Der Garten der Talente

(Rubrik: Sinnsuche)


Katrin Dinges - 21.12.2011


Es war einmal ein Junge, der wollte sehr viel wissen und lernen. Aber seine Eltern und Lehrer interessierten sich leider nicht genügend für ihn, so dass seine Fähigkeiten nicht richtig ausgebildet wurden. Als er älter wurde, konnte er deshalb weder den angestrebten Schulabschluss ablegen, noch den Beruf wählen, den er sich gewünscht hätte. Darüber war er sehr traurig. Wenn ihr jetzt aber glaubt, er sei deswegen ein verbitterter Mensch geworden, der allen grollte, die mehr wussten und mehr erreicht hatten, als er selbst, dann irrt ihr euch gewaltig. Er beschloss stattdessen, sich davon trotz allem nicht entmutigen zu lassen. So begann er, alles Wissen anzusammeln, das er finden konnte, über die unterschiedlichsten Themen. Bald war er, ohne es zu merken, ein sehr belesener und kluger Mann geworden.

Eines Tages begegnete er einer jungen Frau. Sie hatte im Gegensatz zu ihm mehr Glück gehabt: Sie war als Kind sehr gut gefördert worden und es war ihr immer leicht gefallen, Dinge zu lernen. Zumindest die, die sie auch interessierten. Sie studierte an der Universität und besaß trotz ihrer Jugend - sie war fast fünfzehn Jahre jünger als er - ein enormes Potential an Wissen und Klugheit. Sie war zudem musikalisch und spielte zwei Instrumente, was ihn besonders beeindruckte. Er selbst hatte nie ein Instrument spielen gelernt und genoss es, ihr zuzuhören. Auch sie hatte viel gelesen und sie hatte ihm einiges voraus. Er sagte ihr das und betonte es immer wieder, während ihre Freundschaft wuchs und gedieh wie ein junger Baum in einem gut gepflegten Garten. Auch betonte er, wie viel sie ihm voraus habe. Ihre Erwiderung, auch er besitze ein großes Potential und sie könne viel von ihm lernen, glaubte er ihr nicht.

Eines Tages sagte sie ihm, sie wolle einen Ausflug mit ihm machen. Er freute sich und willigte gern ein. Sie fuhren an den Stadtrand und er war erstaunt, als sie dort das Tor zu einem kleinen Garten aufschloss. Sie zeigte ihm zwei Beete, beide voll üppig blühender und wachsender Blumen und Kräuter. Es standen auch einige Bäume und Sträucher im Garten, aber sie wirkten eher struppig und ungepflegt. Außer den beiden Beeten gab es noch viel verwilderten Rasen. „Es ist sehr schön hier“, sagte er. „Aber was wolltest du mir jetzt zeigen?“ „Sieh dir diese Beete an“, forderte sie ihn auf. „Erkennst du da einen Unterschied?“ Er betrachtete die Beete genauer. Nach einer Weile schüttelte er den Kopf. „Eigentlich kann ich keinen Unterschied daran erkennen“, sagte er. „Aber das eine Beet sieht etwas verwucherter aus als das andere. So als hätten dort Blumen und Kräuter einfach so und ohne große Planung Fuß gefasst.“ „Ja, da liegst du fast richtig“, sagte sie lächelnd. „Der Unterschied besteht darin, dass in dem einen Beet mehr Planung und Sorgfalt an den Tag gelegt wurde. Es sieht auch schöner aus, finde ich, so fröhlich und unbefangen und gleichzeitig liegt so viel Ruhe darin. In dem anderen Beet wuchert es wilder, weniger geplant und doch auf wunderbare Weise geordnet und schön. Ich finde, dass beide Beete je einem Teil von uns entsprechen: Bei mir war am Anfang des Lebens mehr Planung, aber dadurch fiel mir auch vieles zu, um das andere hart kämpfen mussten. Daher habe ich das Wachstum meines Wissens und meiner Talente als selbstverständlich angesehen und mich nicht weiter darum gekümmert. Später kam dann eigene Planung und Arbeit dazu, als ich mir bewusst wurde, dass man seine Talente pflegen muss, weil sie sonst verkümmern, wie die Blumen in meinem Beet. Bei dir dagegen gab es am Anfang Wildwuchs und niemand achtete sonderlich auf das, was du gebraucht hättest. Später hast du jedoch den Entschluss gefasst, dich auf eigene Faust zu bilden und nicht zu resignieren oder diejenigen zu hassen, die mehr wissen als du. Im Gegenteil: Du bewunderst sie sogar und versuchst, von ihnen zu profitieren und dir ihr Wissen anzueignen. Aber du hast vorhin gesagt, dass beide Beete schön sind. So sieht es auch mit den Landschaften unserer Seelen aus: Auch du hast ein schön bepflanztes Beet in dir, an dem andere sich erfreuen können. Für mich ist es vor allem deine Neugier, deine Fähigkeit, über Dinge zu staunen und deine Begeisterungsfähigkeit, alles Dinge, die ich selbst nach und nach verlernt habe. Das eine Beet profitiert sozusagen vom anderen: Durch den Wind und durch Insekten werden Samen und Blütenstaub ausgetauscht, aber Wind, Sonne und Regen bekommen sie beide.“

Er schwieg lange, überwältigt von diesen Worten. Schließlich sah er sich erneut im Garten um und fragte: „Aber was ist mit dem unbepflanzten Rasen, mit den verkümmerten Sträuchern und Bäumen, die in unserem Garten stehen?“ „Das sind die noch unentdeckten oder vernachlässigten Fähigkeiten“, erwiderte sie. „Jeder Mensch besitzt ein unglaubliches Potential, das es zu pflegen und zu nutzen gilt. Aber was aus dem bisher ungenutzten Teil des Gartens entsteht, entscheidet jeder ganz für sich allein. Außerdem gibt es zwei Verstecke im Garten: Eines für dich und eines für mich. Sie verkörpern das Geheimnis, das jeder Mensch tief in seinem Innern trägt und das oft nicht einmal er selbst kennt. Aber dieses Geheimnis ist sehr wichtig, denn es macht die Besonderheit und Einzigartigkeit jedes einzelnen Menschen aus. Eine Schriftstellerin, die ich sehr bewundere für ihre Art, das Wesentliche im Leben in Geschichten aufzuzeigen, schreibt, dass man sich immer daran erinnern soll, dass es dieses Geheimnis gibt und dass man es achten soll.“

Schweigend fuhren sie zurück zur Stadt. Aber sie beschlossen, bald zurückzukehren und gemeinsam an ihrem Garten, ihren Beeten und vor allem an dem noch ungenutzten Teil ihres Gartens zu arbeiten. Und außerdem würden sie sich auf die Suche nach ihrem jeweiligen Geheimnis machen.

(c) Katrin Dinges / Berlin


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