Ich bin Israia

(Rubrik: Sinnsuche)


Katrin Dinges


Ich bin Israia

Ich bin Israia, die Schwester der Sterne.

Die Tochter von Mond und Meer,
von Wind und Wolken,
von Sonne und Stein.

Ich bin im Gischtschnee geboren -
eine Blüte am Baum des Duftschneeballs bin ich.

Ich entstamme einer hallenden Felsenhöhle -
Aus dem tiefen Dunkel der Erde komme ich.

Meine Wurzeln wachsen tief in die Erde,
in feuchtkühlen Humus reichen sie hinab.

Meine Mitte ist fest und stark gefügt -
Sie hält mich aufrecht und gibt mir die Kraft zum Leben.

Mein Haupt ist weit verzweigt und bietet Schutz und Schatten. -
Grün ist mein Laub und weiß die Blüten.

Weiß bin ich auch, wenn ich mich erhebe.
Ich breite meine Schwingen weit aus und fliege über Land.

Ich blicke auf die Wellen unter mir -
auf den tiefblauen Himmel über mir

auf die vielen Wesen dieser Welt -
auf die Lichter im Firmament.

Still senke ich mich nieder, schließe meine Schwingen
und ruhe mich auf klarem Wasser aus.

Bis ich zuletzt zum Gischtschnee mich verwandle,
dem Ursprung wieder gleich und doch verwandelt.

Leichtfüßig springe ich über Wellenkämme
Lache und weine, singe und tanze ausgelassen.

Wie ein Delphin in den Wellen spiele ich,
wie der Schaum auf den Wellen bin ich die Krone.

Federleicht und erdenschwer zugleich.

Mein Lied formt sich aus dem Raunen der Wogen,
aus dem Murmeln der Kiesel und der Sphärenmelodie.

Der Rhythmus stammt aus uralten Tagen,
von allen Richtungen strömen die Funken herbei,
die Neues in mir entzünden.

Von Osten und Westen,
von Süden und Norden,
von oben und unten und innen kommen sie.

Jedes Wesen mit seiner ganz persönlichen Sprache,
mit der innersten Seele, den Mythen, Liedern und Tänzen
formt mich innerlich mit.


Ich lausche hingebungsvoll -

ich spüre den Klängen nach -

Ich sehe die herrlichen Farben der Gewänder und prächtigen Landschaften
der Seelen und der Natur -

Ich nehme in mich auf die Düfte und Geschmäcker, die vielfältigen
Speisen und Erzählungen.

Ich fühle die Berührungen mit allem Lebendigen.


Mit den Wesen um mich herum,
den Menschen, Tieren, Pflanzen, Steinen
bin ich fest verbunden.

Dies alles zusammen ergibt meine Welt.


Schließe ich einmal die Augen
sehe ich mit meinem Inneren umso mehr.

Ergebe ich mich der Stille,
sind die inneren Töne umso deutlicher zu vernehmen.


Ich strecke meine Seelenfühler aus
und berühre die Wesen, die mir nahe kommen.

Auch sie berühren mich in einem Austausch und ständigen Wechsel.

Welch wundervolles Seelenfest!

Für jeden das einzigartige, unverwechselbare Wogen
dessen, was in uns stetig weiterklingt.

(c) Katrin Dinges / Berlin


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