Das Josefs-Märchen


Konrad Gerull


Ein armer, aber kinderreicher Bauer hatte seinen jüngsten Sohn Josef ins Kloster geschickt, denn als Mönch würde er zeitlebens gut versorgt sein, und den Hof sollte ja der älteste Sohn erben.

Josef hatte sich in dieses Schicksal gefügt. Es gefiel ihm allmählich im Kloster sogar, und er fand manche Freundschaft. Aber im Laufe der Zeit fehlte ihm etwas ganz Bestimmtes, das über Freundschaft hinausging. In seiner Not reagierte er seine inneren Bedürfnisse allein ab. Dabei wurde er einmal erwischt. Der Abt drohte, wenn er das weiterhin tue, würde er in die Hölle kommen.

Josef war nun richtig unglücklich und haderte mit seinem Schicksal. Zwar fand er im Laufe der Zeit heraus, dass andere Mönche ähnliche Probleme hatten und wohl auch Notlösungen dafür fanden, aber das half ihm nicht. Und leibliche Genüsse, wie leckerer Kuchen konnten das Fehlende einfach nicht ersetzen.

Doch eines Tages ergab sich eine seltsame und überraschende Wendung:
Josef saß gerade in der Klosterkirche und schaute verträumt auf das Bild eines Propheten, das von einem Leuchter angestrahlt wurde. Plötzlich schien sich dessen langer, weißer Bart zu bewegen. Und tatsächlich, bald bewegte sich die ganze Gestalt, und der Prophet sprach ihn an und sagte: "Lieber Josef, bitte beherrsche deine Ungeduld. Es wird ein Tag kommen, da besucht eine hübsche Frau das Kloster, mit langen schwarzen Haaren und einer Perle im Haar. Sie wird dich anlächeln und dir fest in die Augen blicken. Wenn sie geht, so folge ihr unauffällig. Sprich sie an und umarme sie. Sie wird deine Umarmung erwidern, und alles weitere findet sich dann wie von selbst."

Ehe Josef noch darauf reagieren oder etwas nachfragen konnte, war die Gestalt des Propheten wieder so unbeweglich wie zuvor. Joseph zitterte am ganzen Körper, so getroffen war er von dieser übersinnlichen Verheißung. Doch er behielt sein Erlebnis ganz für sich, denn ohnehin würde es ihm niemand glauben.

Durch seine neue Hoffnung und Zuversicht gewann er wieder neue Kraft und Lebensfreude. Besonders verdient machte er sich um die Verschönerung des Klosters und seiner Außenanlagen, so dass mehr Besucher angelockt wurden.

Josef führte ein recht glückliches Leben. Und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt - und hofft - er heute noch.

(c) Konrad Gerull / Bielefeld


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