Auf die Bahn gebracht


Konrad Gerull


"Halt" schrie Frau Kampmann auf, "Halt! Hilfe! Ich muss doch noch aussteigen!"
Doch es war schon zu spät. Die Tür war zugeschlagen, und langsam setzte sich der Nachtzug in Bewegung. Er würde erst 3 Stunden später wieder halten, und es würde nachts nicht einmal mehr einen Zug zurück geben.
Der Schreck war groß. Frau Kampmann hatte ihre Tochter Monika doch nur zum Zug bringen wollen, sich selbst traute sie als stark sehbehinderte verwitwete Frau seit mehreren Jahren keine größere Urlaubsreise mehr zu. Im Gegenteil, sie hatte sich immer mehr in ihr Haus zurückgezogen und war dabei zunehmend vereinsamt.
In das lange hilflose Schweigen hinein sagte Monika plötzlich: "Ach was, Mama, fahr doch einfach mit mir in den Urlaub."
Die verblüffte Mutter reagierte spontan und heftig: " Was denkst du dir! Ich habe doch nicht mal eine Fahrkarte, und erst recht kein Hotel!"
"Kein Problem", erwiderte Monika nach kurzem Nachdenken, "ich gebe dir meine Fahrkarte und fahre dann als Begleitperson einer Sehbehinderten kostenlos mit. Und in meinem Hotel habe ich sowieso ein Doppelzimmer nehmen müssen, da ist das Bett neben mir noch frei."
Die Mutter schien irritiert, zögerte einen Moment, und sagte dann, kaum weniger energisch: "Aber ich habe doch gar nichts dabei für einen Urlaub, nur meinen Mantel und die Handtasche."
"Macht doch nichts", sagte Monika sofort und nun auch bestimmter, "ich habe viel zu viel Kleidung mit, und du hast meine Körpergröße, das passt und steht dir auch. Und in dieser Jahreszeit ist es dort immer warm, ein Gewitter mit Blitzschlag und Donner zieht schnell vorbei."
Die Mutter schien zunehmend verunsichert, aber schnell fiel ihr der nächste Vorbehalt ein: "Aber zu Hause ist doch der Kater unversorgt, ein Tischtuch hängt noch an der Wäscheleine, die große Blume muss gegossen werden und meine Schreibmaschine steht noch auf dem Gartentisch, und so weiter ..."
"All das ist kein Problem", sagte Monika, "wir rufen einfach Frau Wilke mit dem Handy an und erklären ihr, was sie tun soll, die ist doch sonst auch immer so hilfsbereit!"
Die Mutter blickte um sich, als suche sie verzweifelt nach einem Rettungsanker. Schließlich fasste sie sich und sagte mit einer etwas schwermütigen Stimme: "Mag sein, das du recht hast, all das könnte irgendwie klappen. Aber eins bleibt doch: Wenn ich mitfahre, falle ich dir ja unterwegs zur Last, und du hast gar keinen schönen Urlaub mehr!"
"Das lass mal meine Sorge sein, so oft schon habe ich dich zu einer gemeinsamen Reise eingeladen, und du bist mit immer neuen Vorwänden ausgewichen. Nun hat das Schicksal in deinem Sinne zugeschlagen, nimm das doch einfach an!"
Es entstand eine gedankenschwere Pause. Dann gab sich die Mutter einen erkennbaren Ruck, fiel ihrer Tochter um den Hals und schluchzte:
"Ich danke dir, du hast recht. Ich bin wohl doch in die richtige Bahn geraten."

(c) Konrad Gerull / Bielefeld


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