Im Netz


Matthias Schulz


Es waren nur wenige Leute in der ruhigen Anliegerstraße unterwegs. Die gepflegten Vorgärten mit ihren begrünten Auffahrten zeugten von Wohlstand. Die Größe der Wohnhäuser ließ sich nur erahnen. Kinderlachen hallte herüber. Sarah saß vor ihrer Staffelei und sah lächelnd zu ihren beiden Jungs. Oscar und Willi waren vier und fünf Jahre alt. Unbeschwert tobten sie durch den Garten. Es war doch ein großes Glück, zwei gesunde Kinder zu haben, dachte sie bei sich. Ihr Blick fiel auf die Leinwand. Ein dunkler Schatten hatte sich plötzlich darüber gelegt. Erschrocken sah sie auf und blickte in das schmale Gesicht ihres Mannes. Max lächelte spöttisch und zog sich einen Gartenstuhl heran. Die Kinder winkten ihnen und setzten ihr Spiel fort. "Am Nachmittag möchte sich das Kindermädchen vorstellen. Ich erwarte von dir, dass du anwesend bist!" Etwas Bedrohliches lag in seiner Stimme. Sarah wagte nicht zu widersprechen. Max war groß und schlank, das Gesicht fein geschnitten. Der scharfe Blick aus seinen kleinen kalten Augen schien sie zu durchbohren. Sarahs Hand zitterte, als sie wieder zum Pinsel griff. Max wandte sich ab und ging in sein Arbeitszimmer. Er hatte in den letzten Jahren Karriere gemacht und wartete als jüngster Stadtrat auf die Kandidatur zum Bürgermeisteramt. Zur verabredeten Zeit traf Ilona, das neue Kindermädchen, ein. Sie war nicht mehr ganz jung. Das blonde Haar trug sie zurückgesteckt, und mit freundlichen grauen Augen betrachtete sie das Ehepaar. Selbstsicher übernahm Max das Reden. Sarah hatte Mühe, dem Gespräch zu folgen. Entschuldigend stellte er sich neben seine Frau, legte ihr sacht den Arm um die Schulter und erklärte Ilona, dass Sarah gesundheitlich nicht in der Lage sei, Haushalt und Kinder zu versorgen. Sie kamen überein, dass Ilona in der kommenden Woche ihre Arbeit aufnehmen werde. Übertrieben galant geleitete Max sie hinaus.
Nachdem Sarah die Kinder ins Bett gebracht hatte, ging sie in ihr Schlafzimmer und entkleidete sich. Nachdenklich betrat sie das Bad und betrachtete sich im großen Spiegel über dem Waschbecken. Das kurze blonde Haar hatte jeden Glanz verloren. Die tiefliegenden Augen wirkten matt und traurig. Ihre helle Haut wies immer mehr Flecken auf.
Sie fragte sich, wo die attraktive, lebenslustige Frau von einst geblieben war. Max trat ein und betrachtete Sarah geringschätzig. Mit den Armen versuchte sie, ihre Brüste zu bedecken.
"Verdammte Schlampe" zischte er ihr zu. Unverhofft schlug er ihr die Faust in den Bauch. Sie krümmte sich vor Schmerz und Tränen traten ihr in die Augen. Max grinste diabolisch. Mit Schrecken sah sie das Hervortreten der Beule in der Hose ihres Mannes.
Sarah war erleichtert, als er kurz darauf das Bad verließ.
Die Nacht brachte nur wenig Schlaf. Das Gefühl der Ausweglosigkeit nahm ihr jede Hoffnung. Das Schlimmste war jedoch, dass sie glaubte, an allem selbst die Schuld zu tragen. Sarah schlief unruhig. Schlimme Träume begleiteten sie durch die Nacht.
Am Morgen saß sie mit ihrer Familie am Frühstückstisch. Aufgesetzt freundlich reichte ihr Max das Saftglas. Sie zögerte und wollte schon ablehnen. Da drückte ihr Max energisch das Glas in die Hand. "Doktor Stein hat dir das Stärkungsmittel sehr empfohlen!" Sarah protestierte. "Ich habe nicht den Eindruck, dass es mir hilft."
Ernst schaute ihr der kleine Oscar ins Gesicht. "Mama, aber eine Medizin muss ja auch nicht immer schmecken!" Sarah lächelte ihrem Großen zu und trank das Glas in einem Zug aus. Max senkte zufrieden den Blick und griff nach einem weiteren Toast.
Kauend gab er den Kindern zu verstehen, dass sie fertig werden sollten. Bevor er ins Büro fuhr, wollte er die Jungs in der Kindertagesstätte absetzen.
Sarah blieb allein im Haus zurück. Wie jeden Morgen versuchte sie so gut es ging den Haushalt zu richten. Die Arbeit fiel ihr wirklich schwer. Nach der kleinsten Anstrengung musste sie sich ausruhen. Dazu kam die Angst, die ihr jegliche Lebensfreude nahm. Vor kurzem hatte ihr Max untersagt, mit den Kindern zu spielen. Wie gern würde sie mit ihnen in den Kletterwald oder einfach nur ins Schwimmbad gehen.
Max wollte am kommenden Wochenende mit den beiden zu seinen Eltern fahren. Er hatte ihr kurz und knapp erklärt, dass für sie die lange Fahrt zu anstrengend wäre. Außerdem hätte er keine Lust, sich andauernd um sie kümmern zu müssen. So würde sie die Tage allein sein. Manchmal fragte sie sich, wie sich ihr Mann so verändern konnte. Aber war sie nicht selbst Schuld an dieser Situation? Sie durfte jetzt nicht aufgeben! Oscar und Willi brauchten sie noch! Am Abend belud Max das Auto und machte sich mit den Kindern auf den Weg. Sarah stand traurig am Zaun und winkte ihnen nach. Dann ging sie ins Haus und schaltete den Fernseher ein. Sie nahm sich ein Glas Rotwein und setzte sich in einen Sessel. Es wurde spät und vergeblich wartete sie auf einen Anruf. Selbst ihre Freundin Mona hatte sich schon mehrere Wochen nicht gemeldet. Sarah wählte ihre Nummer. Wieder nur der Anrufbeantworter.
Waren sie überhaupt noch Freundinnen? Seit dem Skiurlaub war alles anders. Mona hatte sich immer mehr zurückgezogen. Sarah hatte keine Ahnung, wie sie ihre Freundin zurückgewinnen konnte. Wäre sie nur nicht mit nach Kitzbühel gefahren; das Mädelswochenende war Monas Idee. Das Schicksal hatte zugeschlagen und ihr ganzes Leben verändert.
Nachdenklich schritt sie durch das hell erleuchtete Wohnzimmer und blieb vor der Terrassentür stehen. Draußen richtete sich eine dunkle Gestalt auf und sah ihr in die ängstlichen Augen. Erschrocken taumelte sie zurück und tastete nach dem Lichtschalter. In der sich nun ausbreitenden Dunkelheit fühlte sie sich etwas sicherer. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie hockte am Boden und ließ die schimmernde Glastür nicht aus den Augen. Nichts geschah. Spielte ihr ihre Phantasie einen Streich? Konnte es sein, dass sie sich die Gestalt nur eingebildet hatte? Langsam ging sie auf das Fenster zu. Der Mondschein gab ihr ein wenig Licht, um in den Garten hinauszuschauen. Alles schien an seinem Platz zu sein. Unter dem Gartentisch standen noch immer die beiden Spielzeugautos ihrer Kinder. Sarah überlegte kurz, prüfte dann die Fensterriegel und Türschlösser und legte sich angekleidet auf die Couch. Sie erwachte erst am Vormittag. Die Erschöpfung hatte ihren Tribut gefordert.
Es klingelte an der Eingangstür. Vorsichtig öffnete sie. Ilonas freundliche Augen trafen ihren fragenden Blick. "Ich war gerade in der Nähe und dachte, ich könnte bei der Gelegenheit meine Papiere bei Ihnen abgeben." Lächelnd reichte ihr Ilona ein großes Kuvert. Sarah nahm es entgegen und legte es auf die Hutablage der Garderobe. Dabei rutschte ihr das zerknitterte Shirt über den Bauch. Sarah bemerkte Ilonas entsetzten Blick. Schweigend sahen sich die beiden Frauen fest in die Augen.
"War er das?"
Sarahs Gesicht verlor jegliche Fassung. Sie griff nach der Türklinke. Behutsam legte Ilona ihre kräftige Hand darauf. Sarah stotterte. "Danke für die Unterlagen. Jetzt muss ich aber sehen, dass ich meine Hausarbeit schaffe. Ich brauche doch so lange für alles!"
Ilona schlug vor, ihr dabei zu helfen. Dankbar willigte Sarah ein.
Seltsam, die Gegenwart dieser doch eigentlich fremden Frau wirkte beruhigend auf sie. Schnell war alles Nötige erledigt. Ilona überraschte sie mit einer Einladung zum Mittagessen. Ihr Bruder hätte ganz bestimmt nichts dagegen, wenn sie einen so netten Gast mitbringen würde. Sarah willigte ein. Sie zog sich um und gemeinsam stiegen sie in Ilonas alten Twingo. Plaudernd erzählte Ilona von ihrem jüngeren Bruder. Stephan wäre ein Weltenbummler und erst seit zwei Monaten wieder in der Stadt. "Er mag ja ein wenig unkonventionell sein, hat aber das Herz am rechten Fleck. Übrigens ist er ein hervorragender Koch!"
Vor einem kleinen Siedlungshaus hielt sie den Wagen an. "Hier sind wir aufgewachsen und fühlen uns auch heute noch zu Hause." Sie stiegen aus und betraten einen kleinen gepflegten Vorgarten. Er war voller blühender Sträucher und duftender Blumen. Über eine hölzerne Veranda gingen sie ins Haus. Aus der Küche hörten sie die fröhliche Stimme des Bruders. "Schwesterchen, du warst aber auch schon mal pünktlicher." Dabei steckte er den Kopf zur Tür hinaus. Überrascht trocknete er sich die Hände am Geschirrtuch. Peinlich berührt blickte er auf die Schürze, die er sich um die Hüften gebunden hatte. Lachend gab Ilona ihrem Bruder einen Kuss auf die Wange. "Ich habe so mit deinen Kochkünsten geprahlt. Da konnte ich nicht anders als Sarah mitzubringen." Stephan grinste und gab Sarah die noch feuchte Hand. "Herzlich Willkommen, ich bin Stephan, der kleine Bruder dieser großartigen Frau." Dieselben warmen grauen Augen, dachte Sarah. Ein wenig zu lang hatte er ihre Hand gehalten.
"Lasst uns in die gute Stube gehen!" forderte Ilona sie auf.
In Gegenwart der Beiden fühlte sich Sarah wohl.
Das Wohnzimmer war zweckmäßig und gemütlich eingerichtet. Vieles stammte sicherlich noch von den Eltern. Flink deckte Ilona den Tisch. Stephan brachte eine große Schüssel mit dampfenden Nudeln herein. Dann entkorkte er eine Flasche trockenen Rotwein und füllte die Gläser. "Ein halbes Glas genügt", bremste Sarah ihn aus. Erneut trafen sich ihre Blicke und leichte Röte stieg ihr in die Wangen. Sein Gesicht war nicht besonders schön. Und doch konnte ihr dieser sinnliche Mund gefallen. Aber hatte sie überhaupt das Recht, über so etwas nachzudenken? Das Essen war hervorragend. Zum Nachtisch servierte Ilona ein Tiramisu. Anschließend gingen sie hinaus auf die Terrasse. Duftende Kletterrosen wuchsen ein Spalier empor.
Stephan hatte sich eine Zigarette angezündet und inhalierte den Rauch genussvoll. Augenzwinkernd verließ er die beiden Frauen und ging ins Haus zurück.
"Es ist schön bei Euch", begann Sarah. Zwanglos waren sie zum vertrauten Du übergegangen. Ilona legte ihre Hand auf Sarahs Arm. "Erzähl mir bitte von den Kindern." Sarahs Augen leuchteten vor Begeisterung. Stolz, mit viel Gefühl berichtete sie von Oscar und Willi. "Wenn uns nur mehr Zeit bliebe", schloss sie resignierend.
Tränen traten ihr in die Augen und Ilona nahm sie still in den Arm. "Warum behandelt dich dein Mann so schlecht?" Sarah seufzte. "Weil ich fürchterlich Dummes getan habe! Es war seit langer Zeit der erste Skiurlaub, den ich allein mit meiner Freundin Mona verleben wollte. Anfangs war auch alles recht schön. Bis zu jenem Abend." Sarah atmete tief durch, bevor sie weiter sprach. "Ich weiß bis heute nicht, was an diesem Abend mit mir los war. Besonders viel hatte ich nicht getrunken. Als ich wieder zu mir kam, lag ich im Bett eines mir völlig fremden Mannes. Entsetzt sprang ich auf und suchte meine im Zimmer verstreute Kleidung. Dabei sah ich das benutzte Spritzenbesteck auf der Kommode liegen. Benommen stand ich im Raum und versuchte meine Gedanken zu ordnen. Die Erkenntnis, dass ich mit dem "Junky" geschlafen hatte, versetzte mich in eine Art Schockzustand. So nach und nach wich der Druck aus meinem Kopf und Angst machte sich in mir breit. Panisch rannte ich aus dem Hotelzimmer und Mona direkt in die Arme. Mir blieb nichts weiter übrig, als ihr alles zu erzählen."
"Wie hat sie reagiert?" wollte Ilona wissen. "Sie überzeugte mich davon, Max die Wahrheit zu sagen. Er würde es verstehen und mir verzeihen."
"Und, hat er es verstanden?" fragte Ilona.
"Max war schockiert und besorgte mir umgehend einen Termin bei einem Facharzt. Doktor Stein, ein Schulfreund meines Mannes, untersuchte mich und führte einige Tests durch." Einen Moment lang schwieg Sarah, senkte den Blick und begann erneut zu sprechen. "Eine Welt brach für mich zusammen, als ich erfuhr, dass ich HIV-positiv sein sollte. Mein Mann war außer sich und bestand auf absoluter Geheimhaltung."
"Also warst du nie bei einem anderen Arzt?" wandte Ilona ein. Sarah schüttelte den Kopf und sah zu Boden. Als sie zu sprechen fortfuhr, hatte ihre Stimme einen heiseren Klang. "Max gab mir die Schuld und bemühte sich, nichts nach außen dringen zu lassen. Ein solcher Skandal würde seiner Karriere deutlich hinderlich sein. Insgeheim betrachtete er mich als Schande. Er erniedrigte mich, so oft es ihm gefiel. Es blieb mir nur, mein Schicksal anzunehmen und mich so lange wie möglich um die Kinder zu kümmern."
Erneut legte Ilona ihren Arm um Sarahs Schulter. "Lass uns noch gemeinsam einen Kaffee trinken", schlug sie vor. Stephan hatte alles vorbereitet und deckte einen kleinen Tisch. Sie setzten sich und sahen einander verstehend an.
"Ich glaube dir, Sarah", begann Ilona. "Aber ich habe so ein Gefühl, als ob irgend etwas seltsam ist. Ich denke, es gibt da ein paar Dinge, denen du vielleicht auf den Grund gehen solltest." Erstaunt sah ihr Sarah ins Gesicht. "Hierbei könnte dich mein Bruder beraten! Stephan ist privater Ermittler. - Du würdest dich doch sicher freuen, wenn du Sarah helfen könntest?" Erstaunt zog Stephan die Augenbrauen nach oben. "Wo brennt es denn?"
Sarah nickte Ilona zu. Knapp schilderte Ilona das soeben Erzählte. Er notierte gewissenhaft Fakten und Zeiten. Schließlich hob er den Blick und sah Sarah fest in die Augen. "Na dann pack ich schon mal meine Sachen." Dankbar gab Sarah ihm die Hand. Dann verließ er die beiden Frauen. Sie war froh, kein Mitleid in seinen Augen erkannt zu haben. "Du kannst dich auf Stephan verlassen. Wenn da etwas nicht stimmt, wird er es herausfinden!" Ein wenig Hoffnung machte sich in ihrem Herzen breit. Er würde vorerst nach Kitzbühel fahren. Dort würde er versuchen, mehr über den mysteriösen Abend zu erfahren. Sarah willigte ein und Ilona brachte sie bald darauf nach Haus. Am Gartentor verabschiedeten sie sich. "Eines noch, Ilona, Max ist sehr misstrauisch. Wenn er sieht, wie vertraut wir miteinander sind, wird er argwöhnisch werden." Ilona lächelte verschmitzt. "Er wird nichts bemerken!"
Am Sonntagabend traf Max mit den Kindern ein. Freudig liefen Oscar und Willi auf sie zu. Liebevoll umarmte sie die Beiden. Als sie sich wieder aufrichtete, stand Max mit zwei Reisetaschen vor ihr. Beiläufig küsste er sie auf die Wange. Misstrauisch betrachtete er sie. "Hattest du Besuch?" Sarah tat so, als müsste sie nachdenken. Dann nahm sie das dicke Kuvert von der Garderobe. "Das Kindermädchen war hier und hat ihre Papiere gebracht." Er stellte die Taschen im Flur ab und nahm die Unterlagen entgegen. Der Abend verlief ruhig und alle gingen früh zu Bett. Am Morgen, zur verabredeten Zeit, fand sich Ilona zur Arbeit ein. Sarah bereitete mit ihr das Frühstück. Nichts ließ darauf schließen, dass die Frauen sich schon näher kannten. Max saß unbeteiligt am Tisch und las in seiner Zeitung. Plötzlich stand er auf und verließ die Küche. Als er zurückkam, hielt er Sarahs Medizin in der Hand. Er gab die Tropfen in ein Wasserglas und füllte es mit Orangensaft auf. Dann ging er lächelnd zu seiner Frau und reichte ihr das Glas. "Liebes, deine Medizin." Unsicher sah sie auf das Glas. "Ich nehme sie nach dem Frühstück." Vorsichtig stellte sie es auf die Anrichte. Max verzog leicht den Mund und setzte sich an den gedeckten Tisch. Die Jungen saßen bereits und plauderten munter drauf los. Ilona bereitete unterdessen die Pausenbrote. Unbemerkt zog sie eine kleine Plastikspritze unter ihrer Schürze hervor. Ihr kräftiger Körper verdeckte den Blick auf das abgestellte Getränk. Vorsichtig zog sie etwas von der Flüssigkeit in den Kolben. Unbemerkt ließ sie die Probe in ihrer Kleidung verschwinden. Lächelnd gab sie den Kindern ihre Brottaschen. Sie sah auf die Uhr und nahm die Autoschlüssel vom Regal. "So meine Lieben, seht zu, dass ihr fertig werdet! In fünf Minuten ist Abfahrt!" Johlend folgten sie Ilona aus dem Haus. Max und Sarah blieben allein in der Küche zurück. Er stand auf, holte das Glas und knallte es vor Sarah auf den Tisch. Die Augen zu Schlitzen verengt, sah er zu, wie sie die Medizin ohne abzusetzen austrank. Wortlos ging er in sein Arbeitszimmer und schloss nachdrücklich die Tür hinter sich. Sie hörte ihn telefonieren und begann langsam den Tisch abzuräumen. Wenig später kam Ilona zurück. Sie lächelte Sarah zu und half ihr bei der Hausarbeit. Gegen Mittag fuhr Max ins Büro. Wie durch einen Schleier sah sie den großen dunklen Wagen vom Grundstück fahren. Sarah taumelte. Fast wäre sie gestürzt, wenn nicht Ilona rechtzeitig zur Stelle gewesen wäre.
"Ich glaube es wäre gut, wenn ich mich etwas hinlegen würde", flüsterte Sarah. Ilona brachte sie ins Schlafzimmer und setzte sich zu ihr. Nachdenklich sah sie in Sarahs fahles Gesicht. Dann nahm sie ihre Hand und drückte sie leicht. "Wir werden schon herausfinden, weshalb es dir so schlecht geht."
Einige Tage später kam Ilona aufgeregt auf Sarah zu. "Stephan ist wieder da! Er möchte sich mit dir treffen!"
Sarah überlegte, wie und wann sie das Haus verlassen könnte. Wirkliche Freundinnen hatte sie keine mehr. Auch hatte sie Angst davor, Max zu belügen. Ein vorgeschobener Termin bei der Kosmetikerin sollte ihr Gelegenheit und Zeit für ein Treffen geben. Als sie das Haus verließ, versuchte sie, ruhig und gelassen zu wirken. Innerlich war sie völlig aufgewühlt. Stephan und Sarah trafen sich im ruhigen Teil des Stadtparks. Er ging lächelnd auf sie zu. Wie selbstverständlich schloss er sie in seine Arme. Fragend schaute sie ihm in die Augen. "Ich habe den Burschen gefunden, mit dem du die Nacht verbracht hast. Ein ganz armes Würstchen! Jedenfalls konnte er sich, nachdem ich meine halbe Barschaft auf den Tisch gelegt hatte, wieder an den Abend erinnern. Er war damals nur sehr erstaunt, dass deine hübsche dunkelhaarige Freundin ihm Geld zusteckte, damit er dich auch wirklich mit aufs Zimmer nimmt!" Entsetzt riss sie die Augen auf. "Mona, die falsche Schlange! Wie konnte sie nur auf eine solche perverse Idee kommen?"
Stephan zündete sich eine Zigarette an und sprach weiter. "Das Freundchen konnte nicht widerstehen. Er brauchte das Geld und sie sorgten mit Betäubungstropfen dafür, dass du nichts mitbekamst." "Aber warum?" rief Sarah aufgebracht. "Ich habe mir den Typen noch mal vorgenommen. Schließlich hatte er eine Körperverletzung begangen! Letztendlich knickte er ein und zeigte mir einen recht aktuellen HIV-Test. Ich habe mir erlaubt, den Befund zu kopieren." Dabei zog er ein Blatt aus der Tasche und gab es Sarah. Sie las fassungslos und hob fragend den Blick. "Ich kann mich bei ihm nicht angesteckt haben!" Stephan holte tief Luft. "Jetzt solltest du auf jeden Fall einen unabhängigen Arzt aufsuchen."
Sarah setzte sich auf eine Bank und lehnte sich weit zurück. "Aber warum fühle ich mich oft so schlecht?" Er holte ein weiteres Dokument aus seiner Tasche und reichte es ihr. "Ilona hat deine tägliche Medizin untersuchen lassen. Ein übler Cocktail aus Drogen und Psychopharmaka! Davon kann es einem nur schlecht gehen!"
Wütend gab ihm Sarah das Blatt zurück. "Warum macht man so etwas mit mir?" Er seufzte. "Genau das müssen wir noch herausfinden." Dankbar legte sie den Kopf an seine Schulter und schloss die Augen. Nach einer Weile begann er, von seinem Plan zu berichten. "Du musst erstmal deine Rolle weiterspielen." Sarah nickte. "Ilona wird dir helfen, den Argwohn deines Mannes in Grenzen zu halten. Keine Angst, sie wird es verstehen, Max zu täuschen und sein Vertrauen zu gewinnen. Schließlich braucht er ja jemanden für die Kinder und den Haushalt. Hab Vertrauen, wir schaffen das!"
Augenscheinlich ging es Sarah nun immer schlechter. Sie zog sich immer mehr in ihr Schlafzimmer zurück. Ilona versorgte sie mit allem Nötigen. Selbst die von Max bereitete Medizin durfte sie ihr bringen. Zum Schein trank sie den Saft. Max war sich seiner Sache recht sicher und nun wieder häufiger unterwegs. Dadurch hatte Sarah die Möglichkeit, einen anderen Arzt in der Nachbarstadt aufzusuchen. Tatsächlich hatte sich ihr Befinden deutlich gebessert. Und doch wollte sie Gewissheit! Ihre Abwesenheit blieb dank Ilona unentdeckt.
Heimlich hatte Ilona ein Aufnahmegerät in Max´ Arbeitszimmer versteckt. Eines Morgens hatte sie ein Gespräch zwischen ihm und einer Frau mitgeschnitten. Als Sarah die Aufnahme hörte, wusste sie plötzlich Bescheid. Mona und Max machten gemeinsame Sache!
Am kommenden Wochenende sollte die Intrige ihren Abschluss finden. Die Kinder waren bei ihren Freunden, am anderen Ende der Stadt. Und Max fuhr angeblich zu einer Tagung. Was auch immer die beiden vorhatten, Sarah war allein zu Haus. Als sie Stephan davon erzählte, schlug er vor, dass sie vorerst unbemerkt das Haus verlassen sollte. Bei Ilona war sie gut aufgehoben. Stephan überlegte und ließ sich die Örtlichkeiten beschreiben. Sie sollten nur glauben, die kranke, ängstliche Sarah allein vorzufinden. Er erklärte Ilona, wie sie einige versteckte Kameras anbringen konnte. Eine annähernd menschliche Attrappe in Sarahs Bett würde den Plan perfekt machen. In der Nacht zum Sonntag schlichen Max und Mona maskiert durch den Garten zum Haus. Vorsichtig stiegen sie die Treppe zum oberen Stockwerk hinauf. Mona ging ins Bad und beschmierte Wanne und Waschbecken mit Blut. Dann ging sie auf den Balkon hinaus, hockte sich und rief leise Sarahs Namen. Max hatte unterdessen die Treppe mit einer Seifenlösung präpariert. Dann nahm er eine übel zugerichtete tote Katze und ging zu Sarahs Schlafzimmer. Behutsam öffnete er die Tür und warf den Kadaver auf das Bett seiner Frau. Blitzschnell verschwand er zu Mona nach draußen. Gespannt warteten sie. Kein Laut drang aus Sarahs Zimmer. "Vielleicht war diesmal die Dosis doch zu hoch", flüsterte Max.
Nach einer Weile ging er zur Tür zurück und lauschte. Nichts war zu hören. Wütend drückte er die Klinke und stürzte ins Schlafzimmer. Er starrte auf das Bett. Sarah hatte sich nicht gerührt. Er griff nach der Decke und zog sie herunter. Polternd rollte der Frisierkopf auf den Boden. Fassungslos starrte Max darauf. Mona kam herein und schaltete das Deckenlicht ein. Schnell zog Max die Vorhänge zu und sah ärgerlich zu ihr. Sie nahmen die Masken vom Kopf und betrachteten die Attrappe im Bett. "Der Vogel ist ausgeflogen!" zischte Mona. Er schluckte hart. "Wie war das nur möglich, bei all dem Zeug, was ich ihr gegeben habe? Die Schlampe hat uns reingelegt! Aber wenn sie glaubt, aus der Nummer noch mal rauszukommen, hat sie sich sehr getäuscht!" Beunruhigt fragte Mona: "Was willst du jetzt tun?" Er runzelte die Stirn. "Wenn sie sich nicht selbst das Leben nimmt, müssen wir ihr dabei helfen!" Schnell beseitigten sie den Schmutz und verließen das Haus.
Stephan hatte genug gesehen und schaltete die Kameras ab. Er fuhr nach Hause, wo er von beiden Frauen erwartet wurde. "Diesmal sind sie uns in die Falle gegangen. Das Material genügt, um sie für eine Weile hinter Schloss und Riegel zu bringen!" Er legte eine Pause ein und fuhr dann fort. "Wo jedoch liegt das Motiv für all diese Abscheulichkeiten?"
Genau darüber hatte Sarah in letzter Zeit viel nachgedacht. "Er wollte mich auf galante Weise loswerden! Eine Scheidung hätte ihm nichts gebracht. Meine verstorbenen Eltern haben mir allein mehrere Grundstücke vermacht."
Am nächsten Morgen fuhren Sarah und Ilona die Kinder holen. Wenn es für Max eng wurde, musste man mit allem rechnen.
Der Staatsanwalt reagierte schnell und setzte Max und Mona fest.
Wenige Tage später erhielt Sarah das Ergebnis des neuen HIV-Testes. Ihre Freude und Erleichterung über ein schlichtes "negativ" war unglaublich groß. Sie umarmte ihre neuen Freunde. Mit einem Mal war der Tag voller Farbe und Zuversicht.

(c) Matthias Schulz / Lübben


zurück zur Seite Matthias Schulz
zurück zur Seite Vita und Werke
zurück zur Startseite

Im Netz

BLAutor - Arbeitskreis blinder und sehbehinderter Autoren - www.blautor.de