Eingeholt


Konrad Gerull


An diesem Sonntagmorgen waren sie besonders früh aufgebrochen, denn der Wetterbericht hatte einen herrlichen Tag versprochen. Nun radelten sie im klammen Frühdunst das wunderschöne stille Bachtal hinab.
Es war idyllisch: Nebelschwaden vor den noch dunklen Berghängen,verwaschene Spiegelungen auf dem träge dahinströmenden Bachlauf, geisterhaft geformte Weidenbüsche in den dunstigen Uferzonen, ein Reiher im Wasser, ein noch fest schlafender Zeltplatz, ein wunderschön angelegter Schrebergarten, silbrige Sonnenstrahlen durch den Wald, weiße Felsblöcke am Hang gegenüber im ersten warmen Sonnenlicht. Rosi und Ulrike ließen sich auf ihren Rädern langsam durch die stille Landschaft treiben und nahmen beglückt jedes neue Detail dieser friedlichen Morgenstimmung wahr.
Gerd und Uwe dagegen nutzten das leichte Gefälle und die morgendliche Frische zu einer sportlichen Herausforderung: Sie traten, sich wechselseitig anspornend, mit aller Kraft in die Pedalen und setzten sich schnell weit ab.
Erst nach fast 2 Stunden kamen Rosi und Ulrike nach: am Ortseingang einer Kleinstadt kurz nach dem Ende des schönen Tals. Dieses Städtchen war offenbar gerade vom ersten wärmenden Sonnenlicht erwacht, es roch nach Kaffee und Brötchen.
In die besinnliche Stille hinein schlug die Glocke der übermächtigen gotischen Kirche. Rosi schlug eine kurze Besichtigung vor,und so stiegen sie ab und traten ein. Die Orgel begann gerade zu spielen, erst in feinsilbrigen spielerischen Läufen, dann mit immer vollerem Klang, bis sie schließlich mit mächtigen Akkorden den gewaltigen sonnendurchfluteten Kirchenraum ausfüllte, um schließlich mit festlichem Glanz zur Melodie eines Chorals überzuleiten. Aber was war das? Erst ein seltsam schluchzendes Geräusch, und dann weinte plötzlich Rosi laut und hemmungslos, hörte gar nicht wieder auf.
Die drei anderen standen irritiert und ratlos um sie herum. Schließlich schluchzte sie, sich mehrfach unterbrechend: "Bitte verzeiht mir. Die Kraft der Orgelmusik in dieser prächtigen Kirche trifft mich wie ein Schlag. Es ist wie ein Traum, es ist die Heimkehr in meine religiöse Kindheit, die ich seit vielen Jahren völlig vergessen und verdrängt hatte. Und nun kommt es so urgewaltig und plötzlich, und das direkt nach dem stillen Morgen, den ich so tief empfunden habe, wie das Nacherleben der Schöpfung."
Nur für sich selbst fügte sie ganz leise und gedankenvoll an: "Gottes Wille?"

Und dann sagte sie, ein paar Tränen trocknend, mit festerer Stimme: "Bitte lasst mich eine halbe Stunde allein, ich brauche diese Zeit für mich."
Ulrike schaute sie ganz überrascht und mitfühlend an, als wolle sie fragen: "Du? Das bist du?" Und sichtlich mitgetroffen zog sie sich auf eine abseits gelegene Kirchenbank zurück.
Uwe, der zuvor am ehrgeizigsten vorausgebraust war, ging hinaus und ließ sich wie benommen auf ein kleines Rasenstück fallen und blieb dort lange reglos liegen, die Hände vor das Gesicht geschlagen. Plötzlich rief er vor sich hin: "Danke!"
Und danach blieb er genießerisch ausgestreckt im nun schon warmen Sonnenlicht liegen, keine Eile mehr kennend.
Gerd stand unterdessen verlegen und ratlos abseits in der Nähe der Fahrräder. Er schaute immer wieder verstohlen auf die Uhr. Was ist denn jetzt auf einmal los, dachte er, der Tag hat doch so schön angefangen!

(c) Konrad Gerull / Bielefeld


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