene mehr oder weniger ähnlich mit anderen Bekannten, die von Frau Kollta aus ihrer Sammlung wunschgemäß Flugblätter erhalten. Den Rest in der Tasche will sie der Familie zeigen.

Bevor die Sonne ihre letzten Strahlen einzieht, kommt Frau Kollta erschöpft heim. Ihre Kinder warten schon ungeduldig auf sie. Immi, der kleinste Sohn von elf Jahren, öffnet das Hoftor und hilft ihr, den Handwagen in den Schuppen zu stellen. "Endlich sind Sie da, Mama", sagt er mit Erleichterung in der Stimme. "Gott sei Dank. Ich bin auch froh darüber." Nach einem tiefen Atmen fragt sie, ob alles in Ordnung sei. Immi und Julia, die eben aus der Küche kommt, beruhigen sie vollkommen. Julia, die zwölfjährige Tochter, erzählt ihr kurz, was sie zu Hause in Abwesenheit der Mutter nach bestem Wissen und Können erledigt haben. Die Tiere haben Futter und Wasser gekriegt. "Schön. Ihr könnt noch aus dem Sack Grünzeug den Schweinen geben", sagt sie und lenkt ihre Schritte zur Werkstatt, die etwa in der Mitte des Hofs steht. Dort begrüßt sie ihren Mann und die größeren Söhne, Lars und Jan, die fleißig an einem halbfertigen Herd arbeiten. "Morgen, wenn alles gut klappt, schaffen wir es", sagt der Vater. "Jetzt könnt ihr damit aufhören", ermutigt sie die Mutter.

Langsam dämmert es schon. Julia ruft: "Das Abendessen ist fertig!" "Ach, wie schön ist es", freut sich die Mutter, "nach der Arbeit warmes Abendessen zu bekommen. Was hast du denn gekocht, meine liebe Julia?", fragt sie lächelnd. "Nur etwas Einfaches. Obstsuppe und dann Speck mit fünf Eiern gebraten." "Sehr gut hast du das gemacht", lobt der Vater seine Tochter. "Fünf Eier, sagst du! Hast du vergessen, daß wir die Eier für die Abgabe sammeln müssen?", fragt die Mutter besorgt. "Ach, immer die Abgabe, die Abgabe für nichts und wieder nichts", rebelliert Julia, deren dünner Körper in dem rosafarbenen Kleidchen wie der eines neunjährigen Mädchens erscheint. Ihre Stimme klingt weinerlich. "Wir müssen auch mal was Gutes essen. Wir sind alle so mager, weil immer Abgabe, Abgabe, diese verdamm..." "Pst", unterbricht sie die Mutter und legt den Zeigefinger auf die schmalen, geschlossenen Lippen. "Niemand hat es gehört", sagen Julia und Lars gleichzeitig.

Dann sitzen sie in der Wohnküche beim mäßigen Licht am Tisch und löffeln leise die Stachelbeersuppe. Die Gesichter zeigen einen Ausdruck der Zufriedenheit, weil die Suppe gut schmeckt. Alle loben die kleine Köchin, und Julia freut sich, wobei sie ihre langen Zöpfe nach hinten über die Schultern wirft. In diesem Moment strahlt ihr schmales Gesicht ein bißchen Stolz aus. Bevor der zweite Gang kommt, den sie untereinander teilen sollen, erkundigt sich die Mutter, was es Neues in der Schule gibt. "Nur in der nächsten Woche haben wir noch Unterricht", sagt Lars, der sechzehn Jahre alt ist und das Gymnasium besucht. "Am Sonnabend haben wir die Abschlußfeier. Die Eltern sind dazu herzlich eingeladen", fügt Jan hinzu. "Wenn alles klappt, sind wir dabei", verspricht ihnen der Vater, "dann habt ihr also Ferien." "Dann können wir Ihnen viel mehr helfen", meldet sich Immi. "Es freut uns", erwiedert der Vater.

Als erste ist Frau Kollta mit dem Essen fertig. Sie bedankt sich bei ihrer Tochter für das gut gelungene Abendessen. Frau Kollta steht auf und nimmt aus dem Regal die Brille, die neben dem Gebetsbuch liegt, in die Hand und erzählt ausführlich, was sie am Nachmittag auf dem Kartoffelfeld erlebt hat. Sie schildert die Situation so lebhaft, daß alle gespannt zuhören und das Essen fast vergessen.

"Ja, ich habe euch auch etwas mitgebracht", spricht sie leise und nimmt aus ihrer geflochtenen Tasche, die sie bisher immer bei sich auf den Fußboden gestellt hält, die restlichen Flugblätter heraus und legt sie auf den Tisch.

Das Essen ist beendet. Jeder nimmt ein Exemplar in die Hand und lacht los, wie alle anderen unterwegs, die die erste Seite des Faltblattes erblickt haben.

"Ach, das ist Rakoschis Glatze als Januskopf. Wie zwei zusammengewachsene Kürbisse mit zwei Gesichtern sieht es aus. Hohl ist der Kopf", bemerkt Jan spöttisch. "Aber, aber", warnt der Vater, "so etwas darfst du außerhalb dieser Wände nicht sagen. Du mußt deine Gedanken für dich behalten. Das ist Politik." Nach kurzer Pause flüstert er vor sich hin: "Schweigen ist Gold."

Dann übernimmt die Mutter wieder das Wort und verschweigt nicht, daß sie die Flugblätter nicht nur gesammelt, sondern unterwegs auch viele verteilt hat.

"Was hast du gemacht? Verteilt?", fragt der Vater erschrocken. Sein Gesicht verfinstert sich noch mehr. "Hast du sie verteilt? Das ist verboten, das ist strafbar! Weiß du es nicht?" Während er mit seiner Lesebrille das Bild gründlich betrachtet, schmunzelt auch er kurz darüber, aber beim Text ändern sich seine markanten Gesichtszüge ins bittere Ernste. "Und du hast alles aufgesammelt und verteilt ...", wiederholt der Vater den Gedanken. "Mama, haben Sie keine Angst gekriegt?", fragt Lars seine Mutter.

"Du bist mutig, Mama", stellt Immi altklug fest. "Immi", flüstert Jan, "du sollst zu Mama und Papa immer Sie sagen. Hast du es vergessen?" "Oh, ja. Entschuldigung." "Wem hast du die Flugblätter verschenkt?" "Du sollst keine Angst haben, Vati", antwortet ihm seine Frau, "ihr sollt keine Angst haben, ich habe nur guten Bekannten was gegeben. Sie werden mich bestimmt nicht anzeigen", fügt sie beruhigend hinzu. "Du weißt aber", entgegnet der Vater, "wieviele Ortsfremde hier eingebaut worden sind. Sie peinigen uns, wenn es darauf ankommt." "Wenn ich meine Brille bei mir gehabt hätte, wäre alles anders gekommen. Ich habe nicht gedacht, daß es politisch ist. Mit der Politik beschäftige ich mich nicht", entschuldigt sich die Mutter. "Ja, das ist deine Erklärung. Das glaube ich dir, aber ..." Er schweigt. Mit ihm schweigen auch die anderen. Reglos sitzen sie, nur Julia steht auf und räumt vorsichtig, lautlos den Tisch ab.

Lars, der Gymnasiast, wagt als einziger zu sprechen und versucht, in dieser Stimmung die Eltern mit überzeugenden Worten zu beruhigen und ihre Sorgen zu zerstreuen. Sein hübsches, jugendliches Gesicht scheint zu glühen, seine blauen Augen glänzen von Mut, als er sagt: "Keine Angst! Der Text ist gar nicht so aufrührerisch. Wertloses Geschwätz! Zitate sind das aus seinen Reden, mit denen nachgewiesen wird, daß der Generalsekretär in beide Richtungen, nach links und rechts quasi die Unwahrheit spricht. Er schwindelt unter uns gesagt, wie eben die Politiker heutzutage."

"Also, du hast diese Wische verschenkt ..." murmelt der Vater in seinem eigenen Gedankenkreis bleibend. Die Worte seines Sohnes erreichen ihn jetzt nicht. Er stützt sich mit dem linken Ellenbogen auf die Tischplatte, hält seinen grauen Kopf in der Hand und starrt minutenlang vor sich hin. In seinen braunen Augen fiebern die bisher überstandenen Schmerzen seiner dreiundfünfzig Jahre, von denen er sieben als Soldat in zwei Weltkriegen gedient hat. Erschrocken schauen fünf Augenpaare, die in Tränen schwimmen, ihn an. "Ich hoffe, daß nichts Schlimmes auf uns zukommt", will Frau Kollta Zuversicht verbreiten.

Niemand spricht ein Wort. Eine lang anhaltende Stille, eine angstbeladene Stille folgt, in der alle das Gefühl haben, als wäre ihnen die Kehle zugeschnürt. Angespannt horchen sie jetzt. Das gleichmäßige Klopfen martialischer Schritte ist immer näher zu hören. Eine Sekunde später lassen heftige Schläge an der Tür nicht nur die Bewohner des Hauses, sondern auch die lauwarme Luft des Spätabends erzittern. Zwei Polizisten treten ein.

(c) Sara Rietz / Pirna


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