"Literarisches Intermezzo"


Matthias Schulz


Stephan Kröger saß rauchend auf einer Bank und beobachtete die Möwen, die über das ruhige Wasser glitten. Sein neuer Auftrag führte ihn an die Ostsee, die er seit seiner Jugend nicht mehr gesehen hatte.
Sein Handy vibrierte und Kröger las stirnrunzelnd die Rufnummer seiner Mandantin. Er nahm das Gespräch entgegen und erkannte sofort die schrille Stimme.
Sie war mit ihrem jungen Gigolo vor drei Tagen in seiner Detektei aufgekreuzt und hatte ihn beauftragt, die mysteriösen Einbrüche in ihrem Sommerhaus aufzuklären.
Schmunzelnd dachte Kröger daran, wie ihr die Empörung im Gesicht stand, als er ihr sagte, sie aus ihrer Fernsehseifenoper nicht zu kennen.
Schnippisch teilte sie ihm nun mit, ein gewisser Brodersen werde ihn abholen und ihm alles Nötige zeigen. Und im Übrigen erwarte sie einen täglichen Bericht!
Kröger legte auf und setzte sich seinen breitkrempigen Hut auf das graumelierte wellige Haar.
Die Maisonne stand tief über der Ostsee und in der Ferne sah er ein kleineres Schiff kommen.
Kröger war Ende 40, mittelgroß und hatte ein kantiges, von der Sonne gebräuntes Gesicht.
Die Fähre näherte sich dem Kai, legte an und eine Gangway wurde herüber geschoben.
Es waren nur wenige Passagiere, die die abendliche Überfahrt zur Insel Hiddensee nutzten. Er nahm seine Tasche und ging an Bord. Nachdem er ein kleines Abendessen zu sich genommen hatte, stieg er die steile Treppe zum Deck hinauf, zündete sich eine Zigarette an und sah auf die See. Das Meer glich einem grünlich wogenden Teppich, mit kleinen spitzen Wellen und Schaumtupfen auf den Kämmen. Er ging bis zum Bug und stellte sich an die Reling. Im Osten konnte Kröger die Insel Rügen erkennen. Er dachte an seinen Auftrag. Die seltsamen Einbrüche im Sommerhaus seiner Mandantin gaben ihm Rätsel auf. Es gab Verwüstung, aber nie fehlte irgend etwas.
Das Schiff fuhr der Abendsonne entgegen und ein grüner Küstenstreifen wurde sichtbar. Ruhiges Wasser umspielte eine vorgelagerte Landzunge. Einige Seevögel erhoben sich schreiend in die Lüfte .Die Fähre steuerte die Küste entlang. Nur wenig später erreichte sie eine kleine Hafeneinfahrt. Am Oberdeck war es leer geworden. Nur eine junge Frau mit einem imposanten Schäferhund stand noch an der Brücke und schaute auf den Bodden. Kröger ging einige Schritte auf sie zu und blieb abrupt stehen, als sich ihm der große schwarzbraune Hund in den Weg stellte.
Er spitzte die Ohren und schaute Kröger erwartungsvoll entgegen.
Die Frau hatte sich ihm zugewandt und Kröger fragte:
“Können Sie mir sagen, ob ich hier heut Abend noch ein Taxi bekommen kann?”
Sie lächelte, jedoch ihre Augen trafen nicht Krögers fragenden Blick.
Erst jetzt sah er die Kennzeichnung des Hundes und begriff, dass die junge Frau blind war.
“Ein Taxi im herkömmlichen Sinne werden Sie auf der Insel nicht finden,
es gibt fast keine Autos.”
Er nickte und erinnerte sich, davon gehört zu haben.
Kröger stellte sich ihr vor und bot an, ihr beim von Bord gehen zu helfen.
Sie dankte lächelnd und wies auf ihren vierbeinigen Freund. Die Fähre machte längsseits fest und die Passagiere gingen an Land. Er nahm seine Tasche und folgte der Frau ans Ufer. Ein kleiner hagerer Mann mit einem markanten Backenbart lief auf sie zu und drückte Frau und Hund gleichermaßen. Dann sah er zu Kröger und kam auf ihn zu.
“Mein Name ist Brodersen und wenn ich nicht irre, sind Sie die Landratte, die ich hier abholen soll.” Kröger schmunzelte und folgte dem Alten zu einem Planwagen. Zwei glänzend braune Pferde standen gelangweilt davor. Ein rotblonder Bursche griff sich das Gepäck und verstaute es auf dem Fuhrwerk. Dann kletterte er auf den Kutschbock zu dem Alten, der dort schon saß. Kröger half der jungen Frau hinauf und setzte sich neben sie.
Brodersen grinste.
“Das ist Ronny, er möchte gern Autohändler auf dem Festland werden! Und bis es soweit ist, hilft er mir beim Fischen.” Mürrisch wandte Ronny sich ab und löste die Bremsen des Kremsers. Brodersen nahm die Zügel, schnalzte mit der Zunge und die Pferde setzten sich in Bewegung. Zügig ging es durch den kleinen Ort. Der Wagen schaukelte und das Kopfsteinpflaster knirschte unter den Rädern. Dann wurde das Land flacher und der Wagen rollte auf eine schmale Straße.
Kröger wandte sich an die junge Frau.
“Möchten Sie Ihren Urlaub auf der Insel verbringen?”
Sie lächelte.
“Ich bin hier geboren. Übrigens, mein Name ist Charlott. Seit längerer Zeit lebe ich in Köln, aber so oft es geht, komme ich immer gern hierher zurück.”
Der Alte räusperte sich und murmelte vor sich hin.
“Ja, natürlich ist auch noch mein Großvater und allerliebster Brummbär ein Grund, weshalb ich so gern hierher komme.”
Ausgedehnte Wiesen, nur gelegentlich von üppigen Sträuchern unterbrochen, ließen Krögers Blick in die Ferne wandern. Der Wagen bog auf einen Sandweg ab und kurz darauf erreichten sie eine Reihe kleiner Ferienhäuser. Brodersen brachte die Pferde zum Stehen und wies auf ein größeres Fischerhaus.
Stephan Kröger sprang vom Fuhrwerk, nahm seine Tasche und verabschiedete sich.
“Morgen früh 9.00 Uhr komme ich Sie abholen!” knurrte der Alte.
Der Kremser setzte sich in Bewegung und verschwand hinter einer Biegung.
Eine Frau mittleren Alters kam ihm entgegen. Sie begrüßte ihn und wies auf einen kleinen Bungalow. Gemeinsam gingen sie über einen begrünten Innenhof und die Wirtin gab ihm zu verstehen, dass es keineswegs üblich war, so kurzfristig noch ein Quartier zu bekommen.
Das Zimmer, was sie ihm zeigte, war geräumig, mit einem kleinen Bad und auch ein Internetanschluss war vorhanden.
Als er am nächsten Morgen erwachte, wurde die Stille nur von gelegentlichem Vogelgezwitscher unterbrochen. Kröger sah auf die Uhr und stellte fest, dass ihm noch eine Stunde blieb. Der Tag ließ sich gut an und ein strahlend blauer Himmel bot einen herrlichen Kontrast zum satten Grün der Wiesen. Pünktlich zur verabredeten Zeit wartete Brodersen mit zwei Fahrrädern am Straßenrand.
Nach knapper Begrüßung schob er Kröger eines zu.
“So ´n Drahtesel wird Ihnen doch wohl nicht fremd sein?” Er grinste und schwang sich in den Sattel.
Der Alte trat tüchtig in die Pedale und Kröger hatte Mühe, den Anschluss zu halten. Die Straße wurde zu einem Weg und die Räder gruben sich tief in den trockenen Sand.
Kleine, mit Reet gedeckte Häuser säumten den Pfad und lautes Froschquaken drang aus dem nahegelegenen Schilf. Schließlich hielt Brodersen an einem recht ungewöhnlichen Haus. Es war nahezu rund und offensichtlich mehr als hundert Jahre alt. Der Alte bemerkte Krögers bewundernden Blick und begann zu erzählen. “Hier auf der Insel nennt man es nur “Das Karussell”. Es ist eines der schönsten Häuser in der Gegend und stand bis vor einigen Jahren lange leer. Schließlich kaufte Miss Tilly, die ja jetzt Ihre Mandantin geworden ist, dieses Anwesen.” Sie betraten das Haus durch eine Seitentür. Muffige Luft erfüllte den Raum. Die Dielen knarrten unter Krögers Stiefel. Während er sich umsah, fühlte er sich nahezu in die zwanziger Jahre versetzt. Das Mobiliar sah nicht besonders wertvoll aus. Es erschien ihm recht alt und abgewohnt. Kröger musste niesen und blies eine Staubwolke vor sich her.
“Miss Tilly war wohl längere Zeit nicht hier?”
Brodersen verdrehte die Augen und schniefte abwertend.
“Sie hat das Haus vor 5 Jahren erworben, aber ich denke, dass sie nicht öfter als zwei Mal hier war! Schließlich ging es ihr wohl nur darum, ein Haus in der “Künstlerkolonie” zu besitzen.”
Krögers Blick fiel auf eine Reihe alter Fotografien. Eine junge Frau mit beeindruckend schönen Augen und ein älterer verschmitzt schauender Mann weckten sein Interesse. Der Alte bemerkte es.
“Das ist die frühere Hausherrin Asta Nielsen und ihr langjähriger Freund Joachim Ringelnatz. Damals gaben sich hier Schauspieler, Schriftsteller und Maler die Klinke in die Hand.”
Stolz erzählte er von den “Goldenen Zwanzigern” und dem Aufbau der Künstlerkolonie. Kröger kannte nur wenige Namen und doch spürte er den vergangenen Glanz in diesem Haus.
Nun widmete er sich seinem Auftrag und betrachtete ratlos die aufgerissenen Schranktüren und zerwühlten Schubladen.
Der Alte wies auf die Unordnung und sagte: “Wir waren der Meinung, dass wir am besten alles so belassen. Ein Schnüffler wie Sie könnte sich vielleicht einen Reim drauf machen.”
Brodersen drückte ihm ein Schlüsselbund in die Hand und verabschiedete sich.
“Wenn noch was ist, hier kennt mich jeder!”
Nachdem der Alte das Haus verlassen hatte, begann er durch sämtliche Räume zu gehen. Er sah sich die Türschlösser, Fensterriegel und Verglasungen an. Die Einbruchsschäden waren bereits beseitigt worden. Draußen im kleinen Garten war alles recht ursprünglich geblieben. Das hohe Gras und die üppigen Sträucher gaben keine Spur mehr preis. Er setzte sich auf einen verwitterten Gartenstuhl, griff nach einer Zigarette und dachte angestrengt nach. Was wird hier gesucht, wenn den Eindringling nicht einmal die alten Möbel interessieren?
Nachdem er das Haus gesichert hatte, stieg er auf das Rad und fuhr den Weg zurück. Stürmischer Wind kam auf und heftiger Regen prasselte ihm ins Gesicht. Unglaublich, wie schnell das Wetter auf der Insel umschlägt, dachte er und erhöhte das Tempo. Schließlich musste er absteigen und seinen Weg zu Fuß fortsetzen. Unweit konnte er ein helles Haus mit vorgesetzter Veranda erkennen. Erleichtert las er den Schriftzug “Gartenlokal” und betrat tropfend den Gastraum. Bis auf den Stammtisch, an dem drei junge Burschen saßen, war alles leer. Sie lachten, als sie Kröger triefend in der Tür stehen sahen. Kröger erkannte Ronny und nickte ihm zu. Eine stramme Kellnerin kam mit einem Handtuch. Kröger nahm es dankend und trocknete sich Gesicht und Arme. Dann legte er es über die Stuhllehne, setzte sich und griff nach der Speisekarte. Er wählte ein Fischgericht. Dann zog er den aufgeweichten Notizblock aus der Tasche und betrachtete seine Aufzeichnungen.
Es muss irgend etwas besonders Wertvolles sein, überlegte er, höchstwahrscheinlich sogar in einem Versteck!
Nachdem er gegessen hatte, beeilte er sich zu bezahlen und machte sich auf den Weg. Er erreichte seine Unterkunft, wechselte seine Kleidung und setzte sich vor den Computer.
Was er im Netz fand, bestätigte Brodersens Erzählung. Das “Karussell” war in der damaligen Zeit ein Treffpunkt vieler Künstler. Die hübsche Dänin liebte es, hier mit ihren Freunden die Sommerzeit zu verbringen. Aber was kam danach, fragte sich Kröger. Im Internet konnte er nichts dazu finden. Gegen Abend klopfte es an der Tür. Bevor er öffnen konnte, steckte Brodersen seinen Kopf herein.
“Sie haben sich ja schon gut eingelebt. Meine Angetraute meint, dass Sie vielleicht mit uns zu Abend essen möchten?”
Kröger dankte und ließ sich den Weg beschreiben.
Das Fischerhaus machte einen gemütlichen und doch geräumigen Eindruck. Frau Brodersen deckte den Tisch und die beiden Männer nahmen Platz.
“Gestern Abend ging mir ein kapitaler Bursche ins Netz. Nun sollen Sie mal erleben, wie hier zu Lande ein Boddenzander schmeckt.”
Er schnalzte mit der Zunge und fuhr sich mit der Hand übers rote Gesicht. Seine Enkelin Charlott erschien mit einer Schüssel Kartoffeln. Kröger freute sich, die junge Frau wiederzusehen und half ihr, die Schüssel vorsichtig auf der karierten Tischdecke abzustellen. Der Alte zwinkerte Kröger zu und fragte: “Nun, zappelt Ihr Fisch schon am Haken?”
Kröger musste zugeben, dass er noch nicht weitergekommen war.
“Was wurde aus dem Haus, nachdem Asta Nielsen es verlassen hatte?”
Brodersen dachte nach und sprach: “Ich war noch Kind und dennoch erinnere ich mich, einmal mit unserem Lehrer das “Karussell” besucht zu haben. Die Nazis hatten dort eine Schreibwerkstatt eingerichtet, um junge linientreue Menschen für ihre Zwecke zu benutzen.”
Das Essen schmeckte hervorragend und Kröger dankte für die gute Bewirtung. Er wandte sich zur Tür und fand den Schäferhund neben sich.
“Du möchtest wohl mitkommen?” lachte Kröger und streichelte dem Hund den Hals.
Die junge Frau nahm die Leine und befestigte sie am Halsband.
“Sam weiß nur zu gut, wann es Zeit ist!”
“Darf ich Sie ein Stück begleiten?” fragte Kröger
Sie willigte ein und schlug einen Weg zum Dornbusch vor. Es war ihm recht, denn er hatte noch nicht viel von der Insel gesehen. Kleine struppige Bäume wechselten mit blühenden Sträuchern und moosartigen Flechten. Ein schmaler Pfad führte bergan. Sie erreichten den Leuchtturm. Sie forderte ihn auf, hinauf zu steigen und einen Blick über die Insel zu werfen. Inzwischen wartete sie und ließ Sam von der Leine. Der Ausblick war grandios. Von hier konnte er die gesamte Insel überschauen. Die kleinen Ortschaften waren bunte Flecken im sonst so grünen Land. Begeistert vom schönen Rundblick stieg er die Wendeltreppe hinab. Tobend kam Sam auf ihn zu. “Danke, das war eine gute Idee!” Betroffen dachte er, dass sie wahrscheinlich niemals selbst diesen Ausblick genießen konnte.
“Wenn Sie mögen, können wir gern noch einen Abstecher ans Wasser machen.”
Eine steile Steintreppe führte auf den Strand hinab. Die Stufen waren in den Fels gehauen und ein Geländer sicherte den Abstieg. Die Ostsee war hier rau und stürmisch. Der kräftige Wind wehte ihm den Hut vom Kopf. Sie lachten und Charlott schlug vor, nach Bernstein zu suchen. Sam bellte aufgeregt und lief auf die beiden Schatzsucher zu. Sie erkannte das alarmierende Verhalten ihres Hundes und lief erschrocken mit Kröger Sam hinterher. Mehrere Felsbrocken rollten den steilen Hang hinab und stürzten ins Meer. Kröger hatte Charlott´s Hand ergriffen und zog sie seitlich mit sich fort. Er pfiff durch die Zähne. “Das war knapp!”
“Passiert so etwas hier häufiger?” Charlott schluckte und schüttelte den Kopf. Auf dem Heimweg musste er ihr versprechen, nichts ihren Großeltern zu erzählen. Trockenen Fußes erreichte Kröger sein Quartier. Er gönnte sich noch ein Bier, bevor er zu Bett ging. In der Nacht wurde er durch Schritte auf der Veranda geweckt. Irgend jemand machte sich an seinem Fenster zu schaffen. Es war angekippt. Bevor der Bursche richtig drin war, hätte ich ihn schon am Kragen gepackt, dachte er. Aber nichts geschah. Kröger lauschte in die Dunkelheit. Moment, da war doch was! Ein zischendes Etwas bewegte sich auf sein Bett zu.
Er war jetzt hellwach und erkannte die Gefahr. Die Nächte waren noch empfindlich kühl. Die Schlange würde nicht schnell genug sein, um ihn zu beißen. Er warf seine Decke über das Tier und schaltete das Licht an. Er griff das Reptil kurz hinterm Kopf und steckte es in eine Sporttasche. Kröger musste sich setzen und heftig klopfte es in seinen Schläfen.
Da möchte mich wohl jemand los werden, dachte er und griff nach einer Zigarette.
Am späten Vormittag zog er Regenkutte und Stiefel an, nahm die Tasche und machte sich auf den Weg zum Karussell. Er ging zum Dornbusch hinauf und ließ die Schlange in einem Wäldchen frei. Sie verschwand sofort im Unterholz. Kröger verließ die Anhöhe und wanderte in die Heide hinein. Aber wie schon Tags zuvor schlug das Wetter um und heftige Sturmböen kamen auf. Er schloss die Kutte und zog die Kapuze über den Kopf. Unterwegs traf er Brodersen mit seinem Fuhrwerk. Der Alte bot ihm an, ihn ein Stück mitzunehmen.
“Wenn man Sie so laufen sieht, könnte man glauben, der alte Gerhard Hauptmann wäre wieder unter uns!”
Kröger winkte dankend ab und setzte seinen Weg fort. Er erreichte das rundliche Haus. Nichts deutete auf nächtlichen Besuch. Er zog die Stiefel aus und ging durchs Haus. Suchend betrachtete er Wände, Möbel und Böden. Es klopfte an der Eingangstür. Er öffnete und wurde freudig von Sam begrüßt. Charlott hatte Kröger ein altes Fotoalbum mitgebracht.
“Meine Großmutter hat noch einige Bilder gefunden. Vielleicht helfen sie Ihnen weiter?” Er dankte und lud Charlott ein, mit ihm durch das Haus zu gehen. Sie durchschritt konzentriert alle Zimmer und Kröger staunte nicht schlecht, als sie sich bückte, um die Dielung abzuklopfen. Kröger trat heran und nahm den kleinen Teppich beiseite.
Hier könnte ein Versteck sein, dachte er.
Er hatte ein Messer dabei und hob damit eines der Dielenbretter an. Ein kleiner Hohlraum wurde sichtbar. Kröger griff hinein und zog einige vergilbte Papiere hervor. Er las und runzelte die Stirn. “Ist alles nur alter Nazidreck! Nichts, wofür es sich lohnt, hier einzubrechen!”
Enttäuscht schloss er das Versteck und steckte die Papiere ein. Kurz darauf spazierte er mit Charlott zum Haus der Großeltern zurück.
Auch sie konnten sich keinen Reim darauf machen.
Das Telefon klingelte und Brodersen nahm den Hörer ab. Die aufgeregte Stimme von Krögers Zimmerwirtin überschlug sich fast, so dass der Alte den Hörer vom Ohr weg halten musste. Er nickte kurz, legte auf, griff nach Krögers Arm und zog ihn mit sich fort.
“Wollen doch mal schauen, welch Vöglein unserer Anna ins Netz geraten ist!”
Sie kamen an das kleine Ferienhaus und hörten deutlich Fäuste an das Holz trommeln. Stolz erzählte die Wirtin von den seltsamen Geräuschen, die sie in der Wohnung vernommen hatte. Nachdem sie gerufen hatte und von drinnen keine Antwort kam, sicherte sie Tür und Fenster. Kröger trat heran, entriegelte und öffnete die Eingangstür. Ein hochroter Ronny stürmte heraus. Kröger hielt ihn an der Schulter fest. Der Junge verzog schmerzhaft das Gesicht.
“Bleib stehen!” Kröger griff in seine Jackentasche und zog die alten Papiere hervor. “Ist es das, was du suchst?” Ronny riss die Augen auf. Stockend begann er von seinem Auftraggeber zu sprechen. Den Namen “Gunther Baum” hatte Kröger schon einmal gehört. War er nicht kürzlich mit dem “Georg - Büchner - Preis” ausgezeichnet worden? Kröger schob den Jungen zu Brodersen, der ihn grimmig in Empfang nahm. Dann blätterte er in den Papieren und fand tatsächlich den Namen des heute so bekannten Schriftstellers. Ein Foto zeigte ihn in Uniform unter einer Hakenkreuzfahne.
Nun verstand Kröger.

(c) Matthias Schulz / Lübben


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