Auf falscher Spur


Matthias Schulz


Langsam fuhr der Wagen durch die Innenstadt.
Kröger hatte Mühe, die angegebene Adresse zu finden. Er war es nicht mehr gewohnt, sich seinen Weg durch den Großstadtdschungel zu suchen.
Das Auto hielt vor einem grauen Bürokomplex, dessen Glasfassade mit großen Werbelettern versehen war.
“Schwarzbach Immobilien” konnte man auf einer der vielen Tafeln lesen.
Kröger warf einen flüchtigen Blick in den Rückspiegel. Er war ein wenig in die Jahre gekommen. Sein sonst dunkles Haar wurde an den Schläfen zunehmend grau.
Auf seiner etwas zu groß geratenen Nase saß eine Brille, die er zumindest zum Autofahren benötigte.
Das Safarihemd stand ihm immer noch recht gut.
Stephan Kröger war mit sich zufrieden. Zwar hatte er in den vergangenen zwanzig Jahren, in denen er in der Welt herumgekommen war, keine Reichtümer gesammelt,
aber einen unglaublichen Schatz an Erfahrungen gewonnen.
Zorniges Hupen riss ihn aus seinen Gedanken.
Er fuhr an und bog in eine Seitenstraße, um den Wagen zu parken.
Beim Aussteigen setzte er sich einen breitkrempigen Hut auf den Kopf.
Kröger war es durch die vielen Jahre in Afrika und Australien gewohnt, eine Kopfbedeckung zu tragen.
So fiel er schon ein wenig aus der Reihe, als er sich vor der Rezeption aufbaute.
“Kröger mein Name. Ich habe einen Termin mit Herrn Schwarzbach.”
Ein ältliches Fräulein mit streng zusammengesteckten Haaren sah ihn verwundert an.
“Ja, richtig, Sie werden bereits erwartet. Das Büro finden Sie in der 9. Etage.” Sie wies in Richtung des Fahrstuhls.
Oben angekommen, geleitete ihn eine attraktive Blondine, deren Parfüm ihm fast den Atem nahm, in das Zimmer des Chefs.
Der Raum war riesig und durch ein großes Panoramafenster sehr hell.
Die Einrichtung war geschmacklos, aber dafür teuer.
Hinter einem dunklen Mahagonischreibtisch saß Schwarzbach und betrachtete den Besucher.
Er hatte Mühe, sich angesichts seiner Fülle aus dem Sessel zu erheben und Kröger die Hand zu reichen.
Das unnatürlich breite Lächeln verschwand schnell aus seinem Gesicht.
Kröger saß ihm jetzt gegenüber und sah ihm in die wässrig blauen Augen.
“Schön, dass Sie so schnell kommen konnten!”
“Ich hatte grade nichts Besseres vor”, erwiderte Kröger.
“Nur” und Kröger holte tief Luft, “der Grund meines Auftrages erscheint mir doch ein wenig suspekt!”
“So, meinen Sie? Und was halten Sie von dieser Schlagzeile?”
Dabei schob er Kröger eine Zeitung hinüber.
Sein vom Nikotin vergilbter Finger bohrte sich unter die Überschrift des Leitartikels.

“Sensation im Elfensee - Krokodile greifen an!!!”

Ausgeschlossen! - war Krögers erster Gedanke. Sein Blick fiel auf das Datum der Ausgabe.
Erstaunt zog er die Augenbrauen hoch und raunte “22. April!”
Nun las er den Artikel vollständig und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
“Das Biest versaut mir mein Geschäft!” blaffte Schwarzbach.
“Die Grundstücke des Ostufers gehören fast alle mir!”
“Es ist recht unwahrscheinlich, dass ein Krokodil mitten in Deutschland und noch dazu in einem kleinen See sein Unwesen treibt! Selbst wenn das so wäre, fressen Krokodile zu dieser Jahreszeit nicht!”
Kröger hatte vor einigen Jahren in Südafrika festgestellt, dass die großen Echsen eine Art Winterschlaf halten und in dieser Zeit von ihrem Fettmantel leben.
Dabei durfte er natürlich nicht vergessen, dass er mitten in Europa war und die Sonne hier zu anderen Zeiten schien.
“Meine Kunden sind äußerst beunruhigt, und wenn das Tier weiterhin sein Unwesen treibt, bin ich in Kürze ruiniert!”
“Bis jetzt ist doch kein Mensch zu Schaden gekommen”, wandte Kröger ein.
“Ein Angler und ein paar Badegäste wollen gesehen haben, dass sich etwas Echsenartiges triefend aus dem Wasser schob. Beim Verschwinden zog es dann mehrere Enten mit sich in die Tiefe!”
Schwarzbachs Gesicht erinnerte jetzt sehr an einen vor Wut schnaubenden Pitbull.
“Ich glaube, Sie bringen dieser Angelegenheit zu wenig Ernst entgegen!” knurrte er.
Kröger wusste nun, dass er hier mit vernünftigen Argumenten nicht weiter kommen würde.
Er brauchte schließlich das Geld; warum sollte er nicht dafür auch ein Phantom jagen.
“Ich werde eine Weile brauchen, das Biest aufzuspüren.”
Schwarzbach griff in eine Schublade und zog ein dickes Kuvert hervor. Das warf er vor Kröger auf den Tisch.
“Hier haben Sie alles, was Sie brauchen. Ein Lageplan, die Hotelbuchung und natürlich Geld für eine Woche!”
Kröger nahm den Umschlag und steckte ihn sich in die Jackentasche.
“Sie werden täglich von sich hören lassen und mich auf dem Laufenden halten!”
Er nickte und stand bereits, um sich zu verabschieden. Er war froh, das Bürogebäude verlassen zu können.
Im Auto nahm er sich den Plan zur Hand und stellte fest, dass er den See noch heute Abend erreichen könnte.
Es war schon eine verrückte Geschichte, und er konnte und wollte nicht an die Krokodilstory glauben.
Es würde eine einfache Erklärung für all die Zwischenfälle geben.
Im rötlichen Licht der Abendsonne sah er die ersten Häuser des Ortes.
Bei näherer Betrachtung waren es kleine Villen, die sich zum Teil noch im Bau befanden.
Das Hotel fand er schnell und er ließ sich seinen Wagen auf den dazu gehörigen Parkplatz fahren.
Das Zimmer war geräumig und Kröger trat auf den Balkon.
Die Strandpromenade war hell erleuchtet. Das dunkle Wasser des Sees ließ sich nur erahnen.
Hier entstand ein kleines St. Tropez und Schwarzbach wusste das, dachte Kröger.
Nach einem guten Frühstück machte er sich am nächsten Morgen auf den Weg.
Der See lag ruhig und nur wenige Segelboote waren draußen zu sehen.
Kröger betrat einen Steg und sah hinaus aufs Wasser.
Nun stand er da, ein Großwildjäger nach Format und machte Jagd auf irgend etwas in einem Mecklenburger Waldsee.
Er schmunzelte und dachte an die Kumpels in Mombasa und Johannesburg.
Er würde sich ein Boot ausleihen und den See erkunden.
Zum Glück war es bis zum Bootsverleih nicht weit. Nach kurzer Zeit stoppte Kröger den kleinen Außenbordmotor und griff zum Stechpaddel.
Mit gleichmäßigen kräftigen Bewegungen trieb er das Boot voran.
Hier schien Fauna und Flora noch im Einklang zu sein.
Ein dichter Schilfgürtel begrenzte den See im Westen.
Immer wieder flogen Wasservögel auf und verschwanden mit lautem Gekreisch in den dichten Uferböschungen.
Die Junisonne stand schon tief über dem Wasser, als Kröger sich unverrichteterdinge auf den Rückweg begab.
Am Abend schlenderte er durch das Städtchen und kehrte in ein Chinalokal ein.
Der “Goldene Drache” bot ihm alles, wonach ihm der Sinn stand.
Das Lokal füllte sich schnell, und eine kleine Schar emsiger Kellner versuchte die Wünsche der Gäste zu erfüllen.
Kröger ließ sich den Entenbraten schmecken und beobachtete unauffällig die Leute an den umstehenden Tischen.
Irgendwann öffnete sich die Tür. Vom Eingang her kommend trugen zwei Chinesen eine scheinbar schwere Holzkiste nach hinten in die Küche.
Kröger, der soeben seinen Nachtisch in Empfang nahm, sprach scherzend zum Kellner:
“Hier kommt wohl der Nachschub?” und deutete auf die beiden, die gerade hinter der Küchentür verschwanden.
Dieser lächelte still, so dass Kröger nicht wusste, ob er seinen Scherz verstanden hatte.
“Auch egal”, dachte er und widmete sich seiner Speise.
Am nächsten Morgen stand er mit Jagdgewehr und Harpune ausgerüstet vor dem kleinen Boot und war sich dabei sehr wohl bewusst, wie albern sein Anblick wirken musste.
Schnell fuhr er aus dem Hafen und nahm Kurs auf die Südseite des Sees.
Er stellte den Motor ab und begann wieder, durch das seichte und etwas trübe Wasser zu paddeln.
In einer kleinen Bucht machte er das Boot fest, nahm sein Fernglas und betrachtete die Wasseroberfläche.
Es gab hier ungewöhnlich viele Entenkolonien und die Uferböschungen waren ideale Brutgebiete.
Kröger sah sofort, dass ein Zugang von der Landseite her nicht möglich war.
Er kannte die Vegetation eines Untermoores.
Er hatte sich eine Zigarette angesteckt und inhalierte den Rauch in ruhigen Zügen.
Am Abend hatte er mit Schwarzbach telefoniert. Dieser war, wie zu erwarten, mittlerweile recht ungehalten.
Er sollte - nein er musste Vollzug melden!
Nur, was sollte er hier jagen?
Nun, diese Zwischenfälle würden sich erklären lassen.
Ein Wels oder ein besonders großer Hecht wären möglich.
Kröger wusste, er musste Resultate bringen.
Und wieder nahm er den Feldstecher und suchte die Wasseroberfläche nach ungewöhnlichen Erscheinungen ab.
Plötzlich sah er etwas, was seine Aufmerksamkeit erregte.
Schnell griff er zum Paddel und trieb das Boot voran.
Er erreichte die Stelle und sah eine tote Ente auf dem Wasser treiben.
Das war sehr ungewöhnlich, denn ein großer Raubvogel oder Wels hätte sein Opfer mit sich genommen.
Kröger betrachtete sich das Tier näher und sah, dass der Hals gebrochen war.
Hier war ein Mensch zu Gange gewesen!
Es war inzwischen Abend geworden und er dachte daran wieder heimzukehren.
Einige hundert Meter entfernt konnte er ein weiteres Boot erkennen.
Durch das Fernglas sah er, dass der Kahn fest verankert war.
“Sicher Angler”, dachte Kröger.
Aber irgendwie bewegten sich die beiden da drüben eigenartig.
Ihre Körper gingen auf und nieder, als ob sie Pumpbewegungen vollführten.
Vielleicht brauchten sie Hilfe?
Kröger ließ den Motor an. Er erreichte das andere Boot und sah, dass er sich nicht getäuscht
hatte.
Zwei Männer offensichtlich asiatischer Herkunft betätigten eine Hebelpumpe.
Ihr Boot war aber völlig trocken.
Schläuche führten in das Wasser hinab. Die beiden Männer wirkten ungehalten, als sie bemerkten, wie Kröger sich für ihr Tun interessierte.
Immer mehr Luftblasen kamen jetzt an die Oberfläche.
Kröger schaute gespannt auf das Wasser.
Nun sah er, was los war und er war sich sicher, dass das, was er nun erblickte, das sogenannte “Ungeheuer” sein musste.
Ein unförmiger, bronzefarbener Taucherhelm schob sich an die Oberfläche.
Dieses Teil musste uralt sein, und doch schien es noch seinen Zweck zu erfüllen.
Der Taucher stellte sich Kröger als Mister Tri vor und erklärte ihm, dass nur unverletzte Tiere eine gute “Pekingente” ergaben. Sie dürfe nicht gemästet und auch nicht geschossen werden.
Das war also die Erklärung für all die mysteriösen Zwischenfälle.
Für Kröger war der Fall gelöst.
Sollte er die drei jetzt ans Messer liefern?
Sie kamen überein, dass die Räuberei ein Ende haben musste und Kröger sich einen großen Wels beim Fischer besorgte.
Dessen Kopf wurde präpariert und Schwarzbach als Trophäe ins Büro geschickt.
Kröger blieb noch einige Tage und war stets gern gesehener Gast im “Goldenen Drachen”.

(c) Matthias Schulz / Lübben


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