13.9.2005, Dienstag


Sara Rietz - 2005


Niemals in meinem Leben habe ich ein Tagebuch geführt. Niemals habe ich die Ereignisse eines Tages nach den Regeln dieser Darstellung niedergeschrieben. Welch ein Versäumnis!

Mit Hilfe von Notizen eines Tagebuchs kann man das Erlebte in der Vergangenheit viel intensiver zurückholen als mit der puren Erinnerung, die nur Bruchteile vergangener Zeiten bewahrt. Der 13. 09. 05 ist sozusagen der erste Tag, den ich durch eine kurze Beschreibung nicht nur für mich festhalten möchte. Dieses Datum, was für mich schon vor Monaten ausgewählt wurde, brachte mir aus reinem Zufall ein nicht alltägliches Erlebnis mit sich. Für diesen Dienstag war nämlich eine Busfahrt für die Mitglieder des Blinden- und Sehbehinderten-Verbandes des Kreises Pirna geplant und wurde erfolgreich durchgeführt. Es war also ein Feiertag in der Reihe meiner mehr oder weniger gleich ablaufenden Wochentage, an denen ich die Wohnung nicht oder, es kommt selten vor, nur für kurze Zeit verlasse. Aus diesem Grund nahm ich mit Freude an der Fahrt teil.

Der Himmel war gnädig zu uns, die Sonne spendete angenehme Wärme, als die Fahrt in den Vormittagsstunden begann. Die Route führte von Pirna über Lohmen, Stolpen, Wassergrund, Fischdorf, Galgenberg, Hochkirch, Bautzen, Bischofswerda zurück nach Pirna. Eine schöne Route. Was heißt für mich schön? Einen bequemen Platz im Bus haben, genießen, wie der Wagen rollt, lauschen, was über die gesehene Gegend erzählt wird, und dazu meine eigenen Bilder schaffen, die ich früher selbst erblickt habe, die ich jetzt durch die Erinnerung und Phantasie auf diese Landschaft einsetze. Selbstverständlich sind meine Bilder mit der Wirklichkeit nicht identisch, dennoch schenken sie mir mit meiner Vorstellung ein bleibendes Erlebnis. Wälder, Wiesen, Ortschaften wechseln sich vor meinem geistigen Auge ab.

Der Bus fährt jetzt auf einem schmalen Weg bergan. Rechts und links sind tiefe Täler. Konzentration ist von dem Fahrer erforderlich. Während ich die Steigung fühle, meditiere ich über die Vergleichbarkeit dieser Fahrt mit dem Leben. In den jungen Jahren steigt man voller Kraft und Energie hoch, bemüht sich, die Höhe zu erklimmen. Man möchte so gern dort bleiben, aber der Wagen rollt, die Zeit vergeht.

Wir sind an unserer ersten Station am Roten Stein, im ältesten Naturschutzgebiet Sachsens, angekommen. Dort, in der Gaststätte können wir uns auch den Düften, dem Schmecken des Mittagessens und den Getränken widmen. Dabei ist es immer angenehm, unter uns, quasi unter den Gleichen zu sein. Für mich wirkt es beruhigend, wenn ich weiß, daß ich mich nicht genieren muß, wenn mir die Uhrzeit am Teller laut genannt wird, oder wenn ich "zufällig" neben das Glas greife. Unter uns zu sein bedeutet auch, daß ich bei der Unterhaltung jede Stimme der Anwesenden kenne und weiß, in welche Richtung ich mich drehen muß, wenn jemand spricht.

Außerhalb der Gaststätte oben auf dem Berg herrscht eine wohltuende Stille. Es ist wirklich ein Glück, für kurze Zeit fern von den Geräuschen der Stadt zu sein, die saubere Luft einzuatmen, während die Sonnenwärme zärtlich das Gesicht streichelt. Eine kleine Pflanze bekomme ich in die Hände, wobei mir erklärt wird, daß diese Aronstab heißt, giftig ist und hier oben unter den fast fünfhundert seltenen Pflanzenarten zu finden sei. Ich taste sie behutsam ab und stelle fest, daß sie ein schmales, nach oben stehendes Blatt hat, das eine Fortsetzung des ebenso schmalen Stils ist. Dieses Blatt schützt die Früchte, die untereinander wie kleine Perlen hängen. Aus den weißen Blüten entstehen diese orange-roten, kleinen Beeren, die in meiner Phantasie auffällig leuchten. In der Natur ist diese Pflanze wie ein kleiner Leuchtturm. So stelle ich sie mir vor. Es war für mich ein unvergeßliches Erlebnis, eine unbekannte Schöpfung mit den Händen zu sehen.

Aber die Zeit verstreicht, der Wagen rollt mit uns weiter zur nächsten Station, dem Löbauer Berg zur Turmgaststätte, in der wir uns zum Abschied mit Kaffee, Kuchen, Eis beköstigen lassen. Vor der Gaststätte steht ein gußeiserner Aussichtsturm stolz und würdevoll. Er lädt die Sehenden, die "zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt" sind, ein, um in die Höhe zu steigen und von dort in die Weite zu blicken. Ein Aufstieg wäre für mich überflüssig, aber ich stelle mir nach den erklärenden Worten ein wunderschönes Panorama mit Hügeln, Bergen, Tälern mit grünen Wäldern vor.

Dann heißt es: Einsteigen! Die Stunde der Rückkehr ist gekommen. Der Bus rollt wieder auf dem schmalen Weg zwischen Tälern und Bergen nach unten. Immer tiefer und tiefer.

Die vorher begonnenen Gedanken setze ich fort. Ja, die Landschaft ist wie das menschliche Leben, hat Höhen und Tiefen. Wenn man in der Hälfte des Menschenlebens angelangt ist, geht es im allgemeinen mit der Gesundheit langsam abwärts. Diesen einzigen Schatz, den der Mensch besitzen kann, verliert man unterwegs irgendwo.

Abwärts geht es auch mit dieser kleinen Gruppe. Nur vierzehn Personen nahmen an dieser Fahrt teil. Ein letztes Mal konnten sie ein gemeinsames Erlebnis mitnehmen, denn sie müssen aus finanziellen Gründen auf einen ähnlichen Ausflug gänzlich verzichten.

Hier schließt sich der Kreis, die erste tagebuchähnliche Skizze und die letzte, erlebnisreiche Fahrt. Traurig, wie traurig.

(c) Sara Rietz / Pirna


zurück zur Seite Sara Rietz
zurück zur Seite Vita und Werke
zurück zur Startseite

13.9.2005, Dienstag

BLAutor - Arbeitskreis blinder und sehbehinderter Autoren - www.blautor.de