Ich höre deine Stimme


Paula Grimm


Das Telefon klingelt am Samstagnachmittag. Ich nehme den Anruf entgegen und sage einfach nur meinen Nachnamen. Ich höre deine Stimme, die ich seit etwas mehr als einem halben Jahr nicht habe hören dürfen. Ich höre deine Stimme nach dieser längeren Zeit, und es ist nicht so, als hörte ich sie zum ersten Mal. Ich höre deine Stimme und erkenne sie sofort. Ich höre deine Stimme, und sie ist mir so lange vertraut, dass ich die Jahre nicht mehr an den Fingern meiner linken Hand, die von Herzen kommt, abzählen kann. Ich höre deine Stimme, und sie ist mir so vertraut, dass ich mich von der ersten Silbe deiner Worte an ihr anvertrauen kann. Ich höre deine Stimme und kann und will nicht anders als sie mir zu Herzen gehen zu lassen. Ich höre deine Stimme und finde endlich wieder einmal ein für mich neues Wort. Ich höre deine Stimme und weiß nach mehr als vier Jahrzehnten endlich, was mit dem Wort Herzensmann gemeint ist.

Ich höre deine Stimme, die tief, warm und aufgeraut genug ist, dass ihr kein falsches Wort so einfach “’rausrutscht”. Ich höre deine Stimme und fühle und weiß, dass jedes einzelne Wort und sogar jede einzelne Silbe mir gilt. Ich höre deine Stimme und höre jedes Wort so gern, dass ich selbst kaum etwas sage. Ich höre deine Stimme, die von dir erzählt und sich dabei voll und ganz für mich Zeit nimmt. Ich höre deine Stimme, die mich nicht herausfordert, selbst viel zu sagen. Ich höre deine Stimme, die sich nicht darüber beklagt, dass ich wenig sage. Ich höre deine Stimme und bin auch dankbar dafür, dass du darauf verzichtest sie für Vorwürfe darüber zu benutzen, dass ich in der letzten Zeit vollkommen zurückgezogen war. Ich höre deine Stimme und bin auch dankbar dafür, dass du mit ihr die Zeit, in der wir einander nicht hatten, so mühelos wie herzlich überbrückst.

Ich höre deine Stimme und habe sofort ein neues Ohr. Ich höre deine Stimme und habe endlich ein offenes Ohr für dich. Ich höre deine Stimme und habe ein neues Herz. Ich höre deine Stimme und habe endlich sofort ein offenes Herz für dich. Ich höre deine Stimme, mit der du zeigst, wie sehr du dich über mein neues, offenes Ohr und mein neues, offenes Herz freust. Ich höre deine Stimme und bekomme zu hören und zu fühlen, wie sehr du dich bei unserem Gespräch entspannst und stärkst. Ich höre deine Stimme, wie sie sich schließlich schweren Herzens von mir verabschieden muss. Und dann höre ich deine Stimme nicht mehr. Das Telefon bleibt still. Und ich höre in der Stille eine Stimme. Ich höre eine Stimme, die mit dem Klang desjenigen Menschen fragt, der meiner unbedingt habhaft werden will, was ich nun wirklich anfangen kann mit meinem neuen, offenen Ohr, meinem neuen, offenen Herzen, mit dir, mir und uns.

(c) Paula Grimm / Kerken


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