Sir James zieht ein - 1. Teil

(Sir James = die Parkinson-Krankheit)


Maria Weidenfeller - 2011


Die Befreiung einer Seele


Liest sich für uns an Parkinson Erkrankte als absoluten Widerspruch - auf den ersten Blick gesehen. Doch trotzdem ist es so passiert. 2005 kamen sie, die Schmerzen im Arm, einfach so und über Nacht, und sind geblieben, bis heute. Da ist Sir James eingezogen, unbemerkt, nicht von jemand eingeladen und inkognito obendrein, und ist geblieben, macht sich Stück für Stück breit. Das wurde erst sehr viel später klar, wer das ist und was er hier tut. Die Medizin kann so viel, es gibt Fachleute für alle Richtungen, Medikamente, Therapien - denkt man am Anfang. Sir James ist raffiniert - er schleicht umher, doch keiner sieht ihn, fataler noch, keiner erkennt IHN! Schmerz im Arm, Schmerz im Bein, Schmerz in der rechten Hälfte meiner selbst - die linke Seite zeigt sich völlig unbeeindruckt, ja sogar verständnislos, ein Gefühl wie durchgeschnitten, links die helle Seite, völlig in Ordnung und funktionierend, rechts die dunkle Seite, immer mehr im Chaos des Schmerzes versinkend. Was geschieht, wenn alles diffus ist, niemand so recht weiter weiß? “Ist alles psychosomatisch, geh’ halt wieder, da musst Du durch, wir können nichts tun”, und so weiter, und so weiter….Sir James wird lauter, heftiger mit Schmerzen, jetzt leidet nicht nur der Körper, die Seele schmerzt, droht sich zu vernichten, will doch nur zur Ruhe kommen, doch Sir James lauert weiter, schleichend.

Der Kurzschluss im System - die Gedanken drehen sich darum, dem allen ein Ende zu setzen, aber da ist die Familie, die hält das traurige Ich auf dieser Welt. Aufstehen, den Feind finden, ihm den Kampf ansagen - das ist noch so weit entfernt! Helfende Hände sind da, zeigen einen Weg! Einen sehr harten, steinigen Weg zwar, mit vielen harte Wochen, Monaten in der Klinik, Tiefenpsychologie, Therapie, Tränen, Medikamente als Krücke zum Laufen, der Lebenslauf - “und da wundern Sie sich noch? Das war doch alles viel zu viel!”

Wie war das noch mit dem Lebenslauf? Viele handgeschriebene Seiten, in der Lebensmitte rückblickend zusammengetragen, viel Verantwortung, keine Jugend, Kummer, Sorgen; gelernt, kleine Dinge zu sehen und sich daran zu freuen; doch etwas fehlte in all den Buchstaben: Wo warst DU, der Mensch? Geplagt von nie erkannten und schon gar nicht ausgesprochenen Schuldgefühlen, immer vorwärts getrieben, mehr arbeiten, mehr leisten, “Dich freuen hast Du nicht verdient!” - ”Freu Dich besser nicht, es gibt ja doch wieder eins auf den Deckel!”…..

Therapeuten sind besondere Wesen, sie haben die Gabe, Dinge zu wissen, die man selbst nicht wahrnimmt. Sie fragen, analysieren Antworten, fragen - und Stück für Stück kommt im Zusammenspiel der vielen Fragen und Antworten die Seele heraus, zaghaft, ängstlich, traut sich nicht zu sagen, was weh tut - nur Mut, Du Seele! Fremde Menschen und doch Seelenverwandte, sie hören zu, fragen, warten auf Antworten - wird es nicht heller im Haus und draußen, wenn endlich die Tränen geflossen sind? Da ist noch eine Sache zu klären, die eigene Wahrnehmung “Du kleine Graue Maus, Du tust Deine Arbeit und verschwindest wieder unter dem Teppich, und zum Glück hat keiner Dich gesehen!” Denkste, ist nicht, alle sehen was Du geleistet hast, was Du tust - nur Du selbst nicht! Die Schere zwischen der eigenen Wahrnehmung und der Wahrnehmung der Welt draußen, die musst Du schließen! - klare Ansage! Irgendwann…

“Du bist nicht schuld!” - “Was Du geschafft hast, reicht für zwei Leben!” - Du darfst ausruhen, musst nicht rennen bis zum Umfallen!” - “Du darfst, nein musst eine gesunde Portion Egoismus haben.” - “Du musst mit Dir selbst achtsam umgehen - mit Deinem ganzen Sein, Deinem Körper und Deiner Seele”! -“Fünfe darf man auch mal gerade sein lassen!” - “Du hast eine tolle Familie!” -

Sir James hat meine Seele befreit-
indem er meinen Körper gefangen hat….

(c) Maria Weidenfeller / Bilkheim


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