Abschied und Begegnung


Sara Rietz - Juni 2005


Abschied bedeutet, ein bißchen zu sterben. Das war auch mein Gefühl damals, als ich den zuletzt angefangenen Roman "Der Pharao" von Boleslaw Prus mit einem Lesezeichen kurz vor Ende der tragischen Handlung für immer zuklappen und somit von den Buchstaben in Schwarzdruck endgültig Abschied nehmen mußte.

In meinem vierzigsten Lebensjahr versank für mich die in Licht getauchte Welt in Dunkelheit. Dieser Verlust brachte mir viele Probleme, aber am stärksten quälte mich die Furcht, nicht mehr lesen und schreiben zu können. Unerträglich erschien mir diese Vorstellung.

In meiner ersten Verzweiflung kam mir Louis Brailles Schaffen zu Hilfe. Über ihn und seine Erfindung hatte ich früher als Sehende kaum erwähnenswerte Kenntnisse. Erst als ich sein Schicksal teilen mußte, erkannte ich, welch eine großartige Schrift er 1829 weltweit in die Hände der Blinden gegeben hatte. Die Minifibel, die mir zur Verfügung gestellt wurde, enthielt für mich viele, viele Rätsel. Aus der Grundform von sechs Punkten bot mir das Büchlein 64 Variationen für Buchstaben, Zahlen und Schreibzeichen zum Erlernen an. Mit großer Willenskraft und Ausdauer fing ich an, mir das Alphabet durch Tasten und Fühlen schrittweise anzueignen. Bei diesem mühsamen Lernprozeß stand mein Mann mir hilfsbereit zur Seite. Er war mein erster Lehrer, ohne für diese Aufgabe ausgebildet zu sein. Gründlich erklärte er mir die unterschiedlichen Punktformationen und kontrollierte durch die von ihm darunter geschriebenen Buchstaben mein Lesen auf die Richtigkeit. Mit dieser eigenartigen Methode erlernte ich in kurzer Zeit das Abc und las mit wachsender Begeisterung die Wörter, Sätze und einfachen Texte der Fibel. Nach mehrmaliger Wiederholung fühlte ich mich in der Sache schon sicher und wartete ungeduldig auf die Ankunft eines bei der Deutschen Zentralbücherei für Blinde zu Leipzig bestellten Werkes. Es dauerte gar nicht lange, und ich schlug das erste Mal ein Buch in Blindenschrift auf.

Ich erhielt Gottfried Kellers Novelle "Kleider machen Leute". Langsam, aber mit großer Bereitschaft und Geduld ließ ich meine Finger von Zeile zu Zeile gleiten, wobei mich ein unbeschreibliches Glücksgefühl ergriff. Dies war die erste Freude nach meiner Erblindung. Mich begeisterte die Erkenntnis, daß ich auch mit Blindenschrift der Handlung ebenso folgen konnte wie früher, als ich denselben Text visuell gelesen hatte. Es war ein Erlebnis mit heilender Wirkung. Fleißig übte ich Tag für Tag das Lesen, nutzte die Wartezeit auf den Anfang einer vorgesehenen Elementarrehabilitation. Mit diesen Vorkenntnissen kam ich also zum Lehrgang, bei dem ich mit Überraschung erfuhr, daß die sechs Punkte numeriert sind. Dadurch sind das Lesen und Schreiben der Blindenschrift wesentlich leichter zu erlernen.

Für die Blinden ist diese hohe Kunst ein Gewinn, in dessen Besitz sie fähig sind, aus der Tiefe der Dunkelheit auf die geistige Höhe zu gelangen. Die Begegnung mit der Blindenliteratur ist für mich in meinem schwersten Lebensabschnitt eine Quelle der Energie geworden, die mir genügend Kraft spendete, aufzustehen und weiterzugehen.

Dankbarkeit erfüllte mich für Louis Braille, ich zolle ihm die Ehre und Hochachtung, denn er brachte mir mit seiner Erfindung die Sonne wieder und half mir, den Sinn des Lebens wiederzufinden.

(c) Sara Rietz / Pirna


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