Glück


Konrad Gerull


"Das ist ja Wahnsinn!", rief Paula Hoffmann. Im Glücksspiel hatte ihr Spielstein genau auf dem richtigen Feld gestanden,und nun besaß sie plötzlich ein Vermögen. Sie konnte aus ihrem harten Kellner-Beruf aussteigen und fast alles kaufen und tun, was immer sie wollte. Mit anderen Blicken und einem neuen Lebensgefühl betrachtete sie die Geschäfte und das Treiben rund um dem Marktplatz. Sie konnte Honig kaufen bis zum Abwinken, oder sich einfach in edlen Restaurants mal richtig bedienen lassen. Chicke Kleidung kaufen, neue Möbel, alles war machbar. Sollte sie in die Stadthalle gehen und eine Oper oder Sinfonie hören, oder gar eine Veranstaltung mit Bauchtanz, die da gerade angeboten wurde? Sie lachte. Ach was, rund um den Erdball konnte sie reisen,in Länder, wo Milch und Honig fließt. Leicht wie eine Feder konnte sie durch das Leben schweben, Freunde konnte sie einladen, und vielleicht auch endlich einen festen Lebenspartner finden.

Da hielt sie ein, die Vielfalt der Möglichkeiten verwirrte und verunsicherte sie. Sie war es nicht gewohnt, in ihrem Leben so gewaltige Entscheidungsspielräume zu haben und so viel frei gestaltbare Zeit. Das machte ihr plötzlich sogar Angst: Angst vor der übergroßen Freiheit der Möglichkeiten, Angst vor Fehlentscheidungen, Angst vor einer inneren Leere - als Folge der Beliebigkeit, Angst betroben zu werden oder nur um des Geldes willen geliebt zu werden.

Gedankenvoll kam sie nach Hause. Dort fand sie ihren Kater Mirko auf dem Sofa liegend, lang ausgestreckt schlafend. Sie streichelte ihn, und er schnurrte behaglich. "Ach, hast du es gut", sagte sie.

(c) Konrad Gerull / Bielefeld


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