Ich tanze

(Rubrik: Sinnsuche)


Katrin Dinges


Ich tanze mit den Füßen im Regenbogen.
In den Wolken versinke ich fast.
Meine ausgestreckten Arme sind starke Pflanzen.
Meine Finger Sonnenstrahlen.
Meine Haare die Strahlen des Mondes.
Mein Atem der Wind und meine Augen die Sterne.
Ich tanze zu einer unhörbaren Melodie.
Zu einem Lied, das aus meinem tiefsten Innern kommt
aus dem Urgrund der Erde, aus dem uralten, unendlich begrenzten All.

Ich tauche hinab durch die Luftschichten und versinke im Wasser der Meere.
Ich bin der Nebel der Wälder, der Raureif des Herbstes und der Schnee
der kalten Tage.
Ich bin der Dampf, der zu den Wolken aufsteigt und als Regen wieder
auf die Erde fällt.
Ich bin das Lebenselixier, der Stoff, aus dem alles gemacht ist.

Ohne mich könnte niemand leben.
Doch ich bin auch voller Widersprüche.
Voller Harmonie und Zwiespalt.
Voll Vielfalt der Seinszustände.
Ich bin gefroren, kalt oder warm,
bin Dampf in der Luft oder flüssig auf der Erde.

Durch alle Wasser laufe ich, auf allen Ländern bin ich zu Hause.
Ich flieg mit dem Wind, tanze mit den Wellen und wandle mit den Gezeiten.
Ich ströme durch Menschen und Tiere, durch Pflanzen und Steine
und forme sie mit meinem immer gleichen, ewig wechselnden Wesen.

Nennt man mich Wasser, irrt man sich sehr.
Ich bin mehr als das und doch viel weniger.
Ich bin unsichtbar, kenne viele Formen.
Ich bin gefunden und verloren.

Ich lache und weine zugleich.
Ich bin die Mitte des Regenbogens,
im Zentrum zwischen zwei widersprüchlichen Polen.
Sie ziehen mich in beide Richtungen zugleich.
Magnetisch bin ich nicht, doch unendlich sinnlich.

Ich genieße jede Berührung, jede Begegnung nehme ich als unschätzbares
Geschenk dankbar an.
Ich tanze mit dem Wind und den Wellen,
streichle die Wesen der Welt mit meinem Federstab
und gleiche aus, wo Ungleichgewicht herrscht.

Ich bin Mond und Sonne zugleich und alle Sterne,
Tag und Nacht, zeitlos und im Augenblick schwebend.

Ich bin ein Wunder.
Und doch etwas so gewöhnliches, dass mich die meisten Wesen kaum bemerken,
weil ich so selbstverständlich in ihnen verweile, dass ich schon zum
Alltag gehöre.

Still setze ich meinen Weg fort, lächle versonnen und freue mich über
alles, was ich erlebe.

(c) Katrin Dinges / Berlin


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