Sir James zieht ein - 2. Teil

(Sir James = die Parkinson-Krankheit)


Maria Weidenfeller - 4. Dezember 2014


Kleb dir eine - oder Sir James holt Anlauf

Diese Nacht war traumlos…ich habe wohl geschlafen wie ein Stein.
Renoviere die Küche seit Montag - ja, richtig gelesen, seit Montag - und heute ist schon Donnerstag.

Tapete herunter holen…teilweise in Zentimeterstückchen, auf die Leiter hinauf, nass machen, mit Spachtel abkratzen… So geht auch der Dienstag dahin, dahin, es geht einigermaßen, bis gegen 17 Uhr, da kommt er, und schlägt mit Macht zu. Mein Nacken, meine Schultern - Schmerz, und dann die Treppe - ich gehe in den Keller hinunter, will Kartoffeln holen für das Abendessen. Muss mich unters Regal bücken…komme kaum wieder hoch. Schüssel nicht vergessen - und dann die Treppe wieder hinauf. Verdammt noch mal, was ist los? Im Schneckentempo und Schritt für Schritt, mache ich mich auf zur Besteigung des Mount Everest, denn so kommen mir die 12 Stufen vor. Die Beine schaffen es nicht allein, ich ziehe mich auch noch mit dem Arm am Geländer hoch. Oben angekommen, geschafft, ist jetzt die Treppe immer der höchste Berg? Meine Gedanken kreisen, ich hadere mit mir selbst, massiv, wie schon lange nicht mehr. Mittwoch, weiter, zur Gymnastik, und anschließend mich wieder der Küche widmen - wo geht nur die Zeit hin, und ich habe mal grade zwei Stück Tapete an die Wand gebracht. 17 Uhr, und da ist er, von einem Augenblick bis zum nächsten, stürze in meinen Gedanken wieder einmal in das Graue Loch hinein, tief hinein. Klar werde ich nicht jünger, aber das ist bei anderen Menschen auch so. Aber so herumschleichen, wie eine Schnecke, das Gefühl, alles dehnt sich wie Kaugummi, die Zeit, und all das Tun, das Gefühl wird so massiv, und ist so oft da in den letzten Tagen.

Ansichten, Einsichten, Aussichten - so heißt mein Thread im Parkinson-Forum. Wie ich jetzt feststelle, könnte die Bezeichnung nicht treffender sein.

Ansicht - der letzten Tage - Schneckentempo!

Einsicht - besser langsam als gar nicht (verdammt noch mal, das nervt!!!), und der Psychologe hat Recht, mein Körper sagt mir deutlich, wo es lang geht, will nicht schneller und nicht mehr!

Aussicht - Ich muss mich wohl an das Dasein als Rennschnecke gewöhnen, und alles tun, damit es zumindest so noch eine Weile bleibt. Nicht den Mut verlieren, den Moment leben und mir die Lebensfreude erhalten, die schönen Dinge tun, die mich versinken lassen, und aus denen ich Kraft für den anstrengenden Tag mitnehmen kann.

(c) Maria Weidenfeller / Bilkheim


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